Wenn die Babyboomer in Pension gehen

Die flexible Weiterbeschäftigung von motivierten Rentnern muss für alle Arbeitgeber zum wichtigen Ziel werden – aus eigenem Interesse.

Wandern und Reisen sind das Ziel aller Frischpensionierten – bis es ihnen vor lauter anderen Senioren langweilig wird. Foto: Reto Oeschger

Wandern und Reisen sind das Ziel aller Frischpensionierten – bis es ihnen vor lauter anderen Senioren langweilig wird. Foto: Reto Oeschger

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In den USA kämpfen eine 68-Jährige und ein 70-Jähriger um das mächtigste Amt der westlichen Welt. In der Schweiz hat sich die Zahl der über 65-Jährigen, die über das Pensionierungsalter hinaus arbeiten, innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt. Und wenn sich in Zürich zwei 45-Jährige über ihre Zukunftsaussichten unterhalten, sagt garantiert einer: «Bis wir so weit sind, müssen wir wohl bis 70 arbeiten.»

Das Pensionierungsalter, also der Übergang vom stressigen Brotjob zum ersehnten Rentnerdasein, ist heute eine der sozialen Schlüsselfragen. Volkswirtschaftlich stehen die Zeichen auf Sturm. Während es vielen der angehenden Pensionäre – der Schreibende inbegriffen – so gut geht wie wohl noch kaum einer Generation vor ihnen.

Diese explosive Mischung – immer mehr Rentner, immer weniger Arbeitende, die in Pensionskasse und AHV einzahlen – hat eine erfreuliche Ursache. 65-Jährige sind heute noch vielfach topfit, körperlich durch Sport und gesunde Ernährung voll im Schuss, am Computer und Handy fast so gut wie die Jungen.

Die Neurentner von heute sind mit dem goldenen Löffel im Mund geboren. Sie haben den Wirtschaftsboom Ende der 90er-Jahre mitgemacht, haben regelmässige Lohnerhöhungen kassiert, sitzen auf einer guten Pensionskasse und haben häufig noch gespart und geerbt. Sie haben alle Abbau- und Frühpensionierungswellen – zum Beispiel im Bankensektor – überstanden, sind nach einer erfolgreichen Karriere selbstbewusst und bestens vernetzt; sie wissen, wie in ihrer Firma der Töff läuft.

Wer kann es diesen Rentnern, die gute Chancen haben, weit über 80 zu werden, verübeln, wenn sie weitermachen, ihren erreichten Status weiter auskosten und die vertraute Umgebung am Arbeitsplatz mit den lieben Arbeitskollegen noch etwas geniessen möchten? Die Alternative ist vielleicht doch nicht so rosig. Wandern und Reisen geben alle als ihr Pensioniertenziel an. Bis sie vor lauter anderen grauhaarigen, stockbewaffneten Rotsocken und fidelen Schweizer Touristen an jeder Ecke der Welt beim Palavern über Enkelkinder und Geheimtipps die tödliche Langeweile packt.

Diese neue Lust der privilegierten Ü-65, weiter in reduziertem Umfang arbeitstätig zu sein, kann in einer Firma zu Spannungen führen. Dann nämlich, wenn gleichzeitig ein Einstellungsstopp für Junge besteht, Budgets gekürzt werden, 50-Jährige keine Perspektiven mehr sehen und ausgebrannt sind oder wenn einer ganzen Generation der Umwandlungssatz der Pensionskasse gesenkt wird, während die Alten unter Schutz stehen. «Die Alten nehmen den Jungen die Jobs und die Renten weg», heisst es dann.

Die Geburtstagsfalle

Junge gegen Alte und Mittelalterliche gegen Pensionierte auszuspielen, mag heute in einigen Betrieben noch berechtigt sein. Sehr bald aber ist das kein Argument mehr in der Diskussion um ein flexibles – und wohl höheres – Rentenalter. Das Statistische Amt des Kantons Zürich liefert dramatische Zahlen: In rund fünf Jahren feiern mehr Einwohner ihren 65. Geburtstag, als dass 20-Jährige eine wilde Party schmeissen dürfen. Der Vergleich dieser beiden Geburtstage wird als Mass verwendet, um das Verhältnis der neu ins Erwerbsleben einsteigenden zu den in Rente gehenden Personen auszudrücken.

Das heisst: Ohne Zuzüger aus dem Ausland wird die arbeitende Bevölkerung bald abnehmen. Das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative, der drohende Spezialistenmangel und die unsichere Personenfreizügigkeit sind alles Argumente gegen ein starres Pensionierungsalter 65, wie es heute bei vielen Firmen und vor allem auch beim Staat noch gehandhabt wird. Eine löbliche Ausnahme sind die Busbetriebe der Stadt Zürich, die in einem Pilotversuch die Weiteranstellung von pensionierten Bus- und Trampiloten testen. Lieber die alten Kollegen weiterbeschäftigen als deutsche Busfahrer anstellen, mag man sich bei den VBZ sagen.

Bei den meisten Firmen und auch den staatlichen Betrieben steckt die Förderung der Altersarbeit dagegen noch in den Kinderschuhen. Dabei ist heute glasklar, dass das AHV-Alter flexibilisiert werden muss. Die Frage dreht sich nur noch um das Modell. Bundesrat Alain Berset schlägt in seinem Paket «Altersvorsorge 2020» eine flexible Rente – AHV und Pensionskasse – vor, die zwischen dem 62. und dem 70. Altersjahr bezogen werden kann. Der Zeitpunkt der Pensionierung kann damit frei gewählt werden. Arbeitswillige Senioren haben die Möglichkeit, ihr Pensum ab 62 Jahren stufenweise zu reduzieren.

Bauarbeiter mit 60, Anwälte mit 70

Der frühere EVP-Nationalrat Heiner Studer hatte bereits 2003 ein Lebensarbeitszeitmodell von 40 Jahren vorgeschlagen, das gemäss dem Zürcher Seniorenpräsidenten Anton Schaller auch 44 Jahre betragen könnte. Dieses Modell hat ein sehr soziales Ziel: Bauarbeiter, Maler, Gipser oder Magaziner haben meist schon vor 20 mit harter körperlicher Arbeit begonnen und sind mit 60 häufig körperlich ausgelaugt. Sie könnten sich mit diesem Modell ohne Einbusse früher pensionieren lassen als Rechtsanwälte, Architekten oder Ärzte. Diese haben bis 30 studiert, ein Leben lang mehr verdient als der Handwerker und haben keine arbeitsbedingten Gebresten.

Heute leisten für jeden AHV-Bezüger drei aktive Arbeitnehmer Beiträge, 2030 werden es nur noch zwei Aktive sein. Die Pensionierungswelle der Babyboomer – der geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1964 – ist im Anrollen. Sie selber haben weniger Kinder auf die Welt gebracht als ihre Eltern, werden aber länger leben. Man muss nicht Versicherungsmathematiker sein, um zu erkennen: Ohne Korrektur kommts mit den Sozialwerken nicht gut.

Die Arbeitgeber erreichen eine Win-win-win-Situa­tion, wenn sie motivierten Senioren mit einem flexiblen Pensionierungsplan entgegenkommen: Sie tun etwas gegen den drohenden Fachkräftemangel und zur Sanierung der AHV – und sie dämpfen erst noch den Pensionierungsschock ihrer Silver Worker.

Erstellt: 05.08.2016, 19:07 Uhr

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