Wenn die Krankenkasse die Krebs-Behandlung nicht bezahlt

Auch wenn es um Leben und Tod geht – Krankenkassen verweigern mitunter die Übernahme der Behandlung. Gesundheitsexperten propagieren nun ein neues System.

Manche Krebspatienten bezahlen ihre Behandlung selber: Bestrahlung im Spital Vevey.

Manche Krebspatienten bezahlen ihre Behandlung selber: Bestrahlung im Spital Vevey.

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Betroffene wissen es schon. Andere erschrecken, wenn sie den Beitrag hören, den die SRF-Sendung «Echo der Zeit» am Dienstag ausgestrahlt hat: Wer Krebs hat, bekommt seine benötigte Therapie nicht unbedingt von der Krankenkasse vergütet. Es hängt vom Entscheid der jeweiligen Krankenkasse ab, ob sie die Kosten, die schnell einmal 100'000 Franken betragen können, übernimmt. Der Grund: Bei Krebspatienten versuchen es Ärzte oft mit Medikamenten und Therapieformen, die für die betreffende Krankheit nicht offiziell vorgesehen oder zugelassen sind. Ein geschätztes Viertel aller Patienten in der Schweiz wird im sogenannten Off-Label-Use behandelt. Bei Krebspatienten ist es ein Drittel.

Onkologen kritisieren, dass die Ablehnungsquote der Krankenkassen bei Krebstherapien seit einiger Zeit zunehme, was umso stossender sei, als die Entscheide willkürlich und nach von Kasse zu Kasse unterschiedlichen Kriterien gefällt würden. Zitiert werden in der Radiosendung ein Lungenkrebs-Patient und sein Arzt, die von der – nicht namentlich genannten – Krankenkasse eine Absage erhalten hatten für eine Immuntherapie mit anschliessender Chemotherapie. Besonders absurd an dem Beispiel: Die umgekehrte Reihenfolge, zuerst Chemo- und dann erst Immuntherapie, würde die Kasse übernehmen. Trotz gleichbleibender Kosten. Sie ist in den Augen des Arztes aber weniger wirksam. Die Krebsliga hat nun eine Anlaufstelle für Betroffene eingerichtet.

«Fieses System»

Die alleinige Kritik an den Krankenkassen greife zu kurz, sagt Felix Schneuwly, Sprecher bei Comparis, früher beim Kassenverband Santésuisse. «Die Kassen führen nur die Rolle aus, die das Gesetz ihnen zuschreibt.» Diese Rolle sei eine denkbar schwierige – die Krankenkassen müssten sich in den Preisverhandlungen gegen die viel stärkeren Pharmahersteller behaupten. «Es handelt sich um Situationen, in denen jemand todkrank ist, also ein Medikament dringend braucht. Wie soll man aus dieser Situation heraus souverän und auf Augenhöhe verhandeln?», sagt Schneuwly. Das Fiese seien die Spielregeln, die den Kassen einseitig den Schwarzen Peter zuschöben. Die Politik hätte es in der Hand, diese zu ändern, sagt Schneuwly. Er schlägt ein Vergütungssystem vor, bei dem der Preis eines Medikaments erst definiert wird, wenn seine Wirksamkeit erwiesen ist.

«Pay for Performance» heisst das Modell, das auch von Roche und Novartis propagiert wird. Severin Schwan, CEO von Roche, hat den Vorschlag vor einigen Jahren zur Diskussion gestellt; Novartis-Chef Joe Jimenez hat ihn am diesjährigen WEF in Davos bekräftigt. Einer Studie zufolge könnten die Gesundheitskosten in den USA damit um ein Viertel sinken, sagte Jimenez. Das heutige System bedeute «eine riesige Verschwendung». Hintergrund der Offensive von Joe Jimenez war die massive Kritik an überhöhten Medikamentenpreisen, die unter anderen Themen den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf geprägt hatte.

Geld-zurück-Garantie evaluieren

Offenbar gibt es eine weit verbreitete Offenheit gegenüber einer Evaluation dieser Geld-zurück-Garantie. Auch Krebsliga-Vorstandsmitglied Thomas Cerny, Chefarzt am Kantonsspital St. Gallen, würde ein Pilotprojekt in der Schweiz begrüssen. Es gäbe dabei für den Gesetzgeber einige Hürden zu umschiffen, und ein solches System könnte wohl nicht für den gesamten Medikamentenmarkt angewendet werden, sagt Cerny. «Doch man müsste das System evaluieren.»

Dasselbe sagt der Berner Gesundheitsökonom Heinz Locher. Allerdings warnt er vor verfrühter Euphorie, denn jedes System berge Stärken und Schwächen. Nationalrätin Ruth Humbel (CVP, AG) ist ebenfalls offen: «Man müsste es ausprobieren.» Zurückhaltend gegenüber einer derartigen Innovation ist man dagegen beim Bundesamt für Gesundheit. Das zeigen informelle Gespräche. Ruth Humbel kritisiert, dass sich das Bundesamt mitunter lieber auf Nebenschauplätzen betätige, wie etwa auf demjenigen der Generikapreise. «Wir könnten Generika parallel importieren, doch es besteht zu wenig Bedarf. Also muss man dort nicht so viele Ressourcen investieren. Jedoch in innovative Vergütungsmodelle, das würde sich eher lohnen.»

Onkologe sieht «Backlash»

Doch bis ein allfälliges neues System Wirklichkeit wird, will die Krebsliga nicht warten. Die heutige Vergütungspraxis sei in mehrerlei Hinsicht stossend, sagt Onkologe Thomas Cerny. So bezahlten zum Beispiel manche Patienten die Krebstherapie bei Ablehnung durch die Krankenkasse selbst. Wenn die Therapie dann wirke und das zentrale Kriterium der Wirksamkeit erfüllt sei, weigere sich die Krankenkasse mitunter trotzdem, den weiteren Verlauf der Therapie zu bezahlen. «Das ist absolut stossend.» Was Cerny am meisten ärgert, ist der «unsichtbare Backlash», der sich zurzeit in der Gesundheitspolitik abspiele, ohne dass die Patienten als Hauptleidtragende etwas davon mitbekämen. Denn Ärzte wählten zunehmend den Weg des geringsten Widerstands und erwähnten die in ihren Augen wirksamste Therapie zum Teil gar nicht erst, weil sie sich nicht auf Scherereien mit der Krankenkasse einlassen wollen. «Das ist eine versteckte Rationierung.»

«Es bräuchte ein Gerichtsurteil, das die willkürliche Praxis für unzulässig beurteilt und einheitliche Kriterien verlangt», sagt Cerny. Dann müssten die Krankenkassen die Kostengutsprachen an ein gemeinsames Fachgremium auslagern und einen einheitlichen Standard definieren, der für alle gilt. Ein solches Gerichtsurteil wird jedoch schwierig zu erlangen sein, denn die Betroffenen haben eine tödliche Krankheit und in der Regel keine Energie und Ressourcen für Prozesse. Überleben sie den Krebs, hat der Gang vor Gericht in der Regel nicht erste Priorität. Trotzdem, sagt Cerny, die Krebsliga wolle das Problem angehen, sich eine bessere Übersicht verschaffen. «Dann schauen wir weiter.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.04.2017, 15:26 Uhr

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