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Wenn eine Autoversicherung Velofahrer warnt

In einer Studie macht die Allianz auf die Gefahren für Schulkinder auf dem Velo aufmerksam. Gleichzeitig ist das Unternehmen stark im Geschäft mit Autoversicherungen. Passt dies zusammen?

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Wenn Kinder ihren Schulweg mit dem Fahrrad zurücklegten, sei die Unfallgefahr fünf- bis siebenmal höher als per Schulbus oder zu Fuss. Dies besagt der «Sicherheitsreport 2013», eine von der Versicherung Allianz veröffentlichte Studie. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete gestern über das Papier. Darin heisst es, dass das Velo das ungeeignetste Verkehrsmittel für den Schulweg sei.

Auch der Weg zu Fuss ist laut den Studienautoren gefährlicher als die Autofahrt zur Schule. Über Medien wie «20 Minuten» wurde bereits Kritik an der Studie und ihren Schlussfolgerungen geäussert. So sagt die Zentralsekretärin des Lehrerverbandes LHC, Franziska Peterhans, dass das «Mami-Taxi» keine Lösung sei. Jean-François Steiert, Präsident von Pro Velo Schweiz, relativiert die Gefährlichkeit des Velofahrens auf dem Schulweg und sagt: «Auch auf dem Schulweg lernen Kinder viel.»

Forschen für Fahrzeugsicherheit

«Mehr Schwerverletzte mit steigendem Radverkehr?», fragen die Studienautoren des «Sicherheitsreports 2013» und beantworten diese rhetorische Frage im Text mit Ja. Signiert ist das Papier durch einen Mitarbeiter der AZT Automotive GmbH – Allianz Zentrum für Technik, einem Tochterunternehmen der Allianz Versicherungs-AG. Laut eigenen Angaben drehen sich die Ziele des Instituts um die Welt der PW: Die AZT Automotive forscht und publiziert über Crashtests, Fahrzeug- und Verkehrssicherheit, Fahrzeugkonstruktion und Reparaturmethoden.

Diese Tätigkeit soll indirekt dem Mutterkonzern zugutekommen: Im Markt für Autoversicherungen ist die Allianz ein grosser Player. Beansprucht die Allianz in Deutschland die Marktführerschaft auf diesem Gebiet, so ist die Gruppe hierzulande hinter der Axa-Winterthur und der Zurich-Gruppe die Nummer drei.

«Eltern entscheiden, ob sie ihre Kinder fahren»

Diese Konstellation wirft Fragen auf, was die Stossrichtung des aktuellen Sicherheitsreports betrifft. Eine Studie, die vor dem gefährlichen Schulweg warnt – verunsicherte Eltern, die ihr Kind nicht mit dem Fahrrad losschicken wollen –, zusätzlicher Autoverkehr und zusätzliche Fahrzeugversicherungen: Dass die Forschungsergebnisse im Interesse der Allianz ausfallen, diese Folgerung liegt nahe.

Die Allianz verneint einen Interessenkonflikt. «Der Report hat nicht zum Ziel, dass die Eltern ihre Kinder in die Schule fahren», sagt Hans-Peter Nehmer, Leiter Unternehmenskommunikation von Allianz Suisse. «Genauso wenig möchten wir mit dem Report das Autofahren oder das Abschliessen neuer Autoversicherungen fördern.» Man wolle lediglich Fakten zu diesen Verkehrsaspekten aufzeigen, die wegen des baldigen Schulbeginns besonders aktuell seien.

Kinder für Gefahren sensibilisieren

«Wir wollen niemanden bevormunden. Es ist an den Eltern, zu entscheiden, ob sie ihre Kinder in die Schule fahren wollen», so Nehmer. Für erstaunlich hält er, dass es in der Schweiz einen Rückgang an getragenen Velohelmen gebe. In Deutschland etwa sei die Helmtragequote viel höher. «Wir hoffen, dass unser Report die Velofahrer darauf aufmerksam macht, wie wichtig das Tragen von Helmen ist.»

Auch Felix Schneuwly, Versicherungsexperte beim Vergleichsdienst Comparis.ch, spricht sich dafür aus, dass die zunehmend vernachlässigten Velohelme wieder vermehrt getragen werden. Gleichzeitig warnt er vor übereilten Schlussfolgerungen: «Es wäre kontraproduktiv, wenn Eltern aus dem Report schliessen, sie müssten ihre Kinder in die Schule fahren», sagt er. «Die vielen Autos vor den Schulen stellen ebenfalls ein Sicherheitsrisiko dar.» Der Experte fände es sinnvoller, wenn die Eltern gemeinsam mit den Kindern die Velo- oder Fusswege auskundschaften und die Kinder so für die Gefahren sensibilisieren würden. Dies könnten auch Wege sein, die etwas länger, dafür sicherer seien.

Dass das Velofahren ein gewisses Gefahrenpotenzial hat, führt Schneuwly jedoch nicht allein auf die im Report genannten Gründe zurück. «Man muss auch bedenken, dass die Schweiz in Sachen Velowege ein Entwicklungsland ist, verglichen mit Schweden oder diversen deutschen Städten. Ein besser ausgebautes Velowegnetz würde das Velofahren bei uns sicherer machen.» Zum Vergleich: 2011 waren in der Schweiz 12,2 Prozent aller Getöteten im Strassenverkehr Velofahrer, das sind 4,9 Personen pro Million Einwohner. In Schweden sind diese Zahlen etwa halb so hoch. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.08.2013, 18:11 Uhr

Kopfverletzungen sind bei Verunfallten ohne Helm häufiger: Radfahrsturz-Versuche am Allianz Zentrum für Technik. (Bild: Allianz / Screenshot)

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