«Wir rechnen mit Kosten von bis zu 25'000 Franken pro Person»

Felix Wolffers, Co-Präsident der Sozialhilfekonferenz, fordert viel höhere Investitionen in die Arbeitsintegration von Flüchtlingen.

«Asylsuchende müssen von Beginn an beraten und ausgebildet werden»: Felix Wolffers, Co-Präsident der schweizerischen Sozialhilfekonferenz (Skos). Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

«Asylsuchende müssen von Beginn an beraten und ausgebildet werden»: Felix Wolffers, Co-Präsident der schweizerischen Sozialhilfekonferenz (Skos). Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Die Sozialhilfekonferenz ruft den Bund auf, Massnahmen zu ergreifen, um die Asylsuchenden besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Sind dafür nicht in erster Linie die Kantone zuständig?
Ja, die Arbeitsintegration im Asylbereich ist primär Sache der Kantone und eine ausgesprochen interdisziplinäre Aufgabe. Involviert sind etwa Arbeitsämter, Fremdenpolizei, Bildungseinrichtungen sowie die Sozialhilfe. Was fehlt, ist eine wirksame Steuerung. Und weil der Bund in den ersten Jahren, in denen die Asylsuchenden hier sind, die Kosten trägt, hat er die Verantwortung für diese Prozesse. Er muss die Initiative ergreifen und zusammen mit den Kantonen und der Wirtschaft Integrationsmassnahmen aufgleisen, die weit über das Bisherige hinausgehen.

Heute wird zu wenig gemacht?
Ja, eindeutig. Der Bund zahlt eine ungenügende Integrationspauschale pro Asylsuchenden von 6000 Franken. Es braucht einen viel höheren Betrag, um eine Person so weit zu bringen, dass sie bereit ist für eine Stelle im Arbeitsmarkt oder für eine Berufslehre. Dafür braucht es Beratung, Sprachunterricht und erste Arbeitserfahrungen in Beschäftigungsprogrammen. Der Bund hat sich bereit erklärt, 1000 Plätze für Integrationsvorlehren mitzufinanzieren. Es braucht aber 5000 solche Plätze pro Jahr. Und es darf nicht dem Zufall überlassen werden, ob dieses Angebot genutzt wird oder nicht. Die Asylsuchenden müssen von Beginn an beraten und ausgebildet werden. Sonst steuern wir auf ein sozial- und finanzpolitisches Debakel zu.

Sie klingen dramatisch. Ist die Situation so schlimm?
Die grosse Zahl anerkannter Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommener stellt uns vor grosse und neue Herausforderungen. In den letzten sechs Jahren haben rund 70'000 Asylsuchende in der Schweiz das Bleiberecht erhalten. Nur ein kleiner Teil dieser mehrheitlich beruflich nicht qualifizierten Personen findet eine Stelle im Arbeitsmarkt. Schon heute liegt die reale Arbeitslosigkeit für Unqualifizierte in der Schweiz bei 11 Prozent. Wir müssen deshalb in die Bildung investieren, sonst besteht die Gefahr, dass diese Personen langfristig sozialhilfeabhängig bleiben. Personen im Asylverfahren sind zu 90 Prozent sozialhilfeabhängig, vorläufig Aufgenommene zu 80 Prozent. Wir machen uns grosse Sorgen, dass diese Personen nach Ablauf der Finanzierungszuständigkeit des Bundes durch die kantonale und kommunale Sozialhilfe unterstützt werden müssen. Nach unseren Berechnungen steigen die Sozialhilfekosten mittelfristig jährlich um mindestens vier Prozent an, wenn bei der Arbeitsintegration nicht schnell Erfolge erzielt werden.

Die reale Arbeitslosigkeit für Unqualifizierte liegt bei 11 Prozent.

Hat der Bund den Ernst der Lage nicht erkannt?
Er hätte mehr machen können. Man muss aber auch sagen, dass der Bund und die Kantone überrollt worden sind von den Ereignissen im letzten Jahr und dass die Unterbringung der Asylsuchenden erste Priorität hatte. Zudem stand bis Mitte Jahr die Abstimmung zum revidierten Asylgesetz zuoberst auf der politischen Agenda und nicht das Integrationsthema. Doch jetzt ist das Gesetz in Kraft, die beschleunigten Asylverfahren bieten die Chance für eine raschere Arbeitsintegration. Jetzt muss man handeln. Es ist schon fünf nach zwölf. Wenn wir jetzt nichts tun, wird es teuer.

Sie wollen alle Asylsuchenden zur Arbeit verpflichten?
Es geht nicht nur um Arbeit, sondern um Integrationsleistungen allgemein: den Spracherwerb, die Teilnahme an Beschäftigungsprogrammen. Ja, man muss alle verpflichten. Mit Sprachkursen sollte möglichst schon begonnen werden, bevor ein Asylentscheid gefällt ist. Es ist nicht einzusehen, warum wir 10'000 unbesetzte Lehrstellen haben in der Schweiz und andererseits viele Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene weder arbeiten, noch in einer Ausbildung sind. Man kann das mit der Schulpflicht vergleichen, die auch für alle gilt. Heute sind nur 7 Prozent der vorläufig Aufgenommenen in einem Beschäftigungsprogramm, vor einigen Jahren waren es noch 23 Prozent. Die Steigerung der Asylgesuche hat keine Entsprechung beim Ausbau der Integrationsprogramme. Es braucht deshalb zusätzliche Investitionen in die Bildung und Qualifizierung. Wir müssen die vielen jungen Asylsuchenden vor allem fit machen für eine Berufslehre. Die Erfahrung zeigt, dass eine Lehre der beste Schutz vor Armut ist. Zudem: Wenn die offenen Lehrstellen besetzt werden können, nützt das auch der Wirtschaft.

Das wird teuer, sie rechnen es selber vor. Wie viel würde eine Integrationsinitiative kosten?
Wir gehen davon aus, dass es für Qualifikationsmassnahmen und ein intensives Jobcoaching zwischen 20'000 und 25'000 Franken pro Person braucht, also deutlich mehr als die Integrationspauschale von 6000 Franken, die der Bund heute zur Verfügung stellt. Bei 5000 Personen pro Jahr ergäbe das grob gerechnet Mehrkosten von 100 Millionen Franken. Diese Investitionen würden es für viele Asylsuchende möglich machen, eine Vorlehre zu absolvieren und danach eine reguläre Ausbildung. Wenn die durchschnittliche Sozialhilfeabhängigkeit um ein Jahr reduziert werden kann, rechnet sich diese Investition bereits.

«Wir rechnen mit Kosten von bis zu 25'000 Franken pro Person.»

Auch in den Neunzigerjahren stieg die Zahl der Asylsuchenden vorübergehend stark an, punktuell noch höher als heute. Was ist der Unterschied zu damals?
Der Unterschied sind wohl die grösseren kulturellen und bildungsmässigen Abstände der heutigen Einwanderer zur schweizerischen Realität. Die Personen aus dem Balkan, die in den Neunzigerjahren zugewandert sind, waren uns in dieser Hinsicht näher. Die heutigen Asylbewerber haben oft nur eine rudimentäre Schulbildung und minimale Sprachkenntnisse. Es braucht deshalb viel mehr Zeit und Geld, um sie zu integrieren. Die Mehrzahl der Flüchtlinge sind junge Leute, das verschärft die Dringlichkeit des Problems.

Im Bericht schlagen Sie Massnahmen vor. Diese muten sehr komplex an. Wer muss zuerst handeln, und wie?
Es braucht Massnahmen auf allen Ebenen: Bund, Kantone, Gemeinden und Wirtschaft müssen gemeinsam ein Integrationsprogramm aushandeln und die Finanzierung regeln. Wir schlagen hierfür einen runden Tisch vor. Der Bund muss sich stärker als bisher engagieren und die Integrationsmassnahmen gezielter steuern und überwachen. Hierfür könnte ein Delegierter des Bundes eingesetzt werden.

Die Arbeitsintegration Asylsuchender ist auch politisch umstritten. Manche meinen, sie steigere die Attraktivität der Schweiz als Asylland. Wie sehen Sie das?
Meiner Ansicht nach steigert es die Attraktivität der Schweiz nicht, wenn man hier arbeiten muss. Im Gegenteil. Sicher ist aber: Die Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen sind hier, entweder im Arbeitsmarkt oder in der Sozialhilfe. Es liegt an der Politik, die Weichen richtig zu stellen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2017, 15:05 Uhr

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