«Wer Deutsch und Mathe nicht kann, hat es schwer im Leben»

Bei schwachen Schülern soll der Französischunterricht zugunsten von mehr Deutschstunden gestrichen werden. Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbands, nimmt Stellung zu ihrer Forderung.

«Ich hoffe, dass auch der Regierungsrat die Realität erkennt»: Lilo Lätzsch (l.) und Kinder beim Deutschunterricht.

«Ich hoffe, dass auch der Regierungsrat die Realität erkennt»: Lilo Lätzsch (l.) und Kinder beim Deutschunterricht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Weshalb sollen schwache Schüler einige Fächer nicht mehr belegen und dafür mehr Stunden in anderen absolvieren?
Die Pisa-Studie hat gezeigt, dass rund 20 Prozent der Sekundarschüler zur Risikogruppe jener gehören, die beim Übertritt ins Berufsleben eher Schwierigkeiten haben können.

In welchen Fächern haben diese Kinder Mühe?
In allen Fächern. Aber für das berufliche Fortkommen sind Deutschkenntnisse von zentraler Bedeutung. Deshalb ist es nötig, auf Deutsch zu fokussieren.

Es sind also vor allem Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache haben?
Es betrifft häufig Kinder mit Migrationshintergrund, aber auch Kinder aus bildungsfernen Schichten. Und wenn beides zusammenkommt, haben sie es doppelt schwer.

Warum dieser Fokus auf der deutschen Sprache?
Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die die Wichtigkeit aufzeigen. Bei den zehn wichtigsten Gründen jemanden einzustellen, ist Deutsch klar auf dem ersten Rang. Die Deutschkompetenz entscheidet darüber, ob jemand einen Job erhält oder nicht. Danach folgen nicht-schulische Gründe, wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Höflichkeit und Anstand. Erst an elfter Stelle werden wieder fachspezifische Einstellungsgründe genannt.

Warum soll intensiverer Deutschunterricht in erster Linie auf Kosten des Französischen gehen?
Der Französischunterricht erfreut sich ungefähr der grösstmöglichen Unbeliebtheit. Aber es muss nicht unbedingt Französisch sein. Man könnte auch andere Lösungen finden. Beispielsweise könnte jemand vom Sportunterricht dispensiert werden, der ohnehin dreimal in der Woche Fussball spielt und sehr sportlich ist.

Welche anderen Fächer kämen in Frage?
Das ist zwar nicht sehr realistisch, aber nehmen wir an, jemand ist in Mathematik sehr gut, hat aber keine Ahnung von Deutsch. Dann könnte man sagen: «Du machst statt sechs Stunden Mathe nur noch vier und verwendest die zwei eingesparten Stunden für Deutsch.»

Und Zeichnen?
Es gibt kein Fach, das man zugunsten von Mathe oder Deutsch nicht weglassen könnte.

Es könnte also auch Biologie oder Geographie treffen?
Das wäre theoretisch möglich, obwohl man in diesen Fächern auch viel Deutsch lernt. Man muss es im Einzelfall ansehen. Ich behaupte, in der grossen Mehrheit der Fälle wird man dann die zweite Fremdsprache – konkret Französisch – weglassen. Das ist ganz einfach die Erfahrung.

Gibt es Studien oder detaillierte Empfehlungen, wie man die Dispensation von Unterrichtsfächern handhaben könnte?
Nein. Aber wir sind auf jeden Fall dafür, dass man Stunden, die in einem Fach gestrichen werden, in anderen Fächern absolvieren muss. Es geht nicht, dass man in dieser Zeit die Füsse hochlagert.

Kritiker haben eingewandt, man gefährde so die Chancengleichheit der Kinder.
Das ist letztlich richtig. Es ist uns auch bewusst, dass die Idee nicht schweizweit auf Gegenliebe stossen wird. Einige Romands könnten beleidigt sein. Aber man sollte auch einsehen, dass sich Kinder, die so schwach sind, nie mit einem Romand auf Französisch unterhalten werden. Und wir sind uns bewusst, dass gewisse Berufsausbildungen Französischkenntnisse bedingen. Für die Schüler, die sich dafür entscheiden, müsste man einen Crashkurs anbieten, damit sie sich doch noch Französischkenntnisse aneignen können.

Wäre das dann im Rahmen der Erwachsenenbildung?
Wie man das macht, ist noch offen. Es gibt beispielsweise den Beruf Detailhandelsassistenz, bei dem man über mündliche Französischkenntnisse verfügen muss. Wenn Schüler sich für diese Ausbildung entscheiden, müssen sie sich nachqualifizieren können. Es ist klar, dass sie keinen Nachteil haben dürfen.

Der Grundsatz der Allgemeinbildung wird untergraben, wenn nicht alle Fächer allen Kindern unterrichtet werden.
Ja, es ist ganz sicher ein Minus. Aber die Realität ist einfach so, dass nicht alle alles gleich gut können. Und es können auch nicht alle die gleichen Ziele erreichen. Wenn man Deutsch und Mathe nicht kann, hat man es schwer im Leben. Französischkenntnisse kann man auch später noch erwerben, wenn man es unbedingt will oder braucht.

Die für Bildung zuständige Regierungsrätin Regine Aeppli stehe ihrem Vorstoss positiv gegenüber, schreibt die «NZZ am Sonntag». Wie schätzen Sie Ihre Chancen beim Gesamtregierungsrat ein?
Das ist Kaffeesatz-Lesen. Ich hoffe, dass auch der Regierungsrat die Realität erkennt: Klar wäre es schön, wenn alle Kinder Französisch und Englisch und weitere Fächer beherrschen. Aber die Realität ist, dass es manche nicht schaffen.

Wenn alles in Ihrem Sinne liefe, ab wann könnten die Schüler vermehrt von gewissen Fächern dispensiert werden?
Frühestens ab dem Schuljahr 2013/14, also im Herbst 2013.

Erstellt: 25.03.2012, 20:28 Uhr

Umfrage

Schwache Sekundarschüler sollen von einzelnen Fächern, vor allem von Französisch, dispensiert werden können. Stattdessen sollen sie mehr Deutsch- oder Mathematikstunden absolvieren. Sind Sie für diese Massnahme?

Ja

 
72.3%

Nein

 
27.7%

2181 Stimmen


Zürcher Vorstoss

Als Reaktion auf die Ergebnisse der Pisa-Studie wollen der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband und die Kantonale Bildungsdirektion das Schulfranzösisch zurückstufen, berichtet die «NZZ am Sonntag» (Artikel online nicht verfügbar). Die Massnahme, die vor allem in der Sekundarstufe zum Tragen käme, könnte laut einer Schätzung rund 10 Prozent aller Schülerinnen und Schüler betreffen. Das wäre rund die Hälfte der in Deutsch und/oder Mathematik als schwach eingestuften Kinder. Sie würden mehr Stunden in diesen Fächern absolvieren, auf Kosten anderer Fächer. Konkret würde das vor allem den Französischunterricht betreffen.

Nicht zum ersten Mal würde Zürich damit den Französischunterricht infrage stellen. Nicht nur in der Romandie, sondern auch in Basel stösst das auf Unverständnis. In St. Gallen wurde kürzlich ein ähnlicher Vorstoss abgelehnt. (rub)

Artikel zum Thema

Deutsche Lehrerin zum Deutschkurs verknurrt

Gymnasiallehrerin Juliane Kade gibt im Aargau seit Jahren Schule. Um an die Sekundarstufe nach Embrach wechseln zu dürfen, muss sie jetzt drei Jahre lang büffeln. So will es der Kanton Zürich. Mehr...

Intensiver Deutschkurs schon vor dem Kindergarten

In Kloten sollen Kinder ein Jahr vor dem Kindergarten Deutsch lernen. Das Pilot-projekt sieht vor, dass sich ihre Eltern im Bereich Ernährung weiterbilden. Mehr...

«Die Alternative zu Multikulti ist Krieg»

Der deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer über die Europäische Union, Thilo Sarrazin und ausländerfeindliche Bewegungen in der Schweiz. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Blog

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Blog

Kommentare

Paid Post

Verstehen Sie Ihre Arztrechnungen?

Sie wollen wissen, was genau auf Ihrer Arztrechnung steht? Kein Problem – lassen Sie es sich einfach im Kundenportal des Gesundheitsversicherers Atupri übersetzen.

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...