Wer Keller-Sutter jetzt noch gefährlich werden kann

Die Topfavoritin für die Nachfolge von Bundesrat Schneider-Ammann hat nicht nur parteiinterne Konkurrenz.

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Was musste sich Johann Schneider-Ammann alles anhören. Zu langsam spreche er, zu müde sei er, zu unbeholfen kommuniziere er. Dagegen Doris Leuthard: Probleme lächle sie erfolgreich weg, Abstimmungen gewinne sie mit ihrem Charme, das Volk beeindrucke sie mit ihrer Glaubwürdigkeit.

Und dann das: Auf der Zielgeraden überholt ausgerechnet der behäbige Schneider-Ammann die strahlende Leuthard. Mit seiner Rücktrittsankündigung bringt der FDP-Bundesrat die CVP-Magistratin plötzlich und ultimativ unter Zugzwang. Wenn sie heute Mittag von der UNO-Generalversammlung in New York nach Bern zurückkehrt, wird nur noch eine Frage interessieren: Wann treten Sie zurück, Frau Bundesrätin?

Bislang liess sie sich diesbezüglich nicht in die Karten blicken. Das dürfte sich jetzt aber ändern, denn nach Schneider-Ammanns Schritt wird von links bis rechts der Ruf nach einem gemeinsamen Rücktritt laut. So laut, dass Leuthard ihn nicht mehr ignorieren kann. «Eine Doppelvakanz vereinfacht die Auswahl», sagt SVP-Präsident Albert Rösti. «Das würde die Diskussion erleichtern», findet SP-Chef Christian Levrat. Und sogar für die FDP wäre dies das bevorzugte Szenario: «Ein Doppelrücktritt vergrössert den Spielraum», sagt Präsidentin Petra Gössi.

Der Druck für eine Frauenkandidatur ist gross

Spielraum erhofft sich das Parlament in Bezug auf das Geschlecht, die Herkunft und die politische Ausrichtung der Kandidaten. Im Moment sind im Bundesrat nur zwei Frauen vertreten; die Ost- und die Zentralschweiz stellen seit Jahren kein Regierungsmitglied mehr. Mit einer Doppelvakanz könnten FDP und CVP diese Kriterien optimaler abdecken, sind viele Parlamentarier überzeugt.

Insbesondere der Druck für eine Frauenkandidatur ist gross. 29 Jahre ist es her, seit die bisher einzige FDP-Bundesrätin Elisabeth Kopp zurückgetreten ist. «Jetzt gibt es keine Entschuldigung mehr!», sagt FDP-Frauenpräsidentin Doris Fiala nur wenige Minuten nach Schneider-Ammanns Rücktrittsankündigung in der Wandelhalle – und fordert ein reines Frauenticket.


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Auch für die politische Konkurrenz ist die Frauenfrage zentral: «Alle drei grossen Parteien sollten mit je einer Frau und einem Mann im Bundesrat vertreten sein», sagt Levrat. «Die FDP hat diesbezüglich ihre Pflicht sträflich vernachlässigt.» Die Grünen erwarten gar ein reines Frauenticket. «Unser Land wurde seit 1848 von hundertzehn Männern und sieben Frauen regiert – ein inakzeptables Ungleichgewicht», sagt Präsidentin Regula Rytz.

«Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal heraus.»

Es ist aber nicht nur die Geschlechterfrage, die Ständerätin Karin Keller-Sutter zur Topfavoritin macht. Als St. Gallerin hat sie auch die passende Herkunft. Darüber hinaus bringt sie als ehemalige Regierungsrätin die Exekutiverfahrung mit. Diese Kombination macht sie für viele Parlamentarier zur zwingenden Kandidatin. So zwingend, dass der Aargauer BDP-Nationalrat Bernhard Guhl vor dem Nationalratssaal im Gespräch mit Journalisten etwas mitleidig lächelt. «Was wollt ihr in den nächsten Wochen noch über die Bundesratswahlen schreiben? Gewählt wird doch am Ende ohnehin Keller-Sutter!»

Doch die zehn Wochen bis zum 5. Dezember, dem voraussichtlichen Termin der Ersatzwahl, sind lang. «Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus», raunt ein einflussreicher Sozialdemokrat, bevor er im Ratssaal verschwindet – und lässt offen, ob er das als Scherz meint oder als Warnung.

Tatsächlich könnten der Favoritin in dieser Zeit noch drei Faktoren gefährlich werden.

1. Gefahr: Die starke Frau

Auch wenn Frauen-Präsidentin Fiala von einem breiten Kandidatinnenfeld spricht – sie kann neben Keller-Sutter nur zwei weitere Frauen nennen: die Zürcher Regierungsrätin Carmen Walker Späh und Parteichefin Petra Gössi. Gegen die 60-jährige Walker Späh spricht ihr Alter sowie die mangelnde Vernetzung in Bundesbern. Bleibt Gössi. Und die könnte Keller-Sutter gefährlich werden, wenn sie sich für eine Kandidatur entscheiden würde: Parlamentarier zeigen sich parteiübergreifend beeindruckt davon, wie die 42-jährige Schwyzer Nationalrätin die Partei führt. «Sie hat damit bewiesen, dass sie eine gute Bundesrätin wäre», sagt SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann, die nur lobende Worte für die politische Gegnerin findet. Gerade im für die SVP so wichtigen Europadossier kommuniziere Gössi klar und offen.

Dass die Präsidentin antritt, halten einflussreiche Parteiexponenten jedoch für nahezu ausgeschlossen. Mit einer Kandidatur würde sich Gössi als Parteichefin für Monate zur Lame Duck machen – und das ein Jahr vor den eidgenössischen Wahlen. Für die Partei wäre das «eine Katastrophe», meint ein FDP-Parlamentarier. Tatsächlich schloss Gössi selber eine Bundesratskandidatur bereits Anfang August in einem Interview aus – und es ist gut möglich, dass sie sich an einer für heute angekündigten FDP-Pressekonferenz bereits aus dem Rennen nehmen wird. Damit wäre für Keller-Sutter eine erste Hürde aus dem Weg geschafft. Diese Ausgangslage wiederum schmälert die Chancen für ein reines Frauenticket.

2. Gefahr: Der valable Mann

Die zweite Gefahr: ein valabler männlicher Kandidat. Der ernsthafteste Konkurrent für Keller-Sutter kommt wie sie aus der Ostschweiz und hat auch Exekutiverfahrung. Der Bündner Ständerat Martin Schmid ist im Parlament breit respektiert – namentlich auch in der SVP, wo er bei entscheidenden Exponenten mehr Rückhalt geniesst als Keller-Sutter. Aus seinem Umfeld verlautet, dass Schmid an einer Kandidatur interessiert sein könnte. Ambitionen streitet der 49-Jährige denn auch nicht ab. «Dazu nehme ich im Moment keine Stellung», sagt er auf dem Weg in den Ständerat und lacht verschmitzt. Ein Dementi klingt anders.

Ein anderer freisinniger Spitzenpolitiker winkt dagegen ab. «Eine Kandidatur ist für mich bei dieser Vakanz kein Thema», sagt Fraktionschef Beat Walti, beisst am Stehtisch im Bundeshaus-Café in eine Kirschenwähe und spricht von seiner Familie. Seine Zwillinge im Teenageralter hielten ihn auf Trab, und als politisierender Anwalt sei er mit seinem Leben ganz zufrieden.

Kryptischer äussert sich der Ausserrhoder Ständerat Andrea Caroni, der von den Medien ebenfalls als möglicher Kandidat gehandelt wird. Mehr Frauen und eine Ostschweizer Vertretung – das sei wichtig, meint er vor dem Ständeratssaal. Womit sich der als ambitioniert geltende Caroni selber aus dem Rennen nimmt. Irgendwie. Denn auf die Frage nach einer möglichen Kandidatur mag er noch «keine offizielle Antwort» geben. Dass zudem der Zürcher Ständerat Ruedi Noser Bundesratsambitionen hat, zeigte er mit seiner gescheiterten Kandidatur 2010. Ob für ihn ein zweiter Anlauf eine Option ist, lässt er offen.

3. Gefahr: Die CVP

Die dritte Gefahr droht Keller-Sutter von der politischen Konkurrenz. Wenn Leuthard ebenfalls zurücktritt, macht dies die Bundesratswahl unberechenbarer. Weil sie vor Schneider-Ammann in den Bundesrat eingezogen ist, würde ihr Sitz am 5. Dezember vor jenem der FDP neu bestellt. Zwar ist das Kandidatenfeld in der CVP zurzeit noch breiter und diffuser als im Freisinn, aber unter den valablen Anwärtern finden sich mehrere Ostschweizer – etwa der Bündner Ständerat Stefan Engler oder der St. Galler Regierungsrat Benedikt Würth. Letzterer ist als Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen der höchste Kantonspolitiker der Schweiz. Wird jedoch ein Ostschweizer CVP-Bundesrat, steigt die Hürde für die St. Gallerin Keller-Sutter.

Die Topfavoritin will nach der Session nun erst einmal Ferien machen. Zeit, um die drei Gefahren genau zu analysieren. Denn eines ist klar: Noch einmal eine Bundesratswahl verlieren, das will sie nicht.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.09.2018, 22:47 Uhr

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