Wer Schlechtes sucht, wird fündig werden

Imame wie Abu Ramadan legen den Koran falsch aus. Aber wie ist es bei den Christen?

Auch wenn der Koran keine gewaltverherrlichende Schrift ist: Gotteskrieger werden schnell fündig, wenn sie dessen Suren nach Gewaltaufrufen absuchen.

Auch wenn der Koran keine gewaltverherrlichende Schrift ist: Gotteskrieger werden schnell fündig, wenn sie dessen Suren nach Gewaltaufrufen absuchen. Bild: Shahzaib Akber /Keystone

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Religiöse Hassrede hat Tradition. Heute blüht sie in extremistisch-fundamentalistischen Milieus, etwa bei den Schergen des Islamischen Staats: Allah soll die Gottlosen, die Feinde Gottes vernichten. «Oh Allah, ich bitte dich, zerstöre die Juden, die Christen, die Hindus und die Russen und die Schiiten», predigte auch der libysche Imam Abu Ramadan in der Bieler Moschee. Wobei er im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagte, seine Aussagen seien falsch übersetzt worden.

Reporter Thomas Knellwolf über das Interview mit dem umstrittenen Imam. Video: TA

Auch wenn der Koran als Ganzes keine gewaltverherrlichende Schrift ist: Gotteskrieger werden schnell fündig, wenn sie dessen Suren nach Gewaltaufrufen absuchen – etwa in der Schwertsure: «Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf.» Extremisten nehmen solche Texte aus dem 7. Jahrhundert wörtlich als Tötungslizenzen und glauben ihren Hass göttlich legitimiert.

Der Islam, eine «Geissel Gottes»

Auch in der christlichen Tradition hat es immer Hassprediger gegeben, gerade ganz oben.

Zum Beispiel Papst Urban II., der 1095 die Kreuzfahrer zum gerechten Krieg gegen die Ungläubigen aufrief und ihr Blutbad an Muslimen in Jerusalem mit den Worten segnete: «Deus lo vult», «Gott will es». Man denke auch an Martin Luthers Furor, mit dem er gegen Juden, Hexen oder aufständische Bauern herzog. Die heutigen christlichen Hassprediger sind am rechten Rand der Kirche beheimatet. Etwa der Bischof der Piusbrüder, Richard Williamson, der als Holocaustleugner bekannt wurde.

Für ihn ist aber auch der Islam eine «Geissel Gottes», die das Christentum «tausend Jahre lang nur durch das Schwert hat in Schach halten» können. Oder blicken wir auf den Churer Bischof Vitus Huonder: An einem Vortrag von 2015 in Fulda versuchte er, mit biblischen Texten zur Todesstrafe an gleichgeschlechtlich Liebenden «der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben». Bezeichnend, dass sich der Bischof auf das alttestamentliche Buch Levitikus berief. Das Alte Testament steht dem Koran in Sachen Gewaltverherrlichung in nichts nach. Hier finden sich blutgetränkte Texte über göttlich legitimierte Massaker, Aufrufe zur Gewalt gegen die Feinde der Israeliten. Hier stehen die Fluchpsalmen, in denen verfolgte Beter Gott um die Vernichtung der Feinde anflehen: «Der Gerechte wird seine Füsse baden in des Gottlosen Blut» (Psalm 58).

In Sachen Gewaltverherrlichung steht das Alte Testament dem Koran in nichts nach.

Von Fundamentalisten abgesehen, liest diese Texte heute niemand mehr als Handlungsanleitung für die Gegenwart. Dank der von protestantischen Exegeten im 19. Jahrhundert entwickelten historisch-kritischen Methode ist eine solche Lesart obsolet. Sie hat Theologen und Gläubige gelehrt, den jeweiligen historischen Kontext, die Umstände von Ort und Zeit der biblischen Texte zu bedenken. Sie nimmt Abstand vom wörtlichen Verständnis der heiligen Schriften und unterscheidet deren literarische Gattungen. Und entmachtet Biblizisten, Radikale und Wort­gläubige.

Wer hat den Koran geschrieben?

Im Islam indessen hat die historisch-kritische Methode noch wenig Fuss gefasst. Die Geschichtlichkeit der Texte ist dort auch deshalb nicht so wichtig, weil der Koran als Allahs Wort gilt und nicht als Menschenwort. Entsprechend begnügen sich Islamverbände nach Terroranschlägen damit, jede Gewalt im Namen der Religion zu verurteilen. Sie versäumen es leider, darauf hinzuweisen, dass der Koran von Menschen stammt und seine Gewalttexte keine wörtliche Verbindlichkeit beanspruchen können. Gerade der Verbandsislam müsste dringend sein Verständnis der heiligen Schriften klären. Sonst kann er die Hassprediger nicht glaubwürdig in die Schranken weisen.

Gegenüber Muslimen haben Christen einen weiteren Vorteil: Ihr Religionsstifter ist ein Prediger der Gewaltfreiheit, der Feindesliebe und taugt deshalb gerade nicht als Vorbild für Hassprediger. Darüber hinaus wollte Jesus seine Predigt gar nicht wörtlich verstanden wissen, wenn er etwa sagte: «Ärgert dich dein Auge, reiss es aus und wirf es weg!» Jesus war ein Meister der Bildrede, er kleidete seine Botschaft in Gleichnisse und Metaphern.

Islamisten und Fundamentalisten jedoch geht der Sinn für Symbole und Metaphern ab. Hassprediger sind wortgläubig, humor- und poesielos – immun gegen Kritik und Karikatur.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2017, 21:17 Uhr

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