Wer hat Luca Mongelli zum Invaliden gemacht?

Der siebenjährige Luca Mongelli lag schwer verletzt und nackt auf einem verschneiten Feld in Veysonnaz (VS), als man ihn fand. Sein kleiner Bruder wurde Augenzeuge und zeichnete den Vorfall Jahre später auf ein Stück Papier. Nun soll der Fall frisch aufgerollt werden.

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Luca Mongelli ist Tetraplegiker und blind. Am 7. Februar 2002 hatte seine Mutter den damals Siebenjährigen schwer verletzt, nackt und bewusstlos auf einem verschneiten Feld bei Veysonnaz (VS) gefunden. Der Junge war stark unterkühlt, seine Körpertemperatur betrug noch 28 Grad. Sein vierjähriger Bruder Marco stand mit blutverschmiertem Gesicht daneben und zeigte auf den Familienhund Rocky, einen 30 Kilo schweren Schäferhund. Am nächsten Morgen sagte der kleine Bruder der Jugendanwaltschaft: «Rocky hat überall gebissen. Überall. Rocky hat ‹Bobo› gemacht!» Der Schuldige stand fest, «Rocky» wurde eingeschläfert, der Richter schloss trotz offener Fragen die Untersuchungen zwei Jahre später ab.

Die Eltern Tina und Nicola Mongelli hatten diese These stets als abstrus abgetan. Sie und der Privatdetektiv Fred Reichenbach waren von Anfang an der Überzeugung, dass Luca von vier Jugendlichen angegriffen worden war, wie es Luca immer wieder erzählte. Gestern nun überbrachte Nicola Mongelli in Sion eine Petition mit 9343 Unterschriften. Es ist ein Auftrag an die Walliser Staatsanwaltschaft, das «Dossier Luca» wieder zu eröffnen. Auslöser der Petition war eine Zeichnung gewesen, die Marco drei Jahre nach dem traumatischen Ereignis in der Schule gemacht hatte.

«Aus Angst hatte der kleine Junge das Ganze verdrängt»

Am 11. April 2005 gibt Marcos Lehrerin ihren Schülern die Aufgabe, Gefühle zu zeichnen. Marco wählt die Angst. Auf seiner Zeichnung sieht man ein Kind am Boden liegen und drei Angreifer um es herum stehen. Ein Angreifer schlägt einen Hund mit dem Stock. Rechts im Bild steht ein zweiter Hund. Ein anderes Kind versteckt sich verängstigt im Wald. Über die Zeichnung schreibt Marco: «Ich hatte Angst, als mein Bruder geschlagen wurde.» Die Lehrerin übergibt die Zeichnung den Eltern Marcos.

«Aus Angst hatte der kleine Junge das Ganze verdrängt», sagt Fred Reichenbach gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Nachdem die Familie nach Italien gezogen war, habe er sich wieder sicher gefühlt. «Ein Kinderarzt des Universitätspitals Genf schätzt, dass Marco diese Szene nicht so präzis hätte zeichnen können, wenn er sie nicht erlebt hätte», so der ehemalige Polizist.

«Rocky» versuchte Luca zu verteidigen

Auf der Zeichnung liege Luca mit geschlossenen Augen am Boden, er schreie. Um ihn herum seien die drei «Bösen», deren Vornamen Marco nenne und die er beschreiben könne, steht in der Beschreibung der Zeichnung auf der Website der «Fondation Luca», einer Stiftung für Gewaltopfer, die unter anderem Reichenbach ins Leben gerufen hat. Auf der Zeichnung sehe man drei Männchen mit Stöcken in den Händen. Einer schlage den Hund Rocky, der versuche, Luca zu verteidigen.

«Marco erklärt, dass die drei Luca geschlagen haben und dann gegangen sind.» Er, Marco, sei hinter einem Baum versteckt geblieben, mit Rocky und habe dann einen Mann gerufen, der in der Nähe wohnte. Bevor sie gingen, hätten die «Bösen» Luca noch mit Schnee bedeckt und Rocky habe dann den Schnee entfernt.

Die Vermutung, Marco könnte diese Zeichnung gemacht haben, um die These seiner Eltern zu stützen, weisen sowohl der Vater wie Reichenbach weit von sich. «Bei uns war das Thema tabu», sagt Nicola Mongelli zur welschen Zeitung «Le Matin». Ein Kind erfinde kaum eine solche Zeichnung, bloss um seinen Eltern zu gefallen, sagt Reichenbach. Er ermittelt seit Jahren im Fall Luca.

Das Gericht hielt Luca für unglaubwürdig

«Luca sagte von Anfang an, dass ihn vier Jugendliche angegriffen hatten», so Reichenbach zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Er nannte die Namen, beschrieb sie. Man weiss, wer sie sind. Sie waren damals 16, 14, 11 und 9 Jahre alt.» Warum man dem nicht nachging? «Weil es die Söhne zweier einflussreicher Familien aus Sion sind, während Lucas Familie aus der italienischen Arbeiterschicht kommt», argumentiert Reichenbach. «Der Richter hielt Luca nicht für glaubwürdig. Sein Hirn habe Schaden genommen, hiess es. Das ist Unsinn. Luca geht ja sogar zur Schule!»

Die ganzen offenen Fragen rund um den Fall und die Belege, dass Lucas Verletzungen nicht vom Hund stammen könnten, seien einfach ignoriert worden. «Die Ermittler wollen natürlich ihre Fehler nicht zugeben», vermutet Reichenbach. Marcos Zeichnung und die Petition mit 9343 Unterschriften haben wieder Bewegung in das «Dossier Luca» gebracht. Die Staatsanwaltschaft berät nun, ob sie den Fall neu aufrollen wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.10.2010, 13:28 Uhr

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