So sollen Schweizer zu Organspendern werden

In kaum einem anderen Land werden weniger Organe gespendet, als in der Schweiz. Eine Krankenkasse macht nun einen provokativen Vorschlag: Nur wer sich explizit gegen eine Spende ausspricht, soll nicht spenden müssen.

Vorbereitung einer Leber zur Transplantation: Universitaets-Klinik Essen.

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Der Krankenversicherer Assura will die Diskussion über einen Regimewechsel bei der Organspende anstossen: Nur wer sich explizit gegen eine Organspende ausspricht, soll künftig nicht spenden müssen. Bewegt sich auf der politischen Ebene nichts, will Assura eine Volksinitiative lancieren.

«Wir müssen endlich handeln», sagte Assura-Präsident Jean-Paul Diserens an einer Medienorientierung. Denn im Vergleich mit anderen Ländern spenden in der Schweiz relativ wenig Menschen ihre Organe. «Alle drei Tage stirbt jemand, weil er kein Spenderorgan erhält», sagte der Assura-Präsident.

Deutschland ähnlich tief

Gemäss offiziellen Zahlen sind es 12,7 Spender pro Million Einwohner. Wesentlich mehr Menschen spenden in Frankreich (25), Italien (21,8) oder Österreich (24,4). Nur in Deutschland sind die Werte mit 14,6 ähnlich tief wie in der Schweiz.

Assura ortet das Problem vor allem in der aktuellen Praxis. Anders als etwa in Frankreich oder Spanien dürfen in der Schweiz Organe nur entnommen werden, wenn die betroffene Person zu Lebzeiten zugestimmt hat, oder wenn die Angehörigen es erlauben.

Kritik an Swisstransplant

Deshalb setzt sich der Versicherer für die sogenannte Widerspruchsregelung ein. Wer sich während Lebzeiten nicht explizit gegen eine Organspende ausspricht, stellt seine Organe zur Verfügung. Jean-Paul Diserens hofft nun, dass sich auf politischer Ebene etwas bewegt. Sei dies nicht der Fall, dann werde man eine eidgenössische Volksinitiative lancieren, sagte der Assura-Chef.

Scharf kritisierte Diserens ausserdem Swisstransplant, die Schweizerische Nationale Stiftung für Organspende und Transplantation. Er bezeichnete sie als passiv.

Ausserdem müssten die Schweizer Bevölkerung für die Problematik der Organspende sensibilisiert und Tabus gebrochen werden, sagte Diserens. Zur Sensibilisierung soll der Dokumentarfilm «Transplant» beitragen, der 2013 veröffentlicht wird und von der Assura mit Geldern aus ihrer Stiftung mitfinanziert wurde.

Internetumfrage bei Versicherten

Um ihre Kritik am aktuellen System zu untermauern, präsentierte Aussura die Auswertung einer Internetumfrage. 200'000 Versicherte, welche die Onlinedienste des Versicherer nutzen, wurden befragt. Etwa 5000 nahmen daran teil.

Der Krankenkasse zufolge sind 96,8 Prozent der befragten Versicherten bereit, sich als Organspender registrieren zu lassen. Doch bereits im Vorfeld wurde die Aussagekraft der Umfrage angezweifelt – etwa wegen fehlender Kontrollfragen. «Unser Ziel ist es, mit der Umfrage zu provozieren», sagte Diserens.

Zudem kritisierte auch der eidgenössischen Datenschützer Hanspeter Thür die Assura-Umfrage. Stein des Anstosses ist die Vergabe der Datenauswertung an eine US-Firma. Denn nach schweizerischem Recht dürfen Datenlieferungen nur in Länder erfolgen, die einen vergleichbaren Datenschutz haben wie die Schweiz, was bei den USA nicht der Fall ist. Der Datenschützer hatte daher eine sogenannte Sachverhaltsabklärung eingeleitet. «Wir haben ihm alle geforderten Daten geliefert», sagte Assura-Generalsekretär Laurent Huguenin.

Auch der Bund befasst sich derzeit mit dem Thema Organspende. Bis Ende Jahr will der Bundesrat einen Bericht darüber vorlegen, wie die Zahl der Organspenden in der Schweiz erhöht werden könnte.

Swisstransplant weist Kritik zurück

Die vom Assura-Präsidenten geäusserte Kritik weisst Swisstransplant zurück. Man sei in den letzten Jahren sehr aktiv gewesen, sagte Franz Immer, Direktor von Swisstransplant, auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Er verweist zudem auf das Bundesamt für Gesundheit, das für die Informationskampagnen verantwortlich ist.

Eine Volksinitiative hält Immer nicht für nötig. Denn mittlerweile beschäftigt sich die Politik mit dem Thema. Im Parlament wurden zwei Vorstösse eingereicht und der Bundesrat will bis Ende Jahr einen Bericht mit Vorschlägen vorlegen, wie die Zahl der Organspenden in der Schweiz erhöht werden könnte. «Wir sind auf dem richtigen Weg», sagte Immer. Es bewege sich viel, halt auf Schweizer Art und Weise. (bru/sda)

Erstellt: 05.09.2012, 12:21 Uhr

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