Wertvoller als Waffen und Kokain

Das Geschäft mit Aalen ist sehr lukrativ. Auch in der Schweiz gehen neuerdings Schmuggler den Ermittlern ins Netz.

Wenige Zentimeter lang, 0,3 Gramm schwer und in China, Japan oder Thailand sehr begehrt: Ein Glasaal. Foto: Imago

Wenige Zentimeter lang, 0,3 Gramm schwer und in China, Japan oder Thailand sehr begehrt: Ein Glasaal. Foto: Imago

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Sie sehen aus wie Reisnudeln, vier bis sechs Zentimeter lang, mit winzigen schwarzen Augen und einem Mini-Herz, das man pochen sieht, wenn man sie von nahem betrachtet. Diese feinen, gläsernen Wesen, diese Babys der Aale, die in unseren Flüssen und Seen schwimmen, sind heute für Gangsterbosse und Schmugglerbanden wertvoller als Drogen und Waffen.

Die Glasaale, wie diese Jungfische heissen, werden zu Hunderttausenden, zu Millionen gar, von Europa nach Asien geschmuggelt, weil sie als erwachsene Fische dort eine Delikatesse sind. Weil ein Kilo der Mini-Fische, später, wenn sie ausgewachsen sind, eine Million Franken wert ist. Weil sie höhere Margen erzielen als Kokain.

Ermittlungen zeigen, dass in diesem Geschäft das organisierte Verbrechen am Werk ist. Bisher lief es in Frankreich, Spanien und Portugal ab, doch seit Anfang Jahr erfahren Strafverfolger, dass Banden auch Deutschland und die Schweiz auf ihrer Schmuggelroute haben. Am 11. Januar beschlagnahmten Schweizer Zollfahnder am Flughafen Zürich drei Koffer mit gegen 200'000 Glasaalen, die bei der Sicherheitsüberprüfung aufgefallen waren. Die Baby-Aale schwammen in Plastiksäcken, halb mit Wasser gefüllt und mit Sauerstoff übersättigt, gekühlt durch Eis in PET-Flaschen. Die Säcke waren mit Thermodecken abgeschirmt und in Hartschalenkoffer gepackt worden. Die Zollfahnder nahmen zwei Personen fest, die noch in Untersuchungshaft sitzen.

Weitere Ermittlungen führten acht Tage später zu Verhaftungen von Schmugglern am Flughafen in Genf. Dort beschlagnahmten die Strafverfolger sechs Koffer, mit ebenfalls gegen 200'000 Glasaalen. Zurzeit sitzen in Genf sieben Personen in Haft. Laut der Eidgenössischen Zollverwaltung sind es keine Einzeltäter: «Wir gehen aufgrund der vorliegenden Ermittlungsergebnisse und der Informationen von ausländischen Partnerbehörden davon aus, dass es sich um organisierte Banden handelt, welche aus dem Ausland gesteuert werden.» Hinweise auf organisierte Kriminalität lägen insoweit vor, als Arbeitsteilung und getrennte Kommunikationswege feststellbar seien.

Mit einer Sushi-Krise begann es

Der organisierte Schmuggel von Baby-Aalen begann 2010 mit einer Sushi-Krise in Asien. Die Glasaale, die in chinesischen Farmen zu ausgewachsenen Fischen gezüchtet werden, waren dort rar geworden. Die Versorgung mit dem in China, Japan oder Thailand populären Fisch war nicht mehr gesichert. Gleichzeitig erklärte die Europäische Union den Glasaal zur gefährdeten Tierart. Er ist seither ebenso geschützt wie beispielsweise ein Afrikanischer Elefant. Die Babys dürfen in Europa nur noch gefangen werden, um anderswo ausgesetzt zu werden. Nicht aber für den Export aus der EU oder für den Verzehr.

Diese Entwicklung liess in Asien die Glasaal-Preise explodieren. Banden organisierten darauf Schmuggelrouten und schickten Kuriere aus. «Wir gehen davon aus, dass pro Jahr 300 bis 350 Millionen Glasaale von Europa oder Amerika nach Asien geschmuggelt werden», sagt Andrew Kerr, Leiter der Sustainable Eel Group (SEG) in Brüssel, einer Organisation, die teils von der EU, teils von Fischereiverbänden, teils von Spenden getragen wird. SEG kämpft gegen das Aussterben der Aale und gegen den Schmuggel.

Ein Kilo der Baby-Fische hat den Wert einer Million Franken, wenn sie ausgewachsen sind: Aale in einem frühen Entwicklungsstadium. Foto: Alamy

«Zuerst denkt man, es seien schleimige, eklige Viecher», sagt Kerr, «doch wenn man mehr über sie weiss, sieht man, dass es faszinierende Lebewesen sind, die weiter gereist sind als irgendein anderes Tier.»

Woher stammen die geschmuggelten Tiere?

Die Aale legen in ihrem Leben insgesamt bis zu 5000 Kilometer zurück. Sie laichen in der Sargassosee im Atlantik östlich von Florida. Von dort treiben die Larven während fast zwei Jahren Richtung Europa, verwandeln sich in Glasaale und erreichen die Flussmündungen Frankreichs oder Nordspaniens. Von dort sollten sie die Flüsse hoch schwimmen, einige Jahre in Gewässern auswachsen und dann wieder in den Atlantik zum Laichen zurückkehren.

Doch eine grosse Zahl, Millionen gar, schaffen es nicht einmal wenige Hundert Meter die Flussmündung hoch. Sie werden in Frankreich, Spanien, Portugal abgefischt, mit Netzen eingefangen. Es ist heute noch unklar, wer sie für den Schmuggel aus dem Wasser holt. Es gibt an diesen Mündungen reguläre, registrierte Fangeinrichtungen. Doch die dürften sie nur verkaufen, wenn sie in einem europäischen Gewässer wieder ausgesetzt werden. Nun fragt sich, ob Schmuggler die Aale bei lokalen Fischern einkaufen oder eigene Fangeinrichtungen betreiben.

Sichergestellte Aale werden ausgesetzt

«Ich will da niemanden ungeprüft verdächtigen», sagt Frank Hartmann von der Fischereibehörde des Regierungspräsidiums Karlsruhe in Deutschland. «Die Ermittlungen werden zeigen, wie die Fische zu den Schmugglern kamen.» Nach Zürich und Genf kam es auch in Stuttgart vor wenigen Tagen zu Verhaftungen am Flughafen. Die deutschen Strafverfolger hatten einen Tipp erhalten. Sie stiessen auf vier Koffer, in jedem waren Säcke mit 12 Kilogramm Glasaalen, jedes Tier rund 0,3 Gramm schwer, insgesamt etwa 170'000 Tiere. Die beiden Kuriere sitzen in Haft.

Sind Baby-Aale einmal vom Zoll sichergestellt, muss es schnell gehen. «Die Tiere können selbst gut verpackt nicht viel länger als zwei Tage überleben», erklärt Hartmann. Wie auch in den Schweizer Fällen hatten die Schmuggler die Baby-Fische mit dem Auto aus Südeuropa hergefahren. Sie waren also schon eine geraume Zeit unterwegs. «Als wir die Koffer öffneten, waren wir erleichtert. Die Tiere waren in einem sehr guten Zustand. Tipptopp», sagt der Fischerei-Spezialist. Innert zehn Stunden seien die Tiere in den Rhein ausgesetzt worden. Auch die Glasaale in Zürich wurden freigelassen, «in lokale Gewässer», wie die Eidgenössische Zollverwaltung sagt. Die Genfer Mini-Aale warten noch auf die Aussetzung.

450 Millionen wert

Es sind die ersten Festnahmen in Deutschland und in der Schweiz. Dies lässt vermuten, dass die Schmuggler die Routen ändern. «Sie wählen andere Abflugorte, weil Ermittler in den Fanggebieten am Atlantik den Druck stark erhöht haben», sagt Andrew Kerr von SEG.

Die Strafverfolger in Frankreich, Spanien und Portugal koordinieren Ermittlungen und haben Interpol eingeschaltet. Im März 2018 gelang ihnen ein grosser Schlag gegen einen Schmugglerring. Die Spanier verhafteten sechs Chinesen, drei Spanier und drei Marokkaner. Die Strafverfolger fanden 460 Kilogramm Glasaale. «Es wurden in dieser Aktion 364 Koffer beschlagnahmt», sagt Kerr. Laut Strafverfolgern haben allein die ausgewachsenen Aale aus dieser Aktion einen Marktwert von umgerechnet 450 Millionen Franken.

Die Schmugglerbanden hätten eine ausgeklügelte Transportkette kreiert, erzählt Kerr. Die Aale lagerten zunächst in temporären Verteilstellen. Von dort füllten die Schmuggler sie in Säcke ab und verstauen sie in den Koffern. Die Kuriere holten einen oder gleich mehrere Koffer ab und versuchten dann über einen europäischen Flugplatz nach Asien zu kommen. Nur die Fahnder stehen ihnen zunehmend im Weg. Informationen aus der Schweiz haben diese Woche zu weiteren Verhaftungen in Deutschland geführt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.02.2019, 10:08 Uhr

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