Hintergrund

Weshalb die Schule Jungen benachteiligt

Mädchen haben die besseren Chancen. Dafür seien die Jungen später erfolgreicher, argumentieren Experten in einer Studie.

Fleiss, Anpassungsfähigkeit und Disziplin werden beim Übertritt in die Sekundarstufe zentral bewertet und eher den Mädchen zugeschrieben: Aufnahme aus einem Klassenzimmer in Davos.

Fleiss, Anpassungsfähigkeit und Disziplin werden beim Übertritt in die Sekundarstufe zentral bewertet und eher den Mädchen zugeschrieben: Aufnahme aus einem Klassenzimmer in Davos. Bild: Keystone

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Mädchen sind in den anspruchsvolleren Schultypen auf der Sekundarstufe und bei den Maturitätsabschlüssen zahlenmässig den Jungen überlegen. Die Pädagogische Hochschule Bern liess deshalb die Übertrittsverfahren im Kanton Bern auf Chancengleichheit hin untersuchen. Das Ergebnis: Die Berner Übertrittsverfahren bevorteilen die Mädchen.

Die in der Studie befragten Experten aus Schule, Schulbehörden und Wissenschaft werten Eigenschaften wie Fleiss, Anpassungsfähigkeit und Disziplin als zentral für den Schulerfolg und ordnen diese gleichzeitig den Mädchen zu. Die Jungen täten sich mit diesen Eigenschaften schwerer. Die Kritik bezieht sich auf den Übertritt zwischen Primar- und Sekundarstufe.

«Das Übertrittsverfahren Ende Primarstufe ist ein wichtiger Wegweiser für die weitere Bildungslaufbahn, und hier öffnet sich die Geschlechterschere erstmals besonders deutlich», sagt Catherine Bauer, eine der beiden Autorinnen der Studie, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Ein Keil zwischen den Geschlechtern

Je stärker Sozialkompetenzen oder das Arbeits- und Lernverhalten in die Selektionsentscheide einfliessen, sagen einige Experten, desto weniger basiere die Selektion auf Leistung. Und desto stärker werde der Subjektivität und dem Einfluss von Geschlechterstereotypen Tür und Tor geöffnet.

Viele Befragte befürchten, dass diese Art der Beurteilung einen Keil zwischen die Geschlechter treiben könnte, da Mädchen in ihrem Arbeits- und Lernverhalten den schulischen Kriterien meist besser entsprechen würden. «Es wurde mehrfach angemerkt, dass Mädchen bessere Chancen auf einen positiven Übertrittsentscheid hätten, da sie in der Regel weniger im Unterricht stören würden als Jungen und in ihrem Verhalten besser dem erwünschten Arbeits- und Lernverhalten entsprächen», schreiben die Autorinnen.

Jungen sind dafür im Arbeitsleben erfolgreicher

Die Experten fordern, das Übertrittsverfahren zu überdenken. Sie plädieren auf die systematische Umsetzung eines «geschlechtergerechten Unterrichts». Daneben, und dies für die Autorin Catherine Bauer überraschend, fordern Experten eine «Entdramatisierung der Geschlechterthematik»: Die Jungen hätten eben auch andere Bildungsziele und Prioritäten als Mädchen und seien in den nachobligatorischen Ausbildungsgängen sowie im Berufsleben besser vertreten und sogar erfolgreicher, wird argumentiert.

Zudem sei das Geschlecht nicht der wichtigste Faktor für die Bildungschancen. Andere wie Bildung und Sozialstatus der Eltern, Mehrsprachigkeit oder Migrationshintergrund seien noch wichtiger.

Ungenügende Ausbildung

«Ein Grossteil der Experten vermutet, dass die Sprachlastigkeit des Berner Übertrittsverfahrens den Mädchen entgegenkommt», sagt Catherine Bauer. Auch die Beurteilung des Arbeits- und Lernverhaltens spalte die Meinungen, da es mit «Angepasstheit und Stillsitzen» in Verbindung gebracht werde, worin die Mädchen besser seien. «Trotzdem bewerten die meisten Experten das bestehende Verfahren besser als zum Beispiel eine Aufnahmeprüfung, die nur eine Momentaufnahme darstellt.»

Verbesserungsmöglichkeiten sehen die Befragten bei der Aus- und Weiterbildung, es werde ungenügend auf den Selektionsprozess vorbereitet, der herausfordernd und belastend sei. Auch kritisieren die Befragten, dass die entsprechenden Weiterbildungsangebote nur von bereits interessierten und sensibilisierten Lehrpersonen beansprucht würden. Sie schlagen ein Obligatorium vor. (blu)

Erstellt: 11.03.2011, 14:20 Uhr

«Ende Primarschule öffnet sich die Geschlechterschere erstmals deutlich»: Bildungsforscherin Catherine Bauer.

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