Westschweizer Politmagazin «L’Hebdo» steht vor dem Aus

Das Zürcher Verlagshaus Ringier Axel Springer baut in der Romandie Dutzende Stellen ab.

Galt viele Jahre lang als «die Westschweizer Stimme in der Deutschschweiz»: Das Nachrichtenmagazin «L’Hebdo». Foto: Keystone

Galt viele Jahre lang als «die Westschweizer Stimme in der Deutschschweiz»: Das Nachrichtenmagazin «L’Hebdo». Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zeit zur Trauer bleibt der Redaktion und den Lesern des Nachrichtenmagazins «L’Hebdo» keine. Der Wochentitel mit Sitz in Lausanne wird per 2. Februar eingestellt. Das gab der Verlag Ringier Axel Springer gestern bekannt. Gerüchte über eine mögliche Einstellung des Titels kursierten in der Westschweizer Medienszene zwar seit längerem. Doch im vergangenen Sommer wurden die Redaktionen von «L’Hebdo» und der Tageszeitung «Le Temps» faktisch fusioniert und ein gemeinsamer Newsroom für sie eingerichtet. Auch deshalb kam der gestern kommunizierte Entscheid über das Ende von «L’Hebdo» überraschend.

37 Mitarbeitende werden von der Massnahme betroffen sein. Weil für «L’Hebdo» gemäss TA-Recherchen ­aktuell nur noch 14 Personen arbeiten, kann dies nur bedeuten, dass auch die Zeitung «Le Temps» vor einem weiteren empfindlichen Stellenabbau steht. Würden wie an­gekündigt 37 Stellen verschwinden, würde die Belegschaft im Newsroom um ein Drittel reduziert. Journalisten ­befürchten einen Einbruch in der publizistischen Qualität, der mit der ange­kündigten neuen Wochenendbeilage «T», einem Lifestyle-Magazin, nicht wett­zumachen ist. Die Verhandlungen zwischen Personal und Unternehmens­leitung beginnen in den kommenden ­Tagen.

Ein «radikaler» Entscheid

«L’Hebdo»-Gründer Jacques Pilet sprach von einem «schwarzen Montag» und einer «Verarmung der Schweizer Medienlandschaft und des politischen Lebens.» Bundesrat Alain Berset teilte via Twitter mit: «Wenn man mit dem Magazin «L’Hebdo» aufgewachsen ist, ist sein Verschwinden schwer vorstellbar.» Die Waadtländer Regierung beklagte nach den Restrukturierungen bei den Zeitungen «24 Heures» und «Tribune de Genève» einen erneuten «Verlust der Diversität und der Pluralität der Presse» und forderte die Ringier-Geschäftsleitung in einem Communiqué auf, «sich unverzüglich zu einer Arbeitssitzung zu treffen».

Der Einstellungsentscheid sei «radikal», betont Jacques Pilet. Das Magazin habe mit 150'000 Leserinnen und Lesern nach wie vor «eine treue Leserschaft». Gemäss Wemf-Zahlen hat die verkaufte Auflage in den letzten Jahren aber ständig abgenommen, zuletzt von 36'936 (2015) auf 33'706 (2016). Die Zahl verkaufter Abos schwankte bei dem im Jahr 1981 gegründeten Magazin ständig. «Ein Jahr nach dessen Lancierung hatten wir nur gerade 15'000 Abonnenten gehabt, diese Zahl in kommenden Jahren aber auf 50'000 gesteigert», so Pilet. Auch das von Ralph Büchi, Verwaltungsratsdelegierter von Ringier Axel Springer Schweiz, vorgebrachte Argument, «L’Hebdo» habe «allein in den letzten vier Jahren mehr als die Hälfte des Werbeumsatzes eingebüsst», gewichtet Pilet anders als das Management in Zürich. Er sagt: «Das Magazin hatte gute und beständige Werbekunden. Alleine mit dem Argument, es werde zu wenig Werbung geschaltet, ist die Einstellung nicht nachvollziehbar.» Pilet war und ist mit dem Entscheid, den Inserateverkauf in Zürich zu zentralisieren, wenig glücklich. «Das hatte positive, aber auch negative Folgen», sagt er.

Politischen Kompass verloren

Der Verlag hat in den letzten Monaten einiges versucht, «L’Hebdo» neu auszurichten. Das politische Wochenmagazin mit seiner linken, zu gewissen Zeiten konsequent proeuropäischen Ausrichtung und kulturellen Offenheit verlor seinen politischen Kompass immer mehr. Stattdessen wurden Service­themen wie die schönsten Gartenbeizen oder die idyllischsten Wanderwege forciert, oder die Redaktion versuchte, mit Titelthemen wie einer Recherche über französische Vorgesetzte Ressentiments zu schüren. Harte Recherchen zum ­Bankenplatz Schweiz und Enthüllungen von Korruptionsfällen gab es zwar nach wie vor, sie schienen aber einen immer geringeren Stellenwert einzunehmen. «‹L’Hebdo› wurde der Zeitschrift ‹L’illustré› zusehends ähnlicher, das war für das Akquirieren von Anzeigen ein Problem», sagt Peter Rothenbühler, ehemaliger Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten» und von «Le Matin». «L’Hebdo» sei lange Zeit das Magazin der «links-grünen Bobos», der Bourgeois-Bohème, gewesen, heute aber nicht mehr. Rothenbühler bedauert das Ende des letzten unabhängigen Nachrichtenmagazins der Schweiz. «‹L’Hebdo› war lange Zeit Kult – eine Institution.»

Chefredaktor Alain Jeannet kämpfte mit den Tränen, als ihn eine Journalistin des Westschweizer Fernsehens gestern zum Ende seines Magazins befragte. «L’Hebdo» sei viele Jahre die Westschweizer Stimme in der Deutschschweiz gewesen, so Jeannet. Nun würden exzellente Journalisten entlassen – und das in Zeiten, in denen sie mehr denn je gebraucht würden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2017, 22:49 Uhr

Artikel zum Thema

Ringier stellt «L’Hebdo» ein

Das Westschweizer Wochenmagazin wird am 2. Februar zum letzten Mal erscheinen. 37 Mitarbeitende verlieren ihre Stelle. Mehr...

Zürcher Medienhäuser sponsern Lehrstuhl an der ETH

Tamedia, Ringier und die NZZ-Mediengruppe unterstützen zusammen mit 7,5 Millionen Franken eine Professur und ein Zentrum für Medientechnologie an der ETH Zürich. Mehr...

Knall beim «Blick»: Ringier setzt auf neuen Super-Chefredaktor

Die Chefredaktion des «Blick» kommt nicht zur Ruhe. Nach knapp einem Jahr treten die Co-Leiter des «Blick»-Desks ab, neu verantwortet Christian Dorer alle Titel. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Prinzessin auf der Rose: Während des jährlichen Seerosenfestes in Taipeh posiert ein Mädchen auf einem der gigantischen Exemplare für ein Foto. (16.August 2018)
(Bild: Tyrone Siu) Mehr...