«Whatsapp hat in den Schulen nichts verloren»

Lehrerpräsident Beat W. Zemp spricht sich vehement gegen Klassenchats über den US-Messenger-Dienst aus.

Der Lehrerverband hat Regeln verfasst, wie mit Whatsapp an Schulen umgegangen werden soll. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

Der Lehrerverband hat Regeln verfasst, wie mit Whatsapp an Schulen umgegangen werden soll. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

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Wer unter 16 Jahre alt ist, darf neuerdings nicht mehr über Whatsapp kommunizieren: Unter dem Druck der EU musste der zu Facebook gehörende Messenger-Dienst Ende Mai das Mindestalter für die Nutzer anheben, das bislang bei 13 Jahren lag. Die neuen Regeln ­gelten für den gesamten europäischen Markt, auch für die Schweiz.

Für viele Schweizer Schulklassen hat die Verschärfung Folgen, wie die «SonntagsZeitung» gestern berichtete. Denn noch immer scheinen Klassenchats zwischen Lehrern und Schülern über Whats­app weit verbreitet. Genannt werden etwa Beispiele aus den Kantonen Zürich, Aargau und Bern. ­Einige Betroffene suchen nun nach Alternativen. ­Einige üben aber auch Kritik – oder versuchen, die Whatsapp-Chats zu retten, etwa durch die Bitte an die Eltern, ihren Kindern die Nutzung des Dienstes zu erlauben.

Beat W. Zemp, Zentralpräsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), hat dafür kein Verständnis, wie er im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet deutlich macht:

Viele Schulklassen und Lehrer müssen sich eine Alternative zu den Klassenchats über Whatsapp suchen. Ist das nun Fluch oder Segen?
Ich sage es klipp und klar: Whatsapp ist für die Kommunikation zwischen Lehrpersonen und Schülern komplett ungeeignet. Das hat der LCH schon vor drei Jahren zusammen mit Lehrerdachverbänden aus Deutschland und Österreich in einem gemeinsamen Leitfaden so festgehalten. Wir Schweizer waren sogar federführend bei der Erarbeitung dieses Leitfadens. Whatsapp hat in den Schulen nichts verloren.


Video: Fünf Alternativen zu Whatsapp

Digital-Redaktor Matthias Schüssler zeigt, was auch noch möglich ist.


Wo sehen Sie das Problem?
Whatsapp und Facebook sind öffentlich zugängliche Dienste, die Nutzerdaten sind dort nicht sicher. Auf keinen Fall dürfen Kinder von Schulen unter Druck gesetzt werden, diese Dienste zu nutzen. Die Problematik ist seit langem bekannt, und eben deshalb haben wir 2015 unseren Leitfaden mit klaren Regeln und Empfehlungen herausgegeben. Von einer Lehrperson darf man erwarten, dass sie sich damit auseinandersetzt und entsprechend handelt.

Im Klartext: Ein grosser Teil der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer hat Ihren Leitfaden bis jetzt missachtet.
Nun gut, es gibt 10'400 Bildungsinstitutionen in der Schweiz, in denen über 120'000 Lehrpersonen unterrichten. Da ist es nicht so einfach, alle zu erreichen. Die Verantwortung liegt letzten Endes bei den Schulbehörden.

Wie verbreitet ist der Einsatz von Whatsapp in den Schulklassen noch?
Ich vermute, es sind vor allem Primarschulen betroffen. An den Gymnasien wäre das undenkbar. Ich kann das Ausmass nicht einschätzen. Es ist jedenfalls positiv, dass Whatsapp das Mindestalter für die Nutzer nun heraufsetzen musste.


«Schüler sind nicht dumm» Warum Kinder überfordert sind: Jugendpsychologe Allan Guggenbühl über selbstorganisiertes Lernen und den Lehrplan 21. (Abo+)


Was ist die Alternative zu Whatsapp? Die gute, alte Telefonkette?
Es gibt verschiedene, zeitgemässe Alternativen. Viele Kantone haben inzwischen verbindliche Richtlinien erlassen. Mein eigener Kanton, Basel-Landschaft, schreibt vor, dass die Kommunikation zwischen Lehrpersonen und der Schulklasse über sichere E-Mail-Adressen zu erfolgen hat. Diese Adressen werden vom Kanton eingerichtet und betrieben. Eine weitere Alternative zu Whatsapp ist der Schweizer Messenger-Dienst Threema, der die Sicherheit der Nutzer sehr hoch gewichtet.

Der Aargauer Schulleiter Peter Merz hat eine andere Idee, wie er in der «SonntagsZeitung» sagt: Er will die Eltern der Schulkinder um ihre Einwilligung bitten, damit die Klasse Whatsapp nutzen darf.
Davon rate ich ab. Peter Merz soll sich an die Empfehlungen in unserem Leitfaden halten. Wir haben dort präzise aufgezeigt, was sich eignet und was nicht.

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Ist es auch problematisch, wenn Lehrerinnen und Lehrer Facebook und Whatsapp privat nutzen? Beispielsweise, um Ferienfotos zu teilen?
Man kann einer Lehrperson die private Nutzung von Facebook und Whatsapp natürlich nicht verbieten. Wir empfehlen unseren Mitgliedern aber, auch im privaten Bereich nicht mit den eigenen Schülern via soziale Medien zu kommunizieren. Auf Facebook werden viele persönliche Informationen verbreitet. Und was machen Sie als Lehrperson, wenn Ihnen Schüler Freundschaftsanfragen schicken? Akzeptieren Sie eine Anfrage, müssen Sie zwangsläufig alle akzeptieren, um niemanden zu diskriminieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2018, 21:52 Uhr

Der studierte Mathematiker und Geograf Beat W. Zemp ist seit 1990 Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. (Bild: Keystone Siggi Bucher)

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