Wie Camenisch aus dem Gefängnis agiert haben soll

Handys, Briefe, Mails: Die Staatsanwälte in Perugia versuchen die Spur vom Ökoterroristen Marco Camenisch zu italienischen Extremisten nachzuzeichnen. Die Vorwürfe tönen abenteuerlich.

Marco Camenisch scheint eine prominente Rolle bei der Federazione Anarchica Informale (FAI) zu haben: Demonstranten fordern die Freiheit von Marco Camenisch (Zürich, 2004).

Marco Camenisch scheint eine prominente Rolle bei der Federazione Anarchica Informale (FAI) zu haben: Demonstranten fordern die Freiheit von Marco Camenisch (Zürich, 2004). Bild: Keystone

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Aus dem Gefängnis heraus soll Marco Camenisch terroristische Anschläge der Federazione Anarchica Informale (FAI) mitorganisiert haben. Zusammen mit dem Spanier Gabriel Pombo da Silva sei der 60-jährige Bündner «nicht nur Symbol und Referenzpunkt eines neuen subversiven Projekts, sondern auch dessen Urheber und Antriebskraft», schreibt die Staatsanwaltschaft Perugia in ihrem Haftbefehl gegen zehn mutmassliche FAI-Mitglieder. Camenisch und Pombo da Silva sollen bei zwei Anschlagserien Ende 2009 und Ende 2011 die Fäden gezogen haben.

Die Strafverfolger stützen ihre These mit einer Reihe von Indizien. Bei Pombo da Silva, der in Deutschland inhaftiert ist, verfügen sie über schriftliche Korrespondenz sowie überwachten Telefon- und Mail-Verkehr. Dem Spanier ist es offensichtlich gelungen, sich im Gefängnis ein internetfähiges Handy zu besorgen. Abgehörte Telefongespräche zeigen, wie er die Kampfgefährten in Italien zu Gewalttaten ermuntert: «Wir geben eine Antwort. Pum, pum, pum, verstanden?», sagte er etwa zu den Genossen.

Hungerstreik und Anschläge

Dürftiger sind die Indizien gegen Camenisch, für den die Unschuldsvermutung gilt. Letztlich leitet die Staatsanwaltschaft Perugia Camenischs Rolle aus einer Serie von Briefen zu einem Hungerstreik im Winter 2009 ab. Darin versuchen sich Camenisch und Pombo da Silva auf ein Datum zu einigen, was nach einigen Missverständnissen schliesslich gelingt. Nicht zuletzt dank der Hilfe der Zürcher Aktivistin Andrea Stauffacher, über deren Adresse laut Haftbefehl mehrere Mails verschickt worden sind.

In der Woche vom 16. bis 23. Dezember verweigern beide Gefangenen die Nahrung – und in dieser Woche finden zwei Anschläge der FAI in Mailand und bei Triest statt. Diese Anschlägen seien die Antwort «auf den öffentlichen Aufruf von Gabriel Pombo da Silva zur internationalen Solidarität, mit Kämpfen innerhalb und ausserhalb der Gefängnisse, mit Hungerstreiks vom 9. bis 16. November und vom 16. bis 23. Dezember. In der zweiten Woche des Kampfes haben wir unseren Beitrag geleistet», heisst es in den Bekennerschreiben.

Andere Kommunikationskanäle?

Nur: Pombo da Silva hatte diese Daten gar nie öffentlich genannt. Es war viel mehr Camenisch, der den Streik auf November und Dezember verteilen wollte. Für die Staatsanwälte und die Haftrichterin offenbar Beweis genug, Camenisch eine prominente Rolle in der FAI zuzuschreiben. Für sie legt die zeitliche Übereinstimmung zwischen Camenischs Vorschlägen und den im Bekennerschreiben genannten Daten eine direkte Verbindung zwischen Attentätern und Camenisch nahe. Zweifelhaft ist, ob diese Indizien vor Gericht standhalten würden.

Ebenfalls offen ist, ob die Staatsanwalt über weitere Indizien gegen Camenisch verfügt. Da dieser wegen eines Ausbruchs und dem Mord an einem Grenzwächter noch eine Weile in Haft bleiben dürfte, stellen sich diese Fragen vorläufig nicht. Aus den zitierten Nachrichten Camenischs zum Hungerstreik lässt sich jedenfalls kein direkter Aufruf zu Anschlägen herleiten. Daher stellt sich die Frage, ob er andere Kommunikationskanäle zu den mutmasslichen Kampfgefährten nutzen kann. Sowohl sein Briefverkehr als auch seine Telefonate würden kontrolliert, sagt Rebecca de Silva vom Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich, das für Camenischs Haft zuständig ist. Jeder Gefangene könne pro Woche zwei Telefonate führen, die auf zehn Minuten beschränkt seien. Mobiletelefone und Internet seien verboten.

Konspirative Gespräche?

Einzig bei Besuchen dürfte Camenisch einen gewissen Spielraum für konspirative Gespräche haben. Zwar ist eine Aufsichtsperson im Raum anwesend, aber diese soll laut de Silva primär verhindern, dass Gegenstände ins oder aus dem Gefängnis geschmuggelt werden. Die Anzahl der Besucher eines Gefangenen ist allerdings begrenzt. Nicht zugelassen sind Personen mit Vorstrafen oder Haftaufenthalten.

Der Haftbefehl gegen Camenisch und Pombo da Silva könnte aus Sicht der Staatsanwaltschaft Perugia vor allem präventiven Charakter haben – um zu verhindern, dass sie untertauchen, falls sie wider Erwarten bald freikommen könnten. Ein solches Untertauchen würde «ihre Rolle als Triebfeder des subversiven Projekts stärken» und ihnen ermöglichen, sich «materiell an direkten Aktionen» zu beteiligen, heisst es in den Schlussfolgerungen des Dokuments. Camenisch selber hat eine Beteiligung an Kampfhandlungen allerdings bereits vor zehn Jahren ausgeschlossen. Vor seiner Auslieferung an die Schweizer Behörden teilte er 2002 per Communiqué mit, «die Wiederaufnahme klandestiner bewaffneter Militanz im antiautoritären Kampf» sei für ihn unter anderem aufgrund seines fortgeschrittenen Alters sowie gesundheitlicher Schwierigkeiten «weder verantwortbar noch möglich».

Haftentlassung abgelehnt

Zumindest theoretisch ist eine bedingte Entlassung Camenischs seit diesem Jahr möglich, da er zwei Drittel seiner Strafe verbüsst hat. Das Zürcher Amt für Justizvollzug wies eine vorzeitige Entlassung jedoch ab, wie sein Unterstützungskomitee im Januar mitteilte. In einer im Internet veröffentlichen Erklärung Camenischs zum Entscheid heisst es, bei einem politischen Gefangenen wie ihm sei eine bedingte Entlassung «natürlich noch etwas schwieriger» und hänge stark vom aktuell ungünstigen gesellschaftlichen und «politisch-militärischen» Kräfteverhältnis ab. Camenisch kann jederzeit ein erneutes Gesuch um vorzeitige Haftentlassung stellen.

Sein Anwalt Bernard Rambert wollte gestern nicht zu den Vorwürfen aus Perugia Stellung nehmen. Zuerst müsse er seinen Mandanten treffen. Das werde vermutlich Ende Woche der Fall sein.

Erstellt: 27.06.2012, 10:32 Uhr

Soll Anschläge aus dem Gefängnis heraus dirigiert haben: Marco Camenisch. (7. November 1991)

Andrea Stauffacher: Die Linksaktivistin aus Zürich pflegt laut italienischen Strafverfolgern Kontakt mit dem inhaftierten Marco Camenisch. (Bild von September 2011) (Bild: Keystone )

Schweizer Anarchisten

Am 7. November 2009 ging eine Mail von rotehilfe@aufbau.org an zwei Adressen in Italien. Darin ging es um die Koordination des Hungerstreiks, den Marco Camenisch und Gabriel Pombo da Silva in ihren Gefängniszellen planten. Gemäss Haftbefehl der Staatsanwaltschaft von Perugia steht hinter «rotehilfe» die Linksaktivistin Andrea Stauffacher, die Leaderin des Revolutionären Aufbaus Zürich. Bei den Empfängern soll es sich um Stefano Gabriele F. handeln, der zusammen mit Camenisch und Pombo da Silva als führende Figur der mutmasslichen Terroristenzelle gilt, welche die Behörden festgenommen haben. Und um Silvia G. – jene italienische Öko-Anarchistin, die das Bundesstrafgericht am 22. Juli 2011 zusammen mit zwei Komplizen wegen des geplanten Anschlags auf das IBM-Forschungszentrum in Rüschlikon zu 40 Monaten Haft verurteilt hatte.

Rege Kontakte nach Italien

Im Haftbefehl sind weitere Mails zitiert, die Stauffacher zugewiesen werden. Darin werden nicht nur die Daten des Hungerstreiks koordiniert, sondern auch sprachliche Probleme zwischen den Anarchistenszenen in Italien und in spanischsprachigen Ländern gelöst. Die Staatsanwaltschaft Perugia kommt zum Schluss, dass «die Staffacher» – wie Stauffacher irrtümlich genannt wird – eine Rolle in der Kommunikation zwischen Camenisch und den mutmasslichen Kampfgenossen im Ausland gespielt habe.

Es ist nicht das erste Mal, dass die «rote Andi» mit mutmasslichen italienischen Terroristen in Verbindung gebracht wird. Als Italiens Behörden im Februar 2007 Alfredo Davanzo festnahmen, einen mutmasslichen Vertreter der neuen Roten Brigaden, fand auf italienisches Rechtshilfegesuch hin eine Hausdurchsuchung bei Stauffacher statt. Sie soll in regelmässigem Kontakt mit Davanzo gestanden haben. Zu einem Verfahren kam es allerdings nicht. Bereits im Juni 2003 hatte die Polizei auf italienisches Ersuchen hin Hausdurchsuchungen bei Stauffacher durchgeführt.

Auch der Lagebericht 2012 des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB) spricht von Verbindungen der linksextremen Schweizer Szene zu verwandten Bewegungen im Ausland. Es gebe «persönliche und institutionalisierte Beziehungen», steht im Bericht. Eine wichtige Rolle spiele die Secours Rouge International (SRI), eine marxistisch-leninistisch ausgerichtete Organisation, die «der Vernetzung und Kommunikation, aber auch konkreten Aktionen, das heisst Gewalthandlungen», diene. Eines der beiden Zentralsekretariate sei in Zürich und werde vom dortigen Revolutionären Aufbau geführt, der «als treibende Kraft anzusehen ist». Die Kontakte reichten «in die linksextreme Terrorszene hinein, namentlich auch in Italien».

Damit schliesst sich der Kreis mit den Ermittlungen in Perugia: Im Haftbefehl kommen auch verschiedene Mails mit dem Absender info@rhi-sri.org vor, wobei rhi für Rote Hilfe International steht, die deutsche Bezeichnung der SRI. Straffälliges Handeln wirft der Haftbefehl Stauffacher nicht vor – was sich wiederum mit dem Befund des NDB decken würde: «Im Vergleich zu ihren Pendants im Ausland ist die Gewaltbereitschaft der Schweizer gewaltextremistischen Szenen geringer», schreibt er in der Lageanalyse.

Ein Tipp aus der Schweiz?

Die internationalen Kontakte der Schweizer Extremisten könnten laut NDB aber immerhin eine Erklärung dafür bieten, weshalb Silvia G. und ihre beiden Komplizen ausgerechnet das IBM-Forschungszentrum für ihren Anschlag ausgewählt haben, obwohl es «gerade im Zusammenhang mit der Nanotechnologie auch in Italien Anschlagsziele gegeben» hätte.
Andrea Stauffacher war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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