Schattenhalb

Wie Christoph Blocher eine Heimat bekam

1861 wurde Johann Georg Blocher in Schattenhalb eingebürgert. 154 Jahre später spricht Ururenkel Christoph Blocher bei einem Besuch in seiner Heimatgemeinde über Ursprünge und Grenzen.

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Schattenhalb wartet auf die Sonne. Im Winter liegt ein grosser Teil des Gemeindegebiets auch bei schönem Wetter im Schatten. Erst im Februar klettern wieder einige Sonnenstrahlen über die Berge im Süden. Bis dahin kommen Licht und Wärme auf andere Weise nach Schattenhalb.

Ein Kaminfeuer sorgt an diesem Dezemberabend für Behaglichkeit im Restaurant Aareschlucht. An den Wänden des Lokals hängen grossformatige Landschaftsgemälde. Zum Gemeindegebiet gehören das Rosenlaui, das Reichenbachtal und die Engelhörner. Die Gegend war vor 150 Jahren ein begehrtes Reiseziel von Gebirgsmalern aus ganz Europa.

Lächeln und Schulterzucken

Mehr als 200 Personen haben sich eingefunden, um der Vernissage einer umfangreichen Gemeindechronik beizuwohnen, die der kurz vor der Publikation verstorbene Alt-Gemeindeschreiber Kaspar Willi zusammengestellt hat. Etliche dürften auch wegen des Festredners gekommen sein, den der Gemeindepräsident Andreas Frutiger ankündigt: Er begrüsst Christoph Blocher. Der ehemalige Bundesrat ist Bürger von Schattenhalb.

Wie stark der Politiker polarisiert, zeigt sich selbst an der Veranstaltung im Gasthaus Aareschlucht. Als er den Saal betritt, beginnen Anwesende zu lächeln, manche gar verzückt, und nachdem er seine Rede mit den Worten «liebe Mitbürger von Schattenhalb» einleitet, fliegen ihm etliche Herzen vollends zu. Man gehört offenbar zusammen.

Just dies wird von anderen bezweifelt. Unruhig rutschen manche auf den Stühlen herum oder blicken prononciert gelangweilt, während der Redner die gemeinsame Heimat rühmt und Seitenhiebe in Richtung Europa verteilt. «Was hat der eigentlich mit uns zu tun?», wird da und dort getuschelt. Der Einwand scheint berechtigt. Denn Blochers Familie verfügt nach der Hitparade der reichsten Schweizer über ein Vermögen, das etwa 3000-mal so gross ist wie Schattenhalbs jährliches Steueraufkommen.

Lieber vertrauen statt lesen

Und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Sie gehen auf eine alte Geschichte zurück. Diese findet sich im Buch, um das sich die Ansprache des prominenten Gasts dreht. Sein Ururgrossvater Johann Georg Blocher stammte aus dem Königreich Württemberg. In einem Lehrerseminar im süddeutschen Beuggen hatte er eine fortschrittliche pädagogische Ausbildung nach den Grundsätzen Pestalozzis erhalten. Das von frommen Kreisen getragene Institut sandte seine Abgänger in Dörfer aus, die sich keine ausgebildeten Lehrer leisten konnten. 1833 wanderte Blocher ins Haslital ein.

In Meiringen unterrichtete der Reformpädagoge mit grossem Erfolg. Als 1835 alle Lehrkräfte im Kanton Bern einem Examen unterzogen wurden, erhielt er das Prädikat «gut» – als einziger der 18 Lehrer in der Kirchgemeinde Meiringen. Etliche seiner Kollegen konnten weder lesen noch schreiben. «Das benötigt man bei uns nicht», erklärte einer von ihnen den verdutzten Experten: «Das braucht man bloss in Bern, wo keiner dem anderen über den Weg traut.»

Das Schulwesen war im Haslital ein Malaise, wie überall auf dem Land. Die erste Schule wurde im 17. Jahrhundert gegründet, notabene auf Geheiss der Berner Regierung. Unterricht fand bis im 18. Jahrhundert nur im Winter statt, weil die Kinder im Sommerhalbjahr heuen und hirten mussten. Auch die Lehrer kümmerten sich lieber ums Vieh als um die Schulstube, denn das Unterrichten war miserabel entschädigt. Ihren Lebensunterhalt fristeten sie als Bauern oder Handwerker, die Schule war bloss eine Nebenbeschäftigung.

Der Migrant aus dem Norden hingegen zeigte, was Schule zu leisten imstande war: Bei ihm lernten die Schüler tatsächlich etwas. Blocher wurde als Pädagoge derart bekannt, dass ihm auch auswärtige Familien ihre Kinder anvertrauten. Weil es in Meiringen keine Lehrmittel gab, besorgte er seinen Schülern auf eigene Kosten Lektüre in Form von Zeitungen, christlichen Kinderzeitschriften und Gedichtbänden. Auf seine Initiative hin wurden zudem Schiefertafeln, Tinte und Papier angeschafft.

Fünf Jahre dauerte das segensreiche Engagement des Reformpädagogen im Haslital, danach zog es ihn nach Rorbas ZH, wo er die Gründung und Leitung der Kindererziehungsanstalt Freienstein übernahm. Anschliessend führte er eine neu gegründete Reformschule in Bennwil BL, und später leitete er mit der Mädchenerziehungsanstalt Steinhölzli in Köniz eine weitere pädagogische Pioniereinrichtung.

Jassen und verwalten

Rund 600 Einwohner zählt Schattenhalb heute. Mit Abstand grösster Arbeitgeber ist die Privatklinik Meiringen, die auf Schattenhalber Boden liegt. Ein Dorf namens Schattenhalb existiert jedoch nicht. Die Gemeinde entstand als Zusammenschluss von mehreren Dörfern (Willigen, Geissholz, Falcheren) und Weilern. Die Gründung erfolgte erst 1835, also kurz nach der Ankunft Johann Georg Blochers. Das politische Leben in der jungen Gemeinde war anfänglich ausgesprochen gemütlich. Aus Protokollen geht hervor, dass der von 1856 bis 1873 amtierende Gemeindepräsident Caspar Egger die Gemeinderäte offiziell zu Sitzungen in sein Gasthaus berief, bei denen ein Jass das einzige Traktandum bildete.

Am 21. Oktober 1861 galt es allerdings ein weiteres Geschäft zu behandeln. Johann Georg Blocher hatte während seiner Zeit im Haslital auf Boden der späteren Gemeinde Schattenhalb gewohnt. Nun beantragte er, zusammen mit seiner Ehefrau und den Kindern ins Bürgerrecht aufgenommen zu werden. Der Gemeinderat gab dem Gesuch zwar nicht einstimmig, aber doch mehrheitlich statt. Dem Gesuchsteller wurde eine Einkaufssumme von 900 Franken auferlegt – das Dreifache des Jahreslohns, den man ihm als Lehrer in Meiringen ausbezahlt hatte.

Die Gemeinde konnte das Geld gut gebrauchen. Etwa für das Sponsoring auswanderungswilliger Bürger. Hunderte von verarmten Einwohnern des Haslitals verliessen im 19. Jahrhundert ihre Heimat, um in Übersee ihr Glück zu suchen. Für die Gemeinden war jede Ausreise ein Glücksfall, weshalb sie jeweils mit Geld nachhalfen. Mit Johann Georg Blochers Eintrittsgebühr liess sich die Austrittsprämie von etwa sechs Familien finanzieren. Die Auswanderungsbeiträge waren allerdings oft an einen Verlust des Bürgerrechts geknüpft. Geld bekam, wer sich nie wieder blicken liess.

Vorteile der Schattenseite

Der Heimatschein war früher eine Art Versicherungspolice. Wer sich nicht aus eigener Kraft durchzuschlagen vermochte, für den hatte die Heimatgemeinde zu sorgen. Damit sollte das unterbunden werden, was der konservative Ururenkel des Reformpädagogen in seiner Rede im Restaurant Aareschlucht als «binneneidgenössischen Sozialtourismus» bezeichnet. Die Regelung gilt heute allerdings nur noch beschränkt und dürfte bei der nächsten Revision des Sozialhilfegesetzes komplett abgeschafft werden. Dann wird das Heimatrecht keinerlei praktische Funktion mehr haben.

Was bleibt, ist die emotionale Bedeutung. «Ich war immer stolz, Bürger von Schattenhalb zu sein», bekennt Christoph Blocher vor seinen Mitbürgern. Und kommt in Fahrt: «Als Schattenhälbler sah ich mich verpflichtet, den Kampf gegen den Beitritt der Schweiz zum EWR zu führen.» Denn sein Vorfahre sei ja ausgetreten aus Europa, da brauche er nicht wieder einzutreten. Die Bemerkung löst im Saal Heiterkeit aus, aber auch Stirnrunzeln.

Die Falten legen sich allerdings, als der ehemalige Bundesrat das Pathos beiseite lässt und persönlich wird. Er sei heute ein vermöglicher Mann, aber er habe arm angefangen, stellt er fest. Die grösste Firma im Kanton Graubünden, die Ems-Chemie, habe er nur retten können, weil er kein Geld für hochtrabende Investitionen gehabt habe. In dieser Hinsicht identifiziere er sich voll und ganz mit Schattenhalb: «Gemeinden, die nicht so viel Sonne haben, sind gesünder, müssen mehr arbeiten und haben weniger dumme Ideen.» Die Schattenseite habe eben auch ihre Vorteile. Warum male jeder Künstler sein Bild im Schatten? Ganz einfach: «Wer im Schatten sitzt, sieht in die Sonne.»

zeitpunkt@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.12.2014, 13:27 Uhr

Zu Besuch

«Hier in Schattenhalb sind meine emotionalen Wurzeln»

Am Bürgerrecht von Schattenhalb bei Meiringen hänge er am meisten, erklärt der Politiker dort an der Vernissage der neuen Gemeindechronik.

Was bedeutet Heimat für Sie?
Christoph Blocher: Früher war der Heimatort jener Ort, an den man immer hinkonnte. Jedem war klar: Von dort bist du, und dorthin kannst du auch wieder zurück. Grenzen sind etwas wert.

Sie haben mehrere Bürgerrechte. Welches ist Ihnen wichtiger?
Jenes von Schattenhalb ist das älteste, daran hänge ich besonders. Dann habe ich eines von Zürich und eines von Meilen; dieses wurde mir seinerzeit verliehen, damit ich Mitglied des Gemeinderats werden konnte. Und dann bin ich noch Ehrenbürger der einst kleinsten Bündner Gemeinde Lü. Dort haben 1992 sämtliche der 34 stimmberechtigten Einwohner den EWR-Beitritt abgelehnt.

Sie sind nicht in Schattenhalb aufgewachsen. Haben Sie da überhaupt eine Beziehung zu der Gemeinde?
Ja klar, hier sind meine emotionalen Wurzeln. Ich bin jedes Mal gerührt, wenn ich nach Schattenhalb komme. Schon mein Vater war mehrmals mit mir hier. «Die Heimatgemeinde muss man kennen», sagte er. Er zeigte mir jeweils das Schulhaus und erklärte, hier würde ich zur Schule gehen, wenn unsere Vorfahren in der Gemeinde geblieben wären.

Und als Erwachsener?
Ich bin ein paarmal in Schattenhalb gewesen. In guter Erinnerung ist mir geblieben, wie ich mit dem verstorbenen Gemeindeschreiber und Buchautor Kaspar Willi und in Begleitung eines Fernsehteams auf dem Gipfel des Rosenhorns war. Das Rosenhorn ist für mich der wichtigste Gipfel der Berner Alpen. Man sieht es auch vom Zürichsee aus, und darum heisst unser Haus dort «Haus zum Rosenhorn».

Im Handel

Das Buch: «Schattenhalb», Chronik des früheren Gemeindeschreibers Kaspar Willi, gespickt mit Episoden und Anekdoten. Erhältlich auf der Gemeindeverwaltung Schattenhalb und in der Buchhandlung Jenny in Meiringen, Fr. 88.–.

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