Wie Europa sein Gasnetz aus- und umbaut

Neue Pipelines, Gasfluss in beide Richtungen, ­verflüssigtes Gas aus Übersee: Mit diesen Massnahmen erhöht die EU ihre ­Versorgungssicherheit.

Ein Arbeiter inspiziert eine Gaspipeline in Nordfrankreich. Foto: Keystone

Ein Arbeiter inspiziert eine Gaspipeline in Nordfrankreich. Foto: Keystone

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Es war der Februar 2011. Aufgrund des Bürgerkriegs in Libyen musste der halbstaatliche italienische Versorger ENI die Erdgaspipeline Greenstream vom libyschen Mellitah nach dem sizilianischen Gela stilllegen. Die Leitung war 2004 in Betrieb genommen worden und deckte zum Zeitpunkt des Unterbruchs rund zehn Prozent des italienischen Gasbedarfs. Nach einem eher kalten und überdurchschnittlich trockenen Winter war die Versorgungssicherheit plötzlich ein grosses Thema in Italien. Zumal zuvor – von Juli bis Dezember 2010 – schon die Transitgasleitung durch die Schweiz nach einem Murgang bei Guttannen unterbrochen war. Diese Pipeline ist die zentrale Achse für die Schweizer Gas­versorgung, hat aber auch «strategische Bedeutung» für Italien, wie das Bundesamt für Energie in einem Bericht zur Gasversorgung kürzlich festhielt.

Europa sei stark von russischem Gas abhängig, sagte Paolo Scaroni, der Chef von ENI, damals vor der Auslandspresse in Mailand. Um die Versorgungssicherheit zu erhöhen, brauche es eine bessere Vernetzung innerhalb des Kontinents. «Mit einem integrierten Netz könnte Europa einen Winter lang ohne Lieferungen von grossen Produzenten überleben», zeigte sich Scaroni überzeugt. An sich sei Italien in einer komfortablen Ausgangslage, weil es sein Gas aus fünf verschiedenen Herkunftsregionen beziehe (Algerien, Holland, Libyen, Norwegen, Russland). Trotzdem könne der Ausfall einzelner Zulieferer zu kritischen Situationen führen, so Scaroni.

Was er vorschlug, hatte die EU im Herbst 2010 bereits in die Wege geleitet. Mit der Verordnung «über Massnahmen zur Gewährleistung der sicheren Erdgasversorgung» reagierte die Union auf die Zunahme des Gasverbrauchs und die damit verbundene Gefahr von Versorgungsengpässen. Unmittelbarer Anlass dieser Bemühungen war die russisch-­ukrainische Gaskrise im Jahr 2009, die vor allem in den Nachbarländern zu Lieferengpässen geführt und die Abhängigkeit vieler EU-Länder von Russland in Erinnerung gerufen hatte.

Besonders prekär sei die Versorgungssicherheit in jenen Mitgliedsstaaten, die sich «aufgrund fehlender Infrastrukturverbindungen zum Rest der Union auf einer Erdgasinsel befinden», steht in der Verordnung. Will heissen: die ihr Gas ausschliesslich aus einer Richtung beziehen und meist von einem einzigen Lieferanten abhängig sind. Ihnen soll mit einer Art Gas-Innenmarkt der Anschluss an die europäische Infrastruktur garantiert werden. Das bedingt einen Ausbau der Leitungen und eine Diversifizierung der Zulieferungskanäle. Wie wichtig diese Massnahmen sind, zeigt allein schon ein Blick auf die weltweiten Gasreserven. Die grossen Vorräte liegen allesamt ausserhalb des direkten Einflussbereichs der EU.

Gasfluss in alle Richtungen

Konkret geplant sind folgende Mass­nahmen:

  • Ausbau des grenzüberschreitenden Leitungssystems, etwa eine zusätzliche Pipeline zwischen Frankreich und ­Spanien.
  • Umbau der Pipelines, damit das Gas in beide Richtungen fliessen kann («Reverse-Flow»). Derzeit werden mehrere Leitungen in Europa entsprechend eingerichtet – unter anderem Transitgas, die Hauptpipeline durch die Schweiz, in der das Gas heute nur von Nord nach Süd fliesst. Bis 2018 soll es auch in die andere Richtung fliessen können.
  • Erhöhung und Diversifikation der Gaszufuhr durch zusätzliche Pipelines. Das wichtigste Projekt ist TAP, die transadriatische Pipeline, die Gas aus dem kaspischen Raum via Türkei, Griechenland und Albanien nach Italien führen soll. Geplant ist ausserdem ein Ausbau der North-Stream-Pipeline sowie der Bau einer zusätzlichen Leitung von Algerien nach Italien.
  • Ausbau der Infrastruktur für den Transport und die Umwandlung von verflüssigtem Gas. Diese Massnahme erlaubte Importe von nordamerikanischem Gas – insbesondere Schiefergas aus den USA –, für dessen Transport es keine Pipeline gibt.
  • Ausbau der Gasspeicher, um besser für Krisensituationen gerüstet zu sein.
  • Schliesslich will die EU erneuerbare Energien fördern und die Energieeffizienz erhöhen, um weniger abhängig vom Import fossiler Energieträger zu sein.

Erstellt: 02.06.2014, 06:35 Uhr

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