Wie Gymnasiasten den ÖV entlasten

St. Galler Kantonsschüler haben gegen den Willen der Regierung durchgesetzt, künftig später mit dem Unterricht zu beginnen.

Morgenspitze im öffentlichen Verkehr in Bern: Schüler auf dem Weg ins Gymnasium Kirchenfeld. Foto: Adrian Moser

Morgenspitze im öffentlichen Verkehr in Bern: Schüler auf dem Weg ins Gymnasium Kirchenfeld. Foto: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Noch vor ein paar Monaten lehnte der St. Galler Kantonsrat einen späteren Schulbeginn deutlich ab. Die Motion der BDP und GLP forderte, statt wie bisher zwischen 7 und 7.30 Uhr sollte der Unterricht künftig erst um 8 Uhr beginnen. Der BDP-Kantonsrat und Sekundarlehrer Richard Ammann argumentierte mit gesundheitlichen Aspekten: Untersuchungen hätten gezeigt, dass die innere Uhr von Teenagern anders ticke, deshalb sei der Schulbeginn in der Oberstufe zu früh.

Doch der kantonale Bildungsdirektor Stefan Kölliker (SVP) fand dafür kein Gehör. Wenn am Morgen später mit dem Unterricht begonnen werde, müssten Lektionen auf den Nachmittag verschoben werden. Ausserdem seien bereits ähnliche Vorstösse in mehreren Kantonen eingereicht worden, in keinem seien bisher aber die Unterrichtszeiten verändert worden.

Der Schularzt steht dahinter

Doch gestern nahmen die Schüler der Kantonsschule am Burggraben in St. Gallen das Heft selbst in die Hand und setzten den späteren Schulbeginn durch: Ab dem Schuljahr 2016/2017 müssen sie frühestens um 7.55 Uhr statt wie bisher um 7.30 Uhr in die Schule.

«Die Idee ist aus der Schülerschaft gekommen», sagte Paula Zimmermann, Präsidentin der Schülerorganisation, der Nachrichtenagentur SDA. Viele Lehrer seien auch an einem späteren Schulbeginn interessiert gewesen, da die Konzentration der Schüler morgens um 7.30 Uhr oft nicht so hoch sei. «Vor allem aber kam die Idee vom Schularzt. Er sieht den Vorteil von einem späteren Schulbeginn und er hat sich dafür auch sehr eingesetzt», sagte Zimmermann.

«Um Verkehrsspitzen zu glätten, lohnt es sich (...) angepasste Unterrichtszeiten zu fördern.»Aus einer Mitteilung des Bundesrats

Ein späterer Schulbeginn macht aber nicht nur aus gesundheitlichen Gründen Sinn. Letztes Jahr ergaben Abklärungen des Kanton Bern, dass eine Verschiebung des Ausbildungsverkehrs um eine Stunde zu einer signifikanten Glättung der Verkehrsspitzen führen könne. Alleine in der Stadt und Agglomeration Bern könnte das ÖV-Netz zur Morgenspitzenstunde um bis zu 1000 Fahrgäste entlastet werden, wenn die drei Gymnasien Bern-Neufeld, Bern-Kirchenfeld sowie Köniz-Lebermatt ihren Unterricht später beginnen würden.

Mit den kürzlich vorgestellten bundesrätlichen Plänen, das Mobility-Pricing zu testen, hat das Thema neuen Auftrieb bekommen. «Um Verkehrsspitzen zu glätten, lohnt es sich, zudem weitere Massnahmen wie flexible Arbeitszeitmodelle, angepasste Unterrichtszeiten, Homeoffice oder Fahrgemeinschaften zu fördern», schrieb die Landesregierung in der Medienmitteilung. In diesem Zusammenhang merkte jedoch Timo Ohnmacht, Professor für Verkehrspolitik an der Hochschule Luzern, an: «Mobility-Pricing wird nur zum Wunschmittel, wenn das gesellschaftliche Zeitregime sich ändert.» Ohne die gleichzeitige Einführung von flexibleren Arbeitszeiten und Schulzeiten besteht also die Gefahr, dass das Ziel Entlastung des Verkehrs nicht erreicht wird.

Angst um «verhätschelte» Gymnasiasten

Doch genau hier fehlt es an politischem Willen. Wie im Kanton St. Gallen hat auch der Zürcher Kantonsrat kürzlich ein entsprechendes Postulat abgelehnt. Die drei SP-Kantonsräte Renate Büchi, Marcel Burlet und Sabine Sieber wollten schon 2011 durch einen späteren Schulbeginn nicht nur die schulischen Leistungen der Schüler steigern, sondern gleichzeitig auch den öffentlichen Verkehr entlasten. Doch die Bildungsdirektion machte damals vor allem geltend, dass sich mit einem späterer Schulbeginn zwangsläufig der Schulunterricht in den Abend hinein verlängere. Dies führe im Hinblick auf die Nutzung der Schulturnhallen zu Konflikten mit Sportvereinen, bei den Berufsfachschulen zu Konflikten mit abendlichen Weiterbildungsangeboten.

Umfrage

Finden Sie es sinnvoll, wenn die Unterrichtszeit am Morgen nach hinten verschoben wird?






Ähnlich argumentierte der Zürcher Lehrerverband. Diesen April lehnte der Kantonsrat trotz Unterstützung von GLP, EVP, CVP und einem Teil der Grünen das SP-Postulat mit 105 zu 63 Stimmen ab. Die EDU war beispielsweise dagegen, weil sie «verhätschelte Kuschelkinder» und einen «Röstigraben unter Jugendlichen» fürchtete, wenn den Gymnasiasten mehr Schlaf gegönnt würde als den Lehrlingen.

Je älter die Schüler, desto besser die Idee

Beat W. Zemp, Zentralpräsident der Dachorganisation der Lehrerinnen und Lehrer (LCH), befürwortet grundsätzlich, «das Potenzial eines flexiblen Schulbeginns abzuklären». Die Gymnasien und Berufsschulen würden sich eher dafür eignen, weil die meisten Schüler mit dem ÖV kämen. «Am grössten ist aber das Potenzial bei den Universitäten und Hochschulen», sagt Zemp. An der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) habe man damit gute Erfahrungen gemacht.

Zemp, der am Gymnasium Liestal lehrt, sieht aber für Mittelschulen auch Probleme: Der Bedarf nach mehr Turnhallen und Spezialräumen könnte als Folge eines späteren Schulbeginns steigen, was wiederum zu höheren Kosten führen würde. Erstaunt zeigte sich der oberste Lehrer der Schweiz über den Entscheid der St. Galler Kantonsschüler: Wie Studien zeigten, sei bis jetzt die Akzeptanz bezüglich späteren Unterrichtszeiten bei den Schülern eher gering gewesen. Im Kanton Bern wurde letztes Jahr eine entsprechende Umfrage an drei Gymnasien durchgeführt. Das Resultat war eindeutig: 81 Prozent der Schüler gehen lieber schon um 8 Uhr zur Schule statt eine Stunde später. Auch Eltern und Lehrer entschieden sich für das frühe Aufstehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2016, 16:55 Uhr

Artikel zum Thema

So lange schlafen Schweizer

Mathematiker haben die normale Schlafdauer weltweit verglichen – und Interessantes herausgefunden. Mehr...

Spielend durch die Nacht, müde durch den Tag

Mamablog Von wegen falscher Biorhythmus: Die meisten Jugendlichen schlafen zu wenig, weil sie online sind. Zum Blog

Späterer Schulbeginn für mehr Konzentration

Jugendliche werden erst um 9 Uhr richtig wach. SP-Mitglieder im Kantonsrat kämpfen deshalb für einen späteren Schulbeginn. Positiver Nebeneffekt: Mehr Sitzplätze für Berufspendler. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Mit Swissôtel das SOS-Kinderdorf unterstützen

Mit jedem Kommentar und jedem «Share» dieses Artikels wird die Spende von Swissôtel im Namen der Mamablog-Community ans SOS-Kinderdorf erhöht. Helfen Sie mit!

Die Welt in Bildern

Umstrittene Staatsoberhäupter: Bewohner von Pyongyang verneigen sich zu Ehren des siebten Todestags des nordkoreanischen Dikdators Kim Il Sung vor seiner Statue und deren seines Nachfolgers Kim Jong Il. (17. Dezember 2018)
(Bild: KIM Won Jin) Mehr...