Asbest-Urteil

Wie Schmidheiny zur tragischen Figur wurde

Er ist ein Kosmopolit und Globalisierer, der die Schweiz vielleicht schon bald nicht mehr verlassen kann: Der Ex-Industrielle Stephan Schmidheiny. Ein Porträt.

Was immer er tat, wird nun gegen ihn ausgelegt: Stephan Schmidheiny, aufgenommen im März 1997 in Zürich.

Was immer er tat, wird nun gegen ihn ausgelegt: Stephan Schmidheiny, aufgenommen im März 1997 in Zürich. Bild: Keystone

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Man lässt ihn nicht von der Bühne. Dabei gäbe es ähnlich viele Gründe, ihn zu feiern, wie ihn zu verdammen. Feiern könnte man ihn dafür, dass er als erster Industrieller aus der asbesthaltigen Produktion ausstieg, dass er die ökologische Nachhaltigkeit in der Produktion schon predigte, als sie noch kein Schlagwort war. Und die Schweiz 1989 an die Bedeutung des Standortfaktors in einer globalisierten Welt erinnerte, als darüber noch keine ideologischen Weissbücher geschrieben worden waren.

Stephan Schmidheiny, Firmenerbe, Ex-Industrieller, Philanthrop, Kunstsammler. Er wäre im vergangenen Oktober in allen Ehren pensioniert worden, wenn es in seinen Funktionen eine Pensionierung gäbe. Er hätte sich schon ein halbes Jahr davor als Ehrenmitglied des Business Council for Sustainable Development feiern lassen können, als sich die Rio-Konferenz der UNO über nachhaltige Entwicklung zum 20. Mal jährte. Er ging nicht hin. Er sieht seinen Platz nicht mehr auf der Bühne, sondern im Publikum.

Aber man lässt ihn nicht abtreten. In der Schweiz nicht und in Italien schon gar nicht. Ein Berufungsgericht in Turin hat jetzt die Strafe gegen ihn auf 18 Jahre Gefängnis erhöht. Schmidheiny wird für die asbestbedingten Todesfälle in italienischen Eternitwerken verantwortlich gemacht, in der «Schweizer Periode» ab Mitte der 70er-Jahre. Die Eternit hatte er von seinem Vater übernommen, Eternit Schweiz wurde grösste Einzelaktionärin des Eternitwerkes in Italien. Insgesamt 3000 Opfer mit langzeitlich entstandenen Asbestschäden soll es geben, die Anklage spricht von einem «Umweltdesaster», das bis heute anhält.

Ungleiche Vermögensteilung

Was immer Stephan Schmidheiny tat, wird gegen ihn ausgelegt: dass er den Betroffenen 2005 «humanitäre Offerten» unterbreitete und bis heute ungefähr 50 Millionen Euro zahlte, als Versuch, die Anklage zu verhindern. Die 1976 in Neuss einberufene Sicherheitskonferenz, um über «Safe Use» in der Asbestverarbeitung zu reden, verglich der italienische Richter gar mit Hitlers Wannsee-Konferenz 1942. Wie damals die Vernichtung der Juden geplant wurde, hätte Schmidheiny Asbestopfer im grossen Stil geplant.

Wird ein Theaterautor diese tragische Figur dereinst auf die Bühne bringen, die Schlüsselszene wäre jene, als Stephan vom Vater den hälftigen Teil der industriellen Beteiligungen erhält: Es sind die Eternitbeteiligung und die Beteiligung an der Wild-Heerbrugg. Bruder Thomas erhält die Holderbank-Zementgruppe (heute Holcim). Das Erbe bietet den beiden Brüdern ungleiche Herausforderungen: Mit Holderbank lässt sich im damaligen Zementkartell kaum Geld verlieren, die Eternitbeteiligung aber erweist sich im wörtlichen Sinne als vergiftetes Geschenk. Der autoritäre Vater («Sir Max») war sich dieser ungleichen Herausforderung nicht bewusst. Er hielt die feinen Asbestfasern, die in offener Produktion langfristig zu schweren Lungen- und Brustfellschäden führen, für gänzlich harmlos. Naturfasern eben.



Irgendwann in den späten 70er- oder frühen 80er-Jahren, wann genau, ist sein Geheimnis, realisierte Sohn Stephan, dass an den medizinischen Gutachten nicht mehr zu zweifeln war und seine Produktionsstrassen für Tausende von Arbeitern in der Schweiz und weltweit lebensbedrohlich waren. Das wäre der Moment gewesen, in dem er ohne Wenn und Aber hätte aussteigen müssen. Jede Minute, die die Produktionsstrassen weiterliefen, verlängerte die tödliche Bedrohung. Das Eingeständnis hätte zu sofortigen Betriebsschliessungen und Massenentlassungen geführt sowie seinen Besitz entwertet. Auch hätte es ihm als frühes Schuldeingeständnis ausgelegt werden können und ihn womöglich schon damals mit Forderungen auf Schadenersatz konfrontiert. Und es hätte das Kapital vernichten können, das 1983 Grundlage seines Bankkredits an Nicolas Hayek für den Start der Swatch-Gruppe war.

Um sein Startkapital nicht zu vernichten, wählte Stephan Schmidheiny den Mittelweg. Er beschloss den etappenweisen Ausstieg aus der asbesthaltigen Produktion, machte in der Zwischenzeit seine Produktionsstrassen mit neuen Verfahren sicherer, aber ein Teil der Angestellten blieb der Gefährdung ausgesetzt. Rechtlich war er damit auf der sicheren Seite: Die Suva kontrollierte die Fabriken in der Schweiz lange widerspruchslos, die italienische Fabrikinspektion hatte schon gar keine Einwände. Erst 2005 wurde die Asbestproduktion EU-weit verboten.

Weitsichtige Investitionen

Da war Stephan Schmidheiny schon ganz woanders, er hatte drei Jahre vor der Rio-Konferenz alle Beteiligungen im Bereich alte Technologien verkauft. Schmidheiny war inzwischen zum Milliardär aufgestiegen. Die Eternitbeteiligung war dabei bloss Teil seines Startkapitals. Reich wurde er dadurch, dass er sein Portefeuille ständig umschichtete und klug investierte, in die Swatch und andere Beteiligungen im Technologiebereich. Kam dazu, dass die nachhaltige Produktion nach der Rio-Konferenz zum Zauberwort wurde und sich in Börsengängen wie jenem von Precious Woods für die Start-up-Unternehmer auszahlte. 2004 überführte Schmidheiny eine Milliarde aus seinem Vermögen in eine Stiftung mit gemeinnützigem Zweck.

Als Milliardär, Ehrenpräsident des Business Council for Sustainable Development und Philanthropen wurde der Schweizer zur idealen Symbolfigur des italienischen Anklägers Raffaele Guariniello und der Opfervereinigungen. Der Staatsanwalt kämpft ähnlich wie der unerschrockene spanische Richter Balthasar Garzón für Gerechtigkeit, in seinem Fall für die Opfer des lange vernachlässigten Arbeitsschutzes in der Industrie. Jahrzehntelang galt Italien in diesem Bereich als Drittweltland, zu rasch war die Industrie nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut worden. Mahnmale dafür sind Umweltkatastrophen wie jene in Seveso. Im Fall der Opfer aus der Schweizer Periode der Eternitproduktion in Casale Monferrato und anderswo kommt dazu, dass die Diskrepanz zwischen dem reich gewordenen Schweizer Industriellen und Philantrophen und ihren eigenen bis heute erlebten Spätfolgen riesig ist. So hat die Präsidentin der Opfervereinigung bis heute fünf Familienangehörige aufgrund der Spätfolgen der Asbestproduktion verloren. Keiner von ihnen hat zwar bei Eternit gearbeitet. Aber für Opferangehörige sind solche Differenzierungen unwichtig: Raser bleibt Raser.

Der in Hurden SZ lebende Stephan Schmidheiny muss damit rechnen, dass ein Urteil mit langer Haftstrafe gegen ihn irgendwann rechtskräftig wird, vielleicht schon 2014 oder 2015 nach dem letztinstanzlichen Entscheid des Römer Kassationsgerichts. Der Kosmopolit und Globalisierer wird die Schweiz dann nicht mehr verlassen können. Auch wer zu spät aussteigt, den bestraft das Leben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2013, 11:57 Uhr

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