Wie Tschernobyl den Grünen half

Nach dem bisher katastrophalsten Nuklearunfall – jenem von 1986 in Tschernobyl – feierten die Grünen einen Wahlsieg nach dem anderen. Gut möglich, dass auch der Unfall in Japan die Schweizer Politik prägt.

Spuren einer Katastrophe: Kontaminierte Fahrzeuge rosten im Dorf Rossoha, weniger als 30 Kilometer von Tschernobyl entfernt, vor sich hin. Sie wurden damals, im April 1986, zum Löschen der Feuer benutzt. Die Aufnahme wurde 2006 gemacht.

Spuren einer Katastrophe: Kontaminierte Fahrzeuge rosten im Dorf Rossoha, weniger als 30 Kilometer von Tschernobyl entfernt, vor sich hin. Sie wurden damals, im April 1986, zum Löschen der Feuer benutzt. Die Aufnahme wurde 2006 gemacht. Bild: Keystone

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Bald jährt sich die Explosion im AKW Tschernobyl zum 25. Mal. Am 26. April 1986 gelangten dort enorme Mengen an hoch radioaktivem Material in die Umwelt. Erfahren hat davon allerdings vorerst niemand. Tschernobyl in der Ukraine gehörte damals zum sowjetischen Riesenreich. Und dieses wollte die Katastrophe unter dem Deckel halten. Erst am 28. April, nachdem in der Umgebung eines schwedischen Kraftwerks auffällig hohe Radioaktivitätswerte gemessen worden waren, begann man im Westen zu ahnen, dass etwas geschehen sein musste. Am Abend meldete die amtliche sowjetische Nachrichtenagentur, dass in Tschernobyl «ein Unfall» passiert sei.

Bereits am Tag danach befand sich die radioaktive Wolke auch über der Schweiz. Die Bevölkerung reagierte höchst beunruhigt. Die Kommission für AC-Schutz verfolgte die Lage im Auftrag des Bundesrats und informierte täglich. Sie bemühte sich zwar um Zurückhaltung. Trotzdem führten ihre Empfehlungen zu eigentlichen Panikreaktionen. Als die Kommission Schwangeren und Kleinkindern riet, auf Frischmilch zu verzichten, wollte sofort kaum mehr jemand Milch trinken. Als sie empfahl, Salat und Gemüse gründlich zu waschen, brach der Salat- und Gemüsekonsum ein. Allein die Gemüseproduzenten errechneten einen Einnahmeausfall von gegen zehn Millionen Franken.

Sitzzahl in Zürich verfünffacht

Der Unfall in Tschernobyl führte zu einer schlagartigen Sensibilisierung der Bevölkerung. «Die Leute hatten Angst», sagt Helmut Hubacher, damals Präsident der SP. «Das führte zu einem breiten Umdenken.» Die erste politische Wirkung entfaltete das Unglück bereits nach wenigen Wochen. Der Zufall wollte es, dass die Tschernobyl-Explosion zwischen den ersten und den zweiten Berner Regierungsratswahlgang fiel. Dass es im zweiten Umgang zur Sensation kam und gleich zwei grüne Politiker gewählt wurden, hatte laut Leni Robert – sie war eine der beiden Gewählten – mit Tschernobyl zu tun. Es war das erste Mal, dass in der Schweiz grüne Politiker ein Regierungsamt erringen konnten.

Für Leni Robert brachte die Tschernobyl-Katastrophe «so etwas wie einen Paradigmawechsel» in die Schweizer Politik. Tatsächlich konnten die damals noch jungen Grünen in der Folge ihre parlamentarischen Fraktionen markant ausbauen. Als im April 1987 der Zürcher Kantonsrat neu gewählt wurde, steigerten sich die Grünen von 4 auf 22 Vertreter. Die eidgenössischen Wahlen im Herbst 1987 brachten den Grünen ebenfalls Zugewinne. Sie erhöhten ihre Sitzzahl von 6 auf 13. Allerdings ging dieser Sieg vor allem auf Kosten der SP. Gut möglich, dass die Grünen nun auch vom Unfall in Japan profitieren.

Vergleichbare Situation

In der Atomdebatte selbst blieben trotz Tschernobyl-Katastrophe zunächst die alten Gräben bestehen. Als sich das Parlament im Oktober 1986 zu einer Tschernobyl-Sondersession versammelte, scheiterten die Vorstösse von links. Die bürgerliche Mehrheit wollte keinen Atomausstieg und keinen Verzicht auf das damals bereits bewilligte AKW in Kaiseraugst.

Für den Basler Energieexperten und Ex-SP-Nationalrat Ruedi Rechsteiner ist die damalige politische Situation vergleichbar mit der heutigen. «In den 80er-Jahren machte die Atomlobby massiv Druck, weil sie unbedingt das Werk in Kaiseraugst realisieren wollte.» Auch heute hätten die Atombefürworter wieder das Projekt eines neuen Kernkraftwerks vor Augen. Die Erfahrungen von 1986 zeigen: Die Atompromotoren dürften es nach der Japan-Katastrophe nicht einfach haben.

Ein Fenster von fünf Jahren

Damals standen die Befürworter unmittelbar nach dem Tschernobyl-Unglück wohl noch unverdrossen für die Atomkraft ein; vorzugsweise hätten sie, so Helmut Hubacher, mit dem «Swissair-Standard unserer Kraftwerke» argumentiert, der Lichtjahre vom sowjetischen Standard entfernt sei. Doch in der Folge wurde ihre Lage immer schwieriger. Die Stimmung wendete sich gegen die Atomenergie. Der Wandel äusserte sich etwa im Zuspruch, den die beiden Anti-Atom-Initiativen fanden, welche die SP im Herbst 1986 lancierte. Die Moratoriumsinitiative wurde 1990 angenommen. Und 1988 wurde das Kaiseraugst-Projekt – offiziell aus wirtschaftlichen Gründen – beerdigt.

Für Ruedi Rechsteiner steht fest: Nach einem Ereignis wie in Tschernobyl oder jetzt in Japan gebe es ein Fenster von fünf Jahren, in dem «wir etwas erreichen können». Spätestens danach setze das Vergessen ein.

Erstellt: 13.03.2011, 21:53 Uhr

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