Wie der Mathematiker sein Amt umpflügte

Jean-Frédéric Jauslin verlässt das Bundesamt für Kultur nach acht Jahren und zieht Bilanz.

Wollte dem Schweizer Film mehr Visibilität verleihen: Jean-Frédéric Jauslin am Filmfestival in Locarno. (Archivbild)

Wollte dem Schweizer Film mehr Visibilität verleihen: Jean-Frédéric Jauslin am Filmfestival in Locarno. (Archivbild) Bild: Keystone

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Die Freiburger Staatsrätin Isabelle Chassot (49) wird ab Oktober 2013 neue Direktorin des Bundesamtes für Kultur (BAK), wie diese Woche bekannt wurde. Sie löst Jean-Frédéric Jauslin (58) ab, der für die Schweiz Botschafter bei der Unesco in Paris wird.

Die Politikerin Chassot, die im ­Kanton Freiburg das Departement Erziehung, Kultur und Sport leitet, löst den Mathematiker ab, der vor seiner Wahl an die Spitze des BAK von 1990 bis 2004 ­Direktor der Schweizerischen Nationalbibliothek war. Er beerbte David Streiff, der als charismatischer Direktor des Filmfestivals von Locarno mehr als jeder andere auf diesem Posten dem Typus des Künstler-Beamten entsprochen hatte. Streiff war elf Jahre BAK-Direktor und überwarf sich mit Pascal Couchepin, der ihn für seine Filmpolitik kritisiert hatte. Mit Jauslin entschied sich der freisinnige Bundesrat Couchepin 2005 für einen Verwaltungsmann, der die Kulturpolitik entpolitisieren sollte. Alain Berset will da wieder etwas Gegensteuer geben, ist doch Isabelle Chassot eine christdemokratische Politikerin.

Das Bundesamt für Kultur wurde in den letzten acht Jahren von Jean-Frédéric Jauslin in einen weitgehend neu strukturierten Verwaltungsapparat verwandelt. Jauslin, den wir kurz vor seinem Abschied aus Bern in seinem Büro zu einem bilanzierenden Gespräch getroffen haben, bezeichnet als grossen Erfolg seiner Arbeit als Direktor des BAK die Einführung des Kulturförderungsgesetzes. Dieses Gesetz basiert auf dem Kulturförderungsartikel in der ­revidierten Bundesverfassung, die das Volk 1999 angenommen hat.

Historisch gewachsene Aufgaben

Sieben Jahre dauerte die Arbeit am Kulturförderungsgesetz, das schliesslich 2012 eingeführt werden konnte. Parteien und Verbände, Kantone und Städte brachten ihre divergierenden Meinungen in einen aufwendigen Vernehmlassungsprozess ein, der von den Kulturbeamten in Bern in ein Gesetz ­gegossen und vom Parlament mit wenigen Änderungen beschlossen wurde. Rückblickend bezeichnet Jauslin den Weg wichtiger als das Ziel. «Erstmals fand auf nationaler Ebene eine kulturpolitische Debatte statt, die zu einer Klärung der Rolle des Bundes in der Kulturpolitik führte.» In einem Land, in dem die kulturelle Hoheit bei den Kantonen und den Städten liegt, ist es in der Tat nicht einfach, dem Bund eine sinnvolle Rolle in der Kultur zuzuweisen.

Dennoch gibt es historisch gewachsene Aufgaben des Bundes in der Kultur. Zu nennen ist das Landesmuseum in Zürich, die Kulturstiftung Pro Helvetia oder die Filmförderung. Jauslin ­formuliert es so: «In der Schweiz gibt es keine nationale Kulturpolitik. Die Kulturpolitik des Bundes ist Teil der Kulturpolitik des Landes, die in erster Linie von den Städten und den Kantonen ­gemacht wird.» Die Debatte drehte sich zentral um den Begriff der Subsidiarität: Bleibt der Bund immer nachrangig in der Kulturförderung oder hat er auch in gewissen Bereichen den Lead? Das Ergebnis blieb bescheiden. Jauslin sagt aber: «Wir haben erreicht, was wir wollten. Das Parlament hat die gesellschaftliche Bedeutung der Kultur anerkannt und damit die Basis für eine Kulturpolitik auf nationaler Ebene geschaffen.»

Der Kreuzweg Museumspolitik

In der Ära Jauslin erhöhte sich allen Unkenrufen zum Trotz die Summe, die der Bund für Kultur ausgibt. Die realen Ausgaben befinden sich mit über 183 Millionen Franken pro Jahr 7,8 Prozent über dem Finanzplan. Kann sich ein Chefbeamter eines freisinnigen Bundesrats, dem es ja um die Zurückdrängung des Staates gehen müsste, darüber freuen? Er sei kein Politiker und in keiner Partei, sagt Jauslin. Er sei ein Pragmatiker. Die Ausgabensteigerung halte er für angemessen. Jauslin stellt zufrieden fest, dass die Debatte um das Kulturförderungsgesetz weitgehend apolitisch war. Sie hat sich seiner Ansicht nach nicht im links-rechts-Schema bewegt. So habe auch die SVP Ausgabenerhöhungen gefordert. Eine Politisierung der Kulturdebatte hält er aber für möglich. Das ist in seinen Augen ein ­Risiko, das es zu vermeiden gilt.

Hinter dem Schreibtisch in Jauslins Chefbüro in Bern hängt wie zur Illustration dieser pragmatischen Haltung in grossen Lettern Ben Vautiers Satz «La solution existe». Er wird ergänzt durch ein Bild von Marcel Duchamp mit dem Satz «Il n’y a pas de solution car il n’y a pas de problème». Das sei sein Motto bei der Arbeit, sagt er. Er wiederhole den Satz wohl zwanzig Mal am Tag. «Wenn Sie keine Lösung haben, dann haben Sie vielleicht auch kein Problem», erläutert er den Satz. Denn alles sei eine Frage der ­Darstellung, der Formulierung.

Mit Jauslin kam eine gehörige Por­tion Logik und welsches Politikverständnis in das Bundesamt für Kultur. Der Mathematiker pflügte das ganze Amt um, organisierte es neu und drückte ihm seinen Stempel auf. Aus dem Landes­museum in Zürich machte er ein Nationalmuseum, ein Namenswechsel, für den ihn der konservative Publizist Max Frenkel am liebsten ins Gefängnis schicken würde. Jauslin erklärt: Schon bei seinem Amtsantritt habe ihm Couchepin prophezeit, dass die Museumspolitik zu seinem Kreuzweg würde, was ihn als Protestant sehr amüsiert habe.

Geschickte Personalpolitik

Damals geisterte die Idee herum, alle Museen im Besitz des Bundes zu ­einer «Groupe musée suisse» zusammenzufassen, ein Projekt, das scheiterte. Jauslin, der schon aus der Landes­bibliothek eine Nationalbibliothek gemacht hatte, fasste die drei Museen des Bundes und das Sammlungszentrum Affoltern als eine rechtliche Anstalt ­unter dem Namen Nationalmuseum zusammen, er beliess den Instituten aber ihre Autonomie und den Gebäuden ihre Namen: So behielt das Landesmuseum in Zürich seinen Namen ebenso wie das Schloss Prangins, das Forum Schweizer Geschichte in Schwyz und das Sammlungszentrum in Affoltern.

Zum Kreuzweg wurde nicht die ­Namensgebung, eine Formalie, die vor allem im Austausch der Museen mit dem Ausland die Sache vereinfacht. Zum Kreuzweg wurde die Personalpolitik. Jauslin erinnert sich: «Es gab organisatorische Probleme, die es zu lösen galt. 99,9 Prozent der Probleme waren persönlicher Art. Für mich als Romand war es sehr schwierig, mich in Zürich durchzusetzen.» Es gelang ihm dann doch, und mit Andreas Spillmann berief er einen Direktor, der das Landes­museum mit interessanten und kontroversen Ausstellungen zu einem wichtigen Ort der Auseinandersetzung mit Schweizer Geschichte macht.

Auch beim Film gelang es Jauslin, mit geschickter Personalpolitik eine neue ­Dynamik zu schaffen. Mit Nicolas Bideau holte er einen umtriebigen ­Manager, der dem Schweizer Film mehr «Visibilität» verschaffen sollte, wie Jauslin sich ausdrückt. Das Ziel war, den Anteil des Schweizer Films in der Besucherstatistik der Kinos zu erhöhen und Filme zu produzieren, die an internationalen Festivals Erfolg hatten. Das gelang. Dennoch scheiterte Bideau letztlich an einer äusserst selbstbewussten Branche, die der Sektion Film immer wieder ihre Bedingungen zu diktieren versucht. Jauslin sagt: «Ich dachte, Bideau könnte mit seiner Energie die Leute mitziehen, sodass ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Das Gegenteil war der Fall. Sein Wirken führte zu einer grösseren Polarisierung in der Filmbranche. Das ist schade.» Mit Ivo Kummer hat Jauslin einen Nachfolger angestellt, der die Spannungen glätten soll und mit einem ungleich geringeren medialen Aufwand als Bideau das Ziel der «Visibilität» weiterverfolgt.

Nicht Macht, aber Verantwortung

Breite Kreise in der Filmbranche sind der Ansicht, dass der Staat bedingungslos Geld geben soll, die Produzenten und Regisseure werden dann schon die guten Filme produzieren. Das läuft dem abtretenden Chefbeamten zuwider. Ihm gehe es nicht um Macht, sondern um Verantwortung. Es gehe ihm auch nicht um ­inhaltliche Einmischung, sondern um das Verhindern von Vetterliwirtschaft. Der Staat müsse für jede Subvention eine Leistungsvereinbarung machen. Er müsse der Bevölkerung immer erklären können, warum er wofür Geld ausgebe. Das gelte auch für die Kultur. «Wir müssen in der Kultur aber mit möglichst objektiven Kriterien operieren. Es geht nicht um ­inhaltliche Einflussnahme, sondern zum Beispiel beim Film um die Sichtbarkeit im In- und Ausland.» Ganz ähnlich ist seine Haltung zur Kulturstiftung Pro Helvetia. «Ich war absolut dagegen, dass der Stiftungsrat über die Strategie der Pro Helvetia entscheidet. Wenn der Bund 30 Millionen Franken im Jahr an eine Institution gibt, dann muss er sagen können, was er erwartet. Auch hier ­arbeiten wir jetzt mit Leistungs­ver­ein­barungen.»

Mit dem Kulturförderungsgesetz wurde auch die Rolle der Pro Helvetia neu definiert. Das war ein Auftrag des Parlaments, den das BAK umzusetzen hatte. Jauslin macht keinen Hehl daraus, dass es effizienter gewesen wäre, die Pro Helvetia direkt dem Bundesamt einzuverleiben. Die Budgets der beiden Staatsinstitute seien zu klein, um sie ­getrennt zu führen. Politisch war das aber nicht durchsetzbar. Also nahm man eine Aufgabenteilung vor, die einer ­Verwaltungslogik folgt. Die Pro Helvetia ist für die Präsentation der Kultur im Ausland, für den ­Austausch zwischen den Regionen im Inland und für die ­Förderung der Künstler zuständig. Sie übernahm vom BAK die Förderung von Künstlern und Designern und die Organisation des Auftritts der Schweiz an der Biennale in Venedig. Das ging nicht ohne Neben­geräusche über die Bühne, denn die Experten des BAK, die jahrelang Kunst und Design betreuten, mussten andere Aufgaben übernehmen.

Er vertritt die Schweiz bei der Unesco

Das BAK wurde im Gegenzug zu ­einer alle Sparten umfassenden Preis- und Auszeichnungspolitik verpflichtet. Angesprochen auf die Unzahl der ­Preise, die nun vom Bund verliehen werden, sagt Jauslin: «Wir haben den Preissegen im Bereich Kunst und Design reduziert. Es gibt jetzt zehn Preise und drei bis vier Auszeichnungen je Sparte. Ich weiss, das ist immer noch zu viel. Ideal wäre, wenn wir nur zwei bis drei Preise und eine Auszeichnung in jeder Sparte verleihen würden. Aber das ist Zukunftsmusik.»

Die Weiterentwicklung dieser Politik obliegt nun Jauslins Nachfolgerin. Er selbst vertritt ab September die Schweiz bei der Unesco in Paris. Eine Organisation, bei der er schon als BAK-Direktor einen erfolgreichen Auftritt hatte. Mit Stolz erzählt Jauslin, wie seine Mitarbeiter und er es geschafft hätten, dass die Städte La Chaux-de-Fonds und Le Locle, seine Geburtsstadt, von der ­Unesco als Weltkulturerbe anerkannt wurden. «Es gab Standing Ovations in der Vollversammlung, als wir das Dossier präsentierten», sagt Jauslin. «Sie müssen sich vorstellen, dass die beiden Schweizer Städte nun auf einer Ebene mit dem Taj Mahal und den Pyramiden stehen. Das ist einmalig!»

Erstellt: 11.05.2013, 19:53 Uhr

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