Wie die Affäre Gerigate in die Medien kam

Nun zeigt sich, welche Medienstrategie Geri Müllers Gegner verfolgten. Drei Publikationsversuche scheiterten – zum Teil in letztem Moment.

Nationalrat Geri Müller machte sich als pro-palästinensischer Fürsprecher einige Gegner.<br />Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Nationalrat Geri Müller machte sich als pro-palästinensischer Fürsprecher einige Gegner.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Das Teuflische obsiegt, wenn die guten Menschen es verpassen zu handeln.» Dieser Merksatz steht, weiss auf schwarz, in einem Papier, das beim Verständnis der Affäre hilft, die als Gerigate seit einer Woche Schlagzeilen macht. Es ist eine Präsentation zum Thema «Die Schweizer Medien und Israel». Einen Vortrag darüber hielt Sacha Wigdorovits, Inhaber einer PR-Agentur, im April 2011 vor der Handelskammer Schweiz–Israel.

Wigdorovits macht sich seit Jahren für Israel und gegen Antisemitismus stark. Er findet gemäss dem Papier, die «Mehrheit der Medien» in der Schweiz sei «israelfeindlich», und es gebe eine «starke propalästinensische Politlobby». Als «starke Fürsprecher» der Palästinenser nennt er zwei grüne Nationalräte: den Zürcher Daniel Vischer und den Aargauer Geri Müller. In seinem Vortrag propagiert Wigdorovits Aufklärung («faktenorientiert und unpolemisch») und Lobbying. Der PR-Unternehmer aus Zürich hat mit seinem Weggefährten, dem Zuger Treuhänder Josef Bollag, die Stiftung Audiatur gegründet (Ziel: «Gegengewicht zur Unausgewogenheit in der Nahostberichterstattung bilden»).

Als Gegner hat sich Geri Müller in den Vordergrund gedrängt. Er trat an Anlässen mit antisemitischen Zügen auf und traf 2012 Hamas-Vertreter im Bundeshaus. Als Müller sich ein Jahr später anschickte, das Stadthaus jener Kleinstadt zu erobern, in der Wigdorovits die Synagoge besucht und Bollag die israelitische Kultusgemeinde präsidiert, stellte der Treuhänder öffentlich kritische Fragen.

Kontakt bis vergangene Woche

Im Frühjahr trat eine Frau aus dem Kanton Bern an Wigdorovits heran, die einen gut dokumentierten Chat mit Nacktfotos mit dem Politiker unterhalten hatte. Der TA deckte am vergangenen Mittwoch auf, dass der PR-Profi daraufhin Kontakte zu mehreren Redaktionen herstellte. Wigdorovits bezeichnete die Enthüllung als «frei erfunden». Seither hat er nach und nach einräumen müssen, dass er doch einiges mit der Sache zu tun hatte. Wigdorovits behauptete aber, er habe am 28. April letztmals Kontakt zur Frau gehabt – worauf die Frau die Facebook-Kommunikation mit ihm offenlegte. Der Austausch stammt von vergangener Woche.

Erwiesen ist mittlerweile auch, dass der Spin-Doctor in der Sache mit drei Zeitungen verkehrte. Nun zeigt sich genauer, wie die Sache ablief. Kontaktiert wurden ausgewählte Redaktoren. Sie passen zur Beschreibung im erwähnten Vortragspapier. Dort steht: Nur «einzelne Schweizer Medien («Weltwoche», «Blick») und Journalisten denken unabhängig». Erste Adresse für Wigdorovits in Sachen Nacktfotos ist der «Blick». Einst war er dort selber Chefredaktor gewesen. 2013 stand er mit seinem Ex-Arbeitgeber wegen der Fussballaffäre Vogel-Bickel im juristisch-publizistischen Dauerstreit. Seit 1. Januar ist nun aber René Lüchinger beim Boulevardblatt Chefredaktor, ein alter Bekannter. Wigdorovits fädelt ein Treffen der jungen Bernerin mit Lüchinger ein. Die 33-Jährige schwärmt, sie treffe einen berühmten Journalisten und habe einen tollen Menschen kennengelernt. Dann die Überraschung: «Blick» bringt die Geschichte nicht. Ist Lüchinger vorsichtig, weil er sich als «Facts»-Chef vor Jahren bei einem Bundesrat ­wegen nicht beweisbarer Besuche bei einer «Edelprostituierten» hatte entschuldigen müssen? Im Branchenportal «Per­sönlich» bezeichnet er Gerigate als «Grenzfall, was den Persönlichkeitsschutz anbelangt». Oder machte die Frau einen Rückzieher? Sie sagt, sie habe «in letzter Sekunde einen Appell an die Menschlichkeit» verfasst. Geri habe ihr leidgetan.

Versuch 1 ist gescheitert. Wigdorovits spricht Ende April beim Chefredaktor der «SonntagsZeitung», Arthur Rutishauser, vor. Danach orientiert er Josef Bollag darüber. Dies zumindest sagt die junge Bernerin aus. Doch gemäss ihr ist der Treuhänder strikte dagegen, dass die Enthüllungen in der Wochenzeitung von Tamedia erscheinen. Nur zu gut hat er in Erinnerung, was am Morgen geschehen war, bevor Müller in Baden zum Ammann gewählt wurde. Die «SonntagsZeitung» schrieb von einer Beschattung Müllers durch einen Detektiv. Die Fäden «der Operation seien bei einer regierungsnahen israelischen Organisation zusammengelaufen». Gestern hat die «SonntagsZeitung» Bollag in einen losen Zusammenhang mit dieser Aktion gebracht.

Versuch 3 findet bei der «Weltwoche» statt. Die Redaktion des Wochenblatts sieht zuerst von einer Publikation ab. Als die «Neue Zürcher Zeitung» Anfang August aber über Nacktfotos einer Sekretärin aus dem Bundeshaus berichtet, nimmt der stellvertretende Chefredaktor Philipp Gut erneut einen Anlauf. Er schreibt einen Text für die Ausgabe vom 14. August. Geri Müller schaltet Andreas Meili ein. Der Medienanwalt droht mit rechtlichen Konsequenzen – die «Weltwoche» macht einen Rückzieher. Der Scoop fliegt aus dem Blatt.

Anwaltshandy bleibt stumm

Wenige Stunden liegen zwischen dem Verzicht der «Weltwoche» und einem Polizeieinsatz in Baden. Dort wird die junge Bernerin aufgegriffen. «Aufgrund dessen» schreibt der Chefredaktor der «Schweiz am Sonntag» mit Sitz in Baden, habe er von der Nacktselfie-Affäre er­fahren. Patrik Müller war – wie die meisten seiner erfahreneren Mitarbeiter – langjähriger Boulevardjournalist. Er will die Geschichte unbedingt bringen. Am Tag darauf fährt er zu Wigdorovits nach Zürich. Gegenüber der «NZZ am Sonntag» bestätigt der PR-Berater dieses Treffen. Und sagt, er habe Patrik Müller dabei nur beschieden, «dass ich mit dieser Sache nichts zu tun haben will».

Der Chefredaktor fängt am 15. August, einem Freitag, Geri Müller vor dem Stadthaus ab. Sie machen einen Spaziergang, besprechen die Sache ein erstes und dann ein zweites Mal. Er sei mit dem Nationalrat so verblieben, dass er sich am Samstagabend nochmals melden werde, sagt der Chefredaktor. Noch am Freitag interveniert Medienanwalt Meili bei der «Schweiz am Sonntag». Kurz vor 10 Uhr am Samstag meldet der Chefredaktor zurück, vorerst sei nichts eingeplant. Er brauche mehr Zeit zum Recherchieren. Danach herrscht stundenlang Funkstille. Etwa um 18 Uhr ruft Patrik Müller gemäss eigenen Angaben zweimal bei Geri Müller an. Er habe nur Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen können, sagt er. Meilis Nummer wählt er nicht. Stattdessen schreibt er ein E-Mail, das um 20.23 Uhr beim Anwalt eintrifft, der es erst spät in der Nacht sieht. Der Text ist da bereits im Druck.

Erstellt: 25.08.2014, 00:33 Uhr

Bildstrecke

Protagonisten der Affäre Geri Müller

Protagonisten der Affäre Geri Müller Eine Übersicht zum Politskandal des Jahres 2014.

Umfrage

Was bleibt für Sie von der Affäre um Geri Müller übrig?

Die Verfehlungen Müllers.

 
32.2%

Eine politische Intrige.

 
32%

Ein mediales Durcheinander.

 
23.0%

Ein gescheiterter Lobbyversuch.

 
12.8%

1250 Stimmen


Artikel zum Thema

Eine erste Bilanz zu #Gerigate

Analyse Seit einer Woche beschäftigt die Affäre um Geri Müller das Land. Welches sind die Sieger, welches die Verlierer? Mehr...

Wie die Affäre Geri Müller ihren Anfang nahm

Die Chatpartnerin von Geri Müller versprach einem PR-Mann Material, das den Grünen «aus der Politik katapultieren» würde. Mehr...

«Ich wollte nicht hineingezogen werden»

Interview PR-Berater Sacha Wigdorovits hat in der Affäre Geri Müller Informationen zurückgehalten. Jetzt rechtfertigt er sich. Mehr...

So erklärte Geri Müller seine Sicht der Dinge. (Pressekonferenz vom 19. August 2014)

Sacha Wigdorovits

Patrik Müller

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...