Wie die Nummer 2 der Fifa zur Luxusvilla auf Sardinien kam

Ein katarischer Unternehmer kaufte ein Grundstück an der Costa Smeralda. Der Bewohner: Fifa-Kadermann Jérôme Valcke. Dann kam die Guardia di Finanza.

Hier wohnte Jérôme Valcke: Die italienische Polizei beschlagnahmt im Oktober 2017 eine Villa an Sardiniens Smaragdküste. Video: Guardia di Finanza

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Im Oktober 2017 brausten graue Alfa Romeo der Guardia di Finanza die sardische Costa Smeralda entlang. Ihr Ziel: eine prächtige Villa nahe Porto Cervo – 438 Quadratmeter Wohnfläche, Blick auf einen der begehrtesten Küstenstreifen des Mittelmeers. Die italienischen Beamten waren auf Antrag der Schweizer Bundesanwaltschaft (BA) unterwegs, um die Liegenschaft zu beschlagnahmen. Der Verdacht: Die Villa Bianca könnte genutzt worden sein, um eine Schlüsselperson des Weltfussballs zu beeinflussen: Jérôme Valcke, Fifa-Generalsekretär von 2007 bis 2015. Und zwar vom mächtigen katarischen Sport-Geschäftsmann Nasser al-Khelaïfi, Präsident von Paris Saint-Germain und der katarischen Mediengruppe BeIn Sports.

«Es besteht der Verdacht, dass Nasser al-Khelaïfi rund 5 Millionen Euro für den Kauf einer Villa in Porto Cervo (Sardinien) durch Jérôme Valcke Ende 2013 finanziert haben könnte», schrieb die BA Ende 2016 in einem Brief an die Fifa. Dieses vertrauliche Dokument liegt dem Journalistennetzwerk European Investigative Collaboration (EIC) vor, dem Tamedia angehört. Gemäss der BA hing der Kauf der Villa möglicherweise mit der Vergabe von Fernsehrechten für die Fussball-Weltmeisterschaften 2026 und 2030 an BeIn Sports zusammen.

In der Zeit rund um den Villenkauf 2013 steht Katar zudem unter grossem Druck. Einerseits lässt die Fifa die umstrittene Vergabe der Fussball-WM 2022 an Katar untersuchen. Es besteht Korruptionsverdacht. Andererseits muss Katar die Fifa davon überzeugen, die WM 2022 im Winter durchführen zu dürfen, weil die Sommerhitze im Wüstenemirat zu gross wäre. Für die Fifa und ihre Sponsoren ist die Verschiebung in den Winter problematisch, es drohen Einbussen. Am 3. Oktober 2013 fragte Issa Hayatou, Vizepräsident der Fifa-Finanzkommission, an einer Sitzung, wie Katar die Nachteile der Verschiebung ausgleichen werde. Generalsekretär Valcke antwortete nach einer Sitzung mit Vertretern Katars mit folgendem Vorschlag: Die Fifa könnte «bei den katarischen Partnern um einen Zuschuss bitten, um den möglichen Rückgang der Einnahmen aus Fernsehrechten auszugleichen».

«Ich bin Hausbesitzer!»

Was die anderen Fifa-Funktionäre nicht wissen, ist, dass Valcke gleichzeitig sehr private Gespräche führt mit dem Ziel, die Villa Bianca zu bekommen. Am 30. August 2013 gab er ein Kaufversprechen über 5 Millionen Euro ab, das ihm am 9. September bestätigt wurde. Am selben Abend schrieb er an einen seiner Kontakte: «Das Haus in Porto Cervo wurde mir heute Abend bestätigt. Ich bin Hausbesitzer in Porto Cervo!»

Und die WM 2022 geht nach – Katar! Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke (Mitte) bei der Verkündung in Zürich 2010. Foto: Keystone

Doch Valcke hatte nicht die Absicht, die sardische Villa selbst zu bezahlen. Das Geld hätte von Nasser al-Khelaïfi kommen sollen. Jérôme Valcke hat diesem am 30. Oktober Zahlungsanweisungen gegeben: «Anfang nächster Woche muss eine Überweisung von 5’070’000 Euro auf das Konto des Notars erfolgen», schrieb er.

Aus unbekannten Gründen klappte das Geschäft dann aber nicht wie geplant. Stattdessen liess al-Khelaïfi die Villa von einer seiner Firmen kaufen und verkaufte sie weiter an einen Freund. Dieser vermietete sie dann laut eigenen Angaben für 8000 Euro pro Monat an Valcke. Das wäre ein stattlicher Betrag, doch lässt sich nicht überprüfen, ob Valcke diese Miete tatsächlich bezahlt hat. Und wenn ja, wäre es dennoch viel weniger gewesen als die 5 Millionen Euro, die unter normalen Umständen für die Villa fällig geworden wären. Laut Valckes Anwalt Patrick Hunziker hat sein Mandant die volle Miete aus seinem persönlichen Vermögen bezahlt.

Der Anwalt von Nasser al-Khelaïfi, Gregoire Mangeat, sagt, sein Klient sei nie Besitzer der Villa gewesen. Er bestreite jegliches Fehlverhalten und unterstütze die Untersuchung der BA.

Der 480-Millionen-Deal

Aber gemäss dem Verdacht der Schweizer Ermittler war der Villenkauf doch zugunsten von Jérôme Valcke. Und er stehe im Zusammenhang mit den damals laufenden Verhandlungen über die Fernsehrechte der WM 2026 und 2030 im Nahen Osten. Im März 2014 genehmigte das Fifa-Exekutivkomitee den Verkauf dieser Rechte an BeIn Sports für 480 Millionen US-Dollar.

Zwei Quellen aus dem Umfeld der Fifa sagen, es sei sehr ungewöhnlich, solche Verträge mehr als zehn Jahre im Voraus abzuschliessen. Zudem scheine die Vertragssumme sehr hoch. Sie liege rund 60 Prozent über vorherigen Verträgen. Es stellt sich also die Frage: Ist der 480-Millionen-Deal die Entschädigung für die Verschiebung der WM 2022 in den Winter, die Valcke mit Katar besprochen hat?

Wenige Monate vor seiner Entlassung erhielt Valcke ein letztes Geschenk aus Katar: eine Cartier-Uhr im Wert von 40’000 Euro.

Valckes Anwalt Patrick Hunziker bestreitet dies. Laut ihm entspricht die hohe Vertragssumme der Fifa-Praxis beim Verkauf von langfristigen Fernsehrechten. Zudem sei Valcke weder Verhandlungsführer noch Entscheidungsträger bei den mit BeIn abgeschlossenen Verträgen gewesen. Bezüglich der Villa Bianca bestreite sein Mandant «formell, dass er einen ungerechtfertigten Vorteil erhalten hat», sagt Anwalt Hunziker.

Jérôme Valcke wurde von der Fifa 2015 wegen verschiedener Verstösse gegen den Ethikkodex entlassen. Danach war er nicht mehr Mieter der Villa Bianca. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Bestechung, Betrug, ungetreuer Geschäftsbesorgung und Dokumentenfälschung. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Wenige Monate vor seiner Entlassung erhielt Valcke ein letztes Geschenk aus Katar: eine Cartier-Uhr im Wert von 40’000 Euro. Laut seinem Anwalt Patrick Hunziker fand Valcke die Uhr bei einem Aufenthalt in Katar in seinem Hotelzimmer. Valcke wisse nicht, wer sie dort deponiert habe. Solche Geschenke seien im Nahen Osten aber nichts Unübliches.

Mitarbeit: Yann Philippin (Mediapart), Francesa Sironi (L'Espresso), Rafael Buschmann und Christoph Winterbach (Der Spiegel)


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 18.10.2019, 17:59 Uhr

Muss das Valcke-Verfahren wiederholt werden?

Seit zweieinhalb Jahren untersucht die Bundesanwaltschaft (BA) die Verbindungen zwischen dem ehemaligen Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke und dem katarischen Geschäftsmann Nasser al-Khelaïfi. Doch das Verfahren ist bedroht. Kürzlich haben die Anwälte von Valcke die Annullierung des Verfahrens beantragt. Der Antrag ist am Bundesstrafgericht hängig.

Nach Ansicht der Anwälte muss die Untersuchung annulliert werden, weil es einen informellen Informationsaustausch zwischen der Fifa und der BA gegeben habe. Damit habe die Fifa als Anzeigeerstatterin von «geheimen Gefälligkeiten» der BA profitiert, sagt Anwalt Patrick Hunziker. So hätten BA und Fifa etwa abgesprochen, wie das Büro von Valcke am besten durchsucht werden könnte. Im Juni dieses Jahres erklärte das Bundesverwaltungsgericht wegen der informellen Absprachen Bundesanwalt Michael Lauber und zwei Staatsanwälte für befangen und setzte sie im Verfahren Valcke und in einem weiteren Fifa-Verfahren in den Ausstand.

Anwalt Hunziker sagt, die BA müsse wegen des inakzeptablen Vorgehens alle bisherigen Untersuchungshandlungen aufheben und wiederholen. Trotz dieser Querelen will die BA das Verfahren in den kommenden Wochen mit neuen Befragungen vorantreiben. Nach Ansicht der BA ist «der für dieses Verfahren zuständige Staatsanwalt nicht vom Ausstand betroffen. Und der vom Ausstand betroffene Staatsanwalt hat dieses Verfahren noch nie geleitet.»

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