«Wie ein Korporal zwischen Offizier und Soldaten»

Der neue SP-Fraktionschef Andy Tschümperlin gilt als integrative und sympathische Persönlichkeit. An seinem bisherigen Arbeitsort wird ihn jedoch kaum jemand vermissen.

«Eher Verwalter als Visionär»: Andy Tschümperlin am vergangenen Freitag nach seiner Wahl zum Fraktionschef der SP.

«Eher Verwalter als Visionär»: Andy Tschümperlin am vergangenen Freitag nach seiner Wahl zum Fraktionschef der SP. Bild: Reuters

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Als Andy Tschümperlin im Januar 2000 im Schwyzer Kantonsrat Fraktionspräsident der SP wurde, äusserte er sich ähnlich wie jetzt im Bundeshaus. Der demnächst 50 Jahre alte Vater von vier Kindern, damals noch Reallehrer in Rickenbach, sah seinen Schwerpunkt in der Teamarbeit und der Förderung eines Klimas, in dem «Toleranz und Offenheit» trotz starker Persönlichkeiten überwiegen. Im Bundeshaus steht er nun noch stärkeren Persönlichkeiten und der mit 56 Sitzen zweitgrössten Fraktion vor. Und gerade im Vergleich mit der resoluten Zürcher Parteikollegin Jacqueline Fehr, die er bei der Wahl am vergangenen Freitag knapp und überraschend ausgestochen hat, tauchte sofort die Frage auf, ob der «gmögige» Sozialdemokrat aus dem Landkanton Schwyz für diese Führungsfunktion das nötige Rüstzeug mitbringe.

Schon vor dem Wahltag hatte Tschümperlin angekündigt, dass er seine Stelle als Schulleiter in Zug per Ende Schuljahr gekündigt habe. Nach seinem Sprung an die Spitze der Fraktion gibt er dieses Amt voraussichtlich noch etwas früher ab, denn er will sich als Berufspolitiker ganz seinen programmatischen Zielen widmen.

Zwischen Hammer und Amboss

Im Zuger Integrations-Brücken-Angebot, wo er seit 2007 mit einem 50-Prozent-Pensum tätig war, weint ihm allerdings kaum jemand eine Träne nach. Von der Schule selber will sich zwar niemand dazu äussern, doch gemäss verschiedenen Quellen aus dem Umfeld hatte er als Chef von einem guten Dutzend Lehrern, die sich um die Integration und die Deutschkenntnisse fremdsprachiger Jugendlicher zwischen 15 und 22 kümmern, keine glückliche Hand. Konsensorientierte Teamarbeit und motivierende Führung sehen für seine Kritiker anders aus.

Tschümperlin sass in den letzten zwei Jahren, nach Einführung eines neuen Schulmodells und der Jahresarbeitszeit, zwischen den Ansprüchen der Amtsleitung und jenen der Basis wie zwischen Hammer und Amboss. Oder wie sich ein Beobachter ausdrückt: «Wie ein Korporal zwischen Offizier und Soldaten.» Im Militär war Tschümperlin Gefreiter. Seine Selbsteinschätzung, er sei ein erfolgreicher Vermittler und könne Konflikte austragen, teilen die Zuger Lehrerkollegen offenbar nicht.

Er fliegt gelegentlich aus der Bindung

Für die politische Führungsarbeit in der SP-Fraktion müssen das allerdings keine negativen Vorzeichen sein. Bundeshauskollegen von links bis rechts attestieren dem passionierten Fasnächtler und Bassisten in einer «Status Quo»-Coverband ein umgängliches Wesen, das der SP beim Schmieden von Koalitionen und auf der Suche nach Mehrheiten bis weit in die Mitte hinein Türen öffnen kann.

Zumindest Tschümperlins Leistungsausweis der parteiübergreifenden Geselligkeit ist umfassend. Im FC Nationalrat schiesst der ehemalige Handballer Tore, er nimmt an Töggeliturnieren teil und startete regelmässig bei den schwyzerisch-zugerischen Parlamentarierskirennen – auch wenn er sich dort selten als scharfkantiger Fahrer zu profilieren vermochte, gelegentlich aus der Bindung flog und das Rennen zumeist auf hinteren Plätzen beendete.

Doch Tschümperlin werde unterschätzt, sagt sein Parteikollege Daniel Jositsch, der im Nationalrat sein Banknachbar war. Er sei «nicht die klassische Rampensau, die zuerst im Fernsehen sein will» – aber menschlich absolut in Ordnung, beharrlich und beileibe kein Greenhorn. «Er kann zuhören und trotzdem führen in einer Art, die den Leuten den Raum lässt, sich zu entfalten – genau das, was die Fraktion braucht», erklärt Jositsch.

Empathie für die Schwächeren

Andere Politiker wie der Grüne Balthasar Glättli, der mit Tschümperlin in der Staatspolitischen Kommission sitzt, vermissen so etwas wie «das grosse Feuer». Sie sehen in Tschümperlin noch nicht den grossen Visionär, sondern eher den Pragmatiker und Verwalter, trauen ihm aber zu, dass er an seiner neuen Aufgabe wächst und in seiner sachlichen Art Lösungen aufgleist.

Dass Tschümperlin ein Vollblutpolitiker ist, der sich nach eigenen Worten auch durchsetzen kann, zieht jedenfalls niemand in Zweifel. Privat hat sich der Familien- und Integrationspolitiker einmal als «ums Huus ume»-Typ bezeichnet. Aus seiner Empathie für die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft hat er nie einen Hehl gemacht.

Im Kanton Schwyz trug er wesentlich zur Einführung der Prämienverbilligung und zu mehr Kinderzulagen bei. Er war sich aber auch noch mit höheren Weihen nicht zu schade dafür, an einer Gemeindeversammlung in Schwyz für die Einbürgerung eines jungen Türken einzustehen und dafür sogar Polizeiakten zu durchforsten, um dessen Deutschkenntnisse zu belegen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2012, 18:43 Uhr

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