Wie gefährlich ist der Bieler Teenager M. N.?

Der in Kenia wegen Terrorverdachts inhaftierte Bieler Gymnasiast gibt sich harmlos. Der Schweizer Geheimdienst warnt indes vor Al-Qaida-Propaganda und ist von seiner Gefährlichkeit überzeugt. Wer hat recht?

Soll an einer «grösseren Operation» in Somalia beteiligt gewesen sein: M. N. bei einer Gerichtsanhörung in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. (6. Juni 2012)

Soll an einer «grösseren Operation» in Somalia beteiligt gewesen sein: M. N. bei einer Gerichtsanhörung in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. (6. Juni 2012)

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Seine Situation ist deutlich besser als vor wenigen Tagen, aber um Welten ungemütlicher als vor zwei Jahren. Damals war er ein unauffälliger Schüler am Bieler Gymnase du Lac gewesen. Drei, vier Semester fehlten dem jungen Mann noch bis zur Matur. Doch nun ist die schulische Reifeprüfung ganz weit weg.

Seit Wochen sitzt M. N. in Nairobi fest. Der Jüngling mit der hohen Stimme und der gescheiten Brille leidet an Malaria. Das Gefängnis konnte er verlassen. Doch er bleibt eingesperrt, in Auslieferungshaft, in der Kileleshwa Police Station, im Herzen von Kenias Kapitale.

Daran dürfte sich nicht so bald etwas ändern. Der Palästinenser mit jordanischer Staatsbürgerschaft weigert sich, nach Amman zu fliegen. Aus Jordaniens Hauptstadt war er um die Jahrtausendwende herum mit seinen Eltern geflohen. N. wehrt sich auch dagegen, innerhalb Kenias in ein Flüchtlingslager abgeschoben zu werden, wo Hunderttausende Somalier in unwürdigen Verhältnissen leben. Somit bleibt er in Nairobi hinter Gittern. Sporadisch schaut jemand von der Schweizer Botschaft vorbei und bringt Essen.

Er soll nicht mehr in die Schweiz zurückkehren

Gleichzeitig arbeiten in Bern vier Bundesstellen daran, dass das Mitglied des Schachklubs Biel nicht mehr in das Land zurückkehrt, in dem er seit seinem neunten Lebensjahr gelebt hat und das er gegenüber dem TA als seine «Heimat» bezeichnet. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) hat eine provisorische Reisesperre erlassen, das Bundesamt für Migration will N. den Flüchtlingsstatus entziehen. Das Aussendepartement EDA hat dreimal seinen Botschafter vor Ort ausgeschickt, um N. zu befragen. Eine besondere Rolle bei all den Abklärungen spielt der Schweizer Geheimdienst, auf den sich alle involvierten Bundesstellen in ihren Einschätzungen stützen.

Die grosse Frage lautet: Ist N. – so die harmlose Variante – vor seinen Teenagerproblemen auf den Schwarzen Kontinent geflüchtet und dort, naiv, wie er war, in die Hände Krimineller gefallen? Oder ist er doch eher einer, der sich aus freien Stücken einem Al-Qaida-Ableger anschloss? Von der zweiten Variante ist der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) überzeugt. Geheimdienstchef Markus Seiler hat auf drei Seiten den Lebensweg von N., geboren im Oktober 1992 in Amman, nachgezeichnet. Er liefert kein komplettes Bild; viele Angaben im als vertraulich deklarierten Bericht kommen aus zweiter, noch mehr aus dritter Hand. Beim Grossteil der Informationen zum Fall beruft sich der NDB auf einen «westlichen Nachrichtendienst». Auf die USA? Deutschland? Oder halfen Agenten eines anderen Staats den Schweizer Kollegen? Das lässt sich nicht eruieren.

Ein Bericht mit vielen «soll»

Schweizerischer Provenienz dürfte die Angabe sein, dass N. bereits daheim Kontakt zu Somaliern unterhielt: Namentlich genannt wird im Bericht der 27-jährige A. I. Wie N. besass er im Kanton Bern Flüchtlingsstatus. Einige Monate vor N. ging I. nach Afrika.

Die Reise von N. lässt sich anhand des vertraulichen Berichts erstmals, wenigstens in Grundzügen, rekonstruieren: Ende Februar 2011 verschwand der Gymnasiast; noch in Biel hatte er sich ein Flugticket gekauft. Sein Weg soll laut NDB eventuell über Deutschland, sicher über Italien und vielleicht über Amsterdam nach Kenia geführt haben. In Nairobi verliert sich die Spur des praktizierenden Muslims.

Was später passierte und zentral für die Beurteilung der Gefährlichkeit des Schülers ist, bleibt vage. Gesicherte Informationen scheint der NDB wenige zu besitzen. «Soll» ist in den Absätzen über das Jahr nach der Ankunft in Kenia eines der meistbenutzten Wörter: Irgendwann «soll» N. in Somalia wieder aufgetaucht sein, bei der Miliz al-Shabaab. Er «soll» mehrere Monate mit Emrah Erdogan verkehrt sein. Der Deutschtürke Erdogan gilt als erfahrener Jihadist. Er wurde kürzlich in Tansania festgenommen.

N. würde gern nach Biel zurück

Im September und Oktober 2011 sei N. «an einer grösseren Operation» beteiligt gewesen. Diese Angabe, so schreibt der NDB, beruhe auf «unbestätigten Hinweisen». Details dazu liefert der Bericht nicht, den der TA in einer Version mit vielen geschwärzten Stellen gesehen hat. In jenen Herbstmonaten hatten kenianische Truppen erstmals al-Shabaab attackiert. Die Gotteskrieger verübten in Kenia Vergeltungsanschläge. Welche Rolle N. bei all diesen Vorkommnissen gespielt haben soll, bleibt in den drei vertraulichen Seiten offen. Er selber sagt, er sei entführt worden. Vergangenes Jahr waren mehrere Europäer in Kenia verschleppt worden, darunter Hilfswerkmitarbeiter und Touristen. Genauere Angaben zur angeblichen Geiselhaft blieb N. schuldig. Die ganze Geschichte, sagt er, könne er erst in der Schweiz erzählen, wenn er nicht bedroht sei.

Am 10. Mai 2012 wurde N. in Kenia unter Terrorverdacht verhaftet. Überraschend liess die kenianische Justiz den Vorwurf wieder fallen, er habe den radikalislamischen Gotteskriegern im Nachbarland gedient. Mangels Beweisen, heisst es. Weil sein Visum längst abgelaufen war, wurde N. gebüsst. Gerne würde er nun nach Biel zurückkehren.

Der Bund wehrt sich dagegen und zeigt sich nach wie vor von der Gefährlichkeit des jungen Mannes überzeugt. NDB-Chef Seiler skizziert zwei Szenarien: dass N. bei einer Rückkehr für al-Shabaab Propaganda macht und Mitstreiter rekrutiert. Oder dass er sich nach seiner Rückkehr an einem Anschlag beteiligt. Verteidiger Stefan Disch hält dies für ausgeschlossen: «Für die Schweizer Behörden wäre es ein Leichtes, ihn zu überwachen.» Nicht zuletzt deswegen rekurriert der bekannte Lausanner Rechtsanwalt gegen die provisorische Einreisesperre des Fedpol.

Der unbekannte Kahlkopf

Disch ist auch der Meinung, dass bei den Befragungen seines Mandanten in Kenia nicht alles korrekt abgelaufen sei. Am 25. Juli war N. im Innenhof der Polizeistation Kileleshwa befragt worden. Drei Vertreter der Eidgenossenschaft waren zugegen, aber nur einer gab sich zu erkennen: der Botschafter Jacques Pitteloud. Wer die Begleiter des ehemaligen Geheimdienstkoordinators des Bundes waren, gibt das EDA auch auf TA-Anfrage nicht bekannt. Es verweist auf nicht näher spezifizierte «Datenschutzbestimmungen» und «überwiegende öffentliche Interessen».

Geheim bleibt sogar, zu welchen Bundesstellen die «schweizerischen Funktionäre» gehören. Gemäss einem Kenner der Schweizer Botschaft in Nairobi handelt es sich bei Pittelouds Begleitern kaum um Mitarbeiter der Vertretung. So bleibt viel Raum für Spekulationen: Führten Agenten aus der Schweiz die Befragung durch? War Kenia informiert? Oder war die Aktion nach kenianischem Recht illegal?

Dem TA hat N. erzählt, einer der Unbekannten, «ein grosser Kerl mit kahlrasiertem Kopf», habe geschrien und oft das französische Schimpfwort «putain» (wörtlich «Nutte», sinngemäss «verdammt») benutzt. Das EDA findet, N. sei damit und bei zwei weiteren Gelegenheiten «rechtliches Gehör» gewährt worden. Die Befragung an jenem Montagmorgen dauerte zwei Stunden und zwanzig Minuten, von ihr existiert nur eine Seite Protokoll. N. weigerte sich, die wenigen Zeilen zu unterschreiben. Viel über die Gründe für sein Abtauchen und über seine Zeit in Afrika hat er Pitteloud und den beiden Namenlosen laut der Notiz nicht offenbart: Aus einer Laune heraus und um seine Eltern aufzurütteln, sei er abgehauen. In Somalia sei er von einer kriminellen Gruppierung festgehalten worden. Er habe nie eine Waffe in der Hand gehabt oder gekämpft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2012, 22:06 Uhr

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