Wie hält es die Kirche mit der Atomkraft?

Die Bischofskonferenz sagt Ja zur Atomausstiegsinitiative der Grünen. Das wird nicht überall gerne gesehen – etwa in der CVP.

«Die Bewahrung der Schöpfung ist eine Grundaufgabe aller Christinnen und Christen.» Das Atomkraftwerk in Gösgen und die nahegelegene Schlosskirche von Niedergöesgen.

«Die Bewahrung der Schöpfung ist eine Grundaufgabe aller Christinnen und Christen.» Das Atomkraftwerk in Gösgen und die nahegelegene Schlosskirche von Niedergöesgen. Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Die Grünen, Sammelbecken aller Atheisten, Lifestyle-Buddhisten und sonstigen Religionsfernen, erhalten Unterstützung von der Kirche. Der katholischen! Und das nicht zum ersten Mal. Bereits bei der chancenlosen Initiative «Grüne Wirtschaft» empfahl die Schweizerische Bischofskonferenz ein «ethisches und ökologisches» Ja.

Das wiederholt sich nun bei der Atomausstiegsinitiative. Die Nationalkommission Justitia et Pax, ein beratendes Gremium der Bischofskonferenz, ist für sofortigen Atomausstieg. Die Abschaltung der Schweizer Atomkraftwerke nach einer maximalen Laufzeit von 45 Jahren, sei aus praktischer wie ethischer Sicht «machbar und wünschenswert», wie es in einer aktuellen Mitteilung heisst.

Die Schöpfung bewahren

Die Kommission argumentiert sachlich – etwa mit wachsenden Sicherheitsbedenken – aber auch geistlich: «Die Bewahrung der Schöpfung ist eine Grundaufgabe aller Christinnen und Christen.» Auch mahne das Prinzip der Solidarität zu sorgfältigem Handeln im Bewusstsein der Verantwortung für die kommenden Generationen.

Dass ausgerechnet die katholische Kirche sich für einen Atomausstieg einsetzt, kann Gerhard Pfister, dem Präsidenten der CVP und damit jener Partei, die den Kampagnenlead gegen die Initiative hat, nicht gefallen. Am Donnerstag erfuhr Pfister von der Unterstützung der Initiative durch eine Mehrheit seiner Basis, am Freitag nun folgt die Mitteilung der Bischofskonferenz.

Pfister bleibt gelassen

Pfister reagiert auf beide Nachrichten gleich: gelassen. «Wenn die Bischofskonferenz meint, sie solle eine Abstimmungsempfehlung zur Initiative herausgeben, dann soll sie das tun.» Schon oft in der Geschichte seien sich CVP und Bischöfe nicht einig gewesen. «Das ändert aber nichts am guten Einvernehmen zwischen Partei und Bischofskonferenz.»

Nicht überall in der CVP wird die Einmischung der Bischofskonferenz so nüchtern goutiert. Sie kommt auch etwas überraschend: Noch vor ein paar Jahren, als Abt Martin Werlen die Losung «Die Kirche ist politisch!» ausrief, war es normal, dass sich die Katholiken gerne und häufig ins politische Tagesgeschehen einmischten (meist mit einem unverkennbaren Linksdrall). Nicht allen gefiel dieser Kurs. Auf Druck des Bischofs von Chur wurden 2015 mehrere Vertreter der forschen Einmisch-Kultur entlassen. Seither ist es etwas schwierig geworden, eine Linie der politischen Parolen der Bischofskonferenz zu erkennen. Klar scheint: Geht es um Umweltthemen, ist zumindest die Kommission Justitia et Pax immer noch bereit, öffentlich etwas zu meinen.

«Sie hätte das lieber bleiben lassen», sagt CVP-Nationalrat Jakob Büchler aus dem Kanton St. Gallen. Die Bischofskonferenz dürfe schon eine Meinung haben, aber es sei ungeschickt, diese auch zu verkünden. Das ritze nicht nur an der Trennung zwischen Kirche und Staat, sondern sei auch noch ungeschickt. «Wir wissen ja, dass wir aus der Atomenergie aussteigen müssen, aber so wie das in der Initiative vorgesehen ist, geht es nicht!» Im Abstimmungskampf müssten sich auch viele Menschen ein Urteil bilden, die sich nicht so intensiv mit dem Thema befasst hätten, «und davon hören einige auf die Bischöfe».

Die Haltung des Vatikans

Büchler befindet sich mit seiner Kritik auf der Linie des Vatikans. Jedenfalls des Vatikans von Papst Benedikt. Der Deutsche lehnte zwar nukleare Waffen ab, hatte aber nichts gegen die zivile Nutzung von Atomenergie. Man müsse den friedlichen und sicheren Gebrauch der Kerntechnologie begünstigen, die die Umwelt achte und «immer auf die benachteiligten Völker bedacht ist», sagte der Papst zum 50-Jahr-Jubiläum der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), zu deren Gründungsmitgliedern der Vatikan gehört.

Der Nachfolger von Papst Benedikt hat – auch unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima – die Haltung der Kirche leicht verändert. Zwar ist der Vatikan immer noch Mitglied der IAEO, den zivilen Gebrauch von Atomenergie sieht Papst Franziskus allerdings viel kritischer als sein Vorgänger, wie er vor einem Jahr in einer Audienz vor japanischen Bischöfen in Rom sagte: «Die Zerstörung der Natur ist ein Ergebnis davon, dass Menschen sich zu deren Herren erheben.» Franziskus würde am 27. November wohl auch Ja stimmen.

Erstellt: 21.10.2016, 14:34 Uhr

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