Interview

Wie Ökoterroristen funktionieren

In Bellinzona stehen drei mutmassliche Ökoterroristen vor Gericht. Was sind das für Personen, was wollen sie? Linksextremismus-Experte Jean-Marc Flückiger über ihre Motive, Methoden und «home visits».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Flükiger, die drei Angeklagten in Bellinzona sollen der Earth Liberation Front angehören. Was sind das für Leute?
Es geht um eine Bewegung, welche die «Ausbeutung» der Erde anprangert. Man sucht den Weg zurück in eine Gesellschaft, die keinen technologischen Fortschritt kennt. Verbindungen bestehen auch zur Animal Liberation Front. Deren Credo: kein Fleisch essen, keine Tiere für Kleider verwenden und keine Tiere im Zirkus.

Wie haben sich diese Bewegungen entwickelt?
Das begann schon Ende der 70er-Jahre in den USA mit der Bewegung Earth First. Später entstand die Earth Liberation Front. Stark waren sie vorerst in Grossbritannien. Später entstanden Zellen in ganz Europa bis nach Russland und Israel. Inhaltlich erinnert der anti-technologische Diskurs der drei Angeklagten – wie in ihren Communiqués beschrieben – an die Schriften des Franzosen Jacques Ellul. Der 1994 verstorbene Soziologe und Theologe hatte sich seit den 50er-Jahren kritisch mit der Beziehung zwischen Mensch und Technik auseinandersetzt.

Sie nennen die Animal Liberation Front praktisch im gleichen Atemzug mit der Earth Liberation Front. Warum?
Es bestehen Verbindungen. Die drei Menschen, die nun in Bellinzona vor Gericht stehen, werden auch von der Animal Liberation Front als «ihre Gefangenen» angesehen. So zumindest steht es auf einer der Websites der Bewegung. Die Animal Liberation Front arbeitet aber fokussierter. In beiden Bewegungen gibt es allerdings Gruppierungen, die sich zu radikaleren Aktionen bekennen.

Bestehen weitere Verbindungen zu anderen linksextremen Gruppierungen?
Das gibt es wahrscheinlich. Die «ideologische» Identität dieser Leute deutet darauf hin. Auf einer Website erklären sich zum Beispiel griechische Anarchisten solidarisch mit den drei in der Schweiz Angeklagten.

Wie sind Earth Liberation Front und Animal Liberation Front organisiert?
Das sind lose Gruppierungen, die nach dem Prinzip der «führerlosen Bewegung» agieren. Es gibt keine Chefs. Die verschiedenen Zellen operieren unabhängig voneinander.

Wie sieht es mit ideologischen Verknüpfungen zu den früheren Bewegungen Rote Brigaden in Italien oder RAF in Deutschland aus?
Damit habe ich mich nicht beschäftigt.

Wie gefährlich sind Earth Liberation Front und Animal Liberation Front?
Die radikalen Aktivisten operieren mit Gewalt. So gesehen sind sie gefährlich. Allerdings scheint das Hauptziel die Sachbeschädigung sowie die Sabotage. Die Gewalt ist nicht primär gegen Menschen gerichtet. Aber es werden Menschen durch Attacken gegen ihr Eigentum – bei sogenannten «home visits» – oder durch Drohungen genötigt. Bei diesen «home visits» werden Häuser von Personen aufgesucht, die in ihren Augen Schlechtes tun. Beispiel dafür war der Angriff auf das Ferienhaus von Novartis-Chef Daniel Vasella.

Sind die Leute der Animal Liberation Front aktiver?
Sie sind sehr aktiv. Es gab in letzter Zeit Aktionen gegen die Pelzindustrie. Das ging von Spanien über Österreich bis nach Russland.

Wo sind Earth Liberation Front und Animal Liberation Front am aktivsten?
Eine aktive Bewegung gibt es sicherlich in Italien. Zentren sind Rom, Mailand, Bologna und allgemein urbane Zentren. Aktivität haben wir in letzter Zeit aber auch viel in Grossbritannien gesehen. Dort gerät die Firma Huntington Life Sciences unter Beschuss, die im Auftrag von Pharmakonzernen Tierversuche durchführt.

Wie ist die Entwicklung dieser Bewegungen?
Im Bereich extremistischer Gewalt scheinen sie ein fester Bestandteil geworden zu sein. Das zeigt sich allein schon im jährlichen Bericht der Bundesbehörden zur Inneren Sicherheit. Es gibt immer ein Kapitel zum Thema Ökoterrorismus.

Wie aktiv sind Earth Liberation Front und Animal Liberation Front in der Schweiz, und wie sind sie hierzulande organisiert?
In der Schweiz ist eher die Animal Liberation Front aktiv, auch wenn es in der Vergangenheit vereinzelt Aktionen der Earth Liberation Front gegeben hat. Die Zellen sind – wie in anderen Ländern auch – nach dem Prinzip des «führerlosen Widerstandes» organisiert. In der Vergangenheit haben wir einen «Tourismus der Ökogewalt» festgestellt, wo aktive Zellen und Individuen aus dem Ausland in der Schweiz Aktionen durchführen. Beispiel dafür: Zwei der drei Angeklagten in Bellinzona stammen aus Italien. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.07.2011, 06:25 Uhr

Zur Person

Jean-Marc Flükiger (34) hat an der Uni Freiburg in politischer Philosophie doktoriert. Flükiger schreibt für die Website Terrorisme.net und beschäftigt sich mit Formen extremistischer Gewalt. Er hat schon verschiedene Schriften zum Thema publiziert. Zuletzt das Buch : «Nouvelles guerres et théorie de la guerre juste» (Infolio, 2011).

Bildstrecke

Ökoterrorismus

Ökoterrorismus Was im Namen der extremistischen Bewegung angerichtet wurde.

Artikel zum Thema

Öko-Anarchisten: Verteidigung fordert Freispruch

Die drei Anarchisten, die im April 2010 einen Anschlag auf ein IBM-Labor geplant haben, sollen freigesprochen werden. Dies forderte die Verteidigung vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona. Mehr...

Eindeutiges Belastungsmaterial

Am ersten Prozesstag um den geplanten Anschlag auf ein IBM-Labor erhielten die drei Ökoanarchisten Unterstützung von rund 50 Aktivisten. Der italienische Verteidiger der drei rechnet mit einer Verurteilung. Mehr...

«Bonnie and Clyde der Anarchie»

Silvia G. ist die Frau im Ökoanarchisten-Trio, das sich in Bellinzona vor Gericht verantworten muss. Die 29-Jährige und ihr Mann sollen an mehreren Anschlägen in Italien beteiligt gewesen sein. Mehr...

Blog

Kommentare

Paid Post

Leisten Sie sich den schönsten Ort der Welt

Der Erwerb und die Finanzierung von Wohneigentum sollen gut überlegt sein. Darum unterstützt die Migros Bank Sie dabei.

Die Welt in Bildern

Ganz in weiss: Josephine Skriver posiert vor der Vorführung des Films «Roubaix, une lumière» in Vannes auf dem roten Teppich. (22. Mai 2019)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...