Hintergrund

Wie sich Schweizer Schulen gegen Amokläufe wappnen

Die Schulmassaker im Ausland haben Folgen in der Schweiz: Kantone bauen die Früherkennung aus, Schulzimmer werden mit Panikschlössern sowie Warnlautsprechern ausgerüstet.

Trauer und Fassungslosigkeit: Die Menschen in Newtown gedenken der 26 Todesopfer des Amoklaufs in der Grundschule von Sandy Hook.

Trauer und Fassungslosigkeit: Die Menschen in Newtown gedenken der 26 Todesopfer des Amoklaufs in der Grundschule von Sandy Hook. Bild: Reuters

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Bülach, Sekundarschulhaus: Ein arbeitsloser Ex-Sekschüler kommt während des Unterrichts in sein früheres Klassenzimmer und beschimpft seinen ehemaligen Lehrer. Er sei schuld daran, dass er seine Lehrstelle verloren habe. Er sagt Sätze im Stil von: «Jetzt ist fertig. Jetzt siehst du dann gleich, was passiert.»

Als der Junge den Raum verlassen hat, warnt der Lehrer den Schulleiter Peter Gerber. Der entscheidet sich, den Amokalarm auszulösen. Über die Lautsprecheranlage des Schulhauses gibt er allen Lehrern einen abgesprochenen Code-Satz durch. Diese verschliessen die Schulzimmer von innen und fordern die Schüler auf, von den Türen und den Fenstern fernzubleiben.

«Mulmige Minuten»

«Das waren sehr mulmige Minuten», sagt Gerber heute über den Vorfall vom letzten Schuljahr. Als die Warnung kam, wusste er nicht genau, was der Ex-Schüler tun würde, ob er überhaupt noch auf dem Gelände war. «Die grosse Pause stand kurz bevor, alle Schüler wären gleich aus ihren Zimmern gekommen.» Die Polizei, die in wenigen Minuten mit zehn Beamten vor Ort war, durchsuchte daraufhin mit Hunden das ganze Schulgelände. Der Ex-Schüler war untergetaucht, erst am nächsten Morgen konnte er festgenommen werden.

«Es hätte genauso gut ein Ernstfall sein können», sagt Gerber, der auch als Präsident des Zürcher Schulleiterverbands amtet. Was in den USA geschehen sei, könne auch in der Schweiz passieren, damit müssten sich die Schulen auseinandersetzen.

Fortschrittliche Schweiz

In den letzten Jahren hat sich in diesem Bereich einiges getan. Die Schweiz gehöre heute in Sachen Amokprävention zu den fortschrittlichsten Ländern, sagt der deutsche Kriminalpsychologe Jens Hoffmann. Solothurn baut zurzeit innerhalb der Kantonspolizei ein Bedrohungsmanagement auf, ein umfangreiches Notfallkonzept für Schulhäuser besteht bereits, jede Schule verfügt über ein Krisenteam. Auch der Kanton Luzern erarbeitet derzeit ein Bedrohungsmanagement in den Bereichen Schule, Soziales, Gesundheit sowie allgemeine Verwaltung und Gerichte. Dieses sei bewusst breiter angelegt, als nur auf die Schule fokussiert, sagt Projektleiterin Andrea Wechlin. Die Fachstelle wird frühestens im Jahr 2014 ihre Arbeit aufnehmen.

Diese Projekte zielen alle in dieselbe Richtung: Diejenigen, die später zu Amoktätern werden könnten, sollen früh erkannt und gemeldet werden. Roland Zurkirchen leitet in der Stadt Zürich die Gewaltpräventionsfachstelle. Er sagt, alle bislang bekannten Amokläufer hätten eines gemeinsam: Sie hätten ihre Tat zuvor angekündigt, Informationen «geleakt». Wenn ein Lehrer Sätze höre wie «es passiert etwas, ihr werdet schon sehen», müssten bei ihm die Alarmglocken läuten.

Im Kanton Zürich sind die Schulen angehalten, solche Beobachtungen direkt der Kantonspolizei weiterzugeben, welche dann abschätzt, wie ernst die Drohung zu nehmen ist. In der Stadt Zürich läuft der Weg über die Fachstelle Gewaltprävention. Ein Dreiergremium, das neben Zurkirchen aus einem Schulpsychologen und einem Polizisten besteht, nimmt den Fall unter die Lupe. Dazu haben sie verschiedene Werkzeuge, darunter Checklisten, Risikomodelle und die Analyse-Software Dyrias. «Aber das wichtigste ist unser gesunder Menschenverstand», sagt Zurkirchen. Wenn die Drohungen ernst zu nehmen seien, müsse der schulpsychologische Dienst oder die Polizei eingreifen. Die Möglichkeiten reichen dabei von der Befragung über die Kontrolle des Handys oder des Computers bis hin zur Festnahme.

Alarm per Trillerpfeife

Die zweite Schiene ist die Vorbereitung für den Fall, dass die Prävention versagt. Dann steht das Notfallkonzept in den Schulen im Zentrum. Hier gebe es in den Schulen des Kantons Zürich noch Lücken, sagt Schulleiterpräsident Peter Gerber, nicht alle Schulen hätten Lautsprecher in den Klassenzimmern, und auch nicht alle Zimmertüren seien mit Panikschlössern ausgestattet – Schlösser, die von aussen nicht geöffnet werden können. «Zum Teil wird sogar noch mit Trillerpfeifen alarmiert.» Der Kanton Zürich lässt bei den eigenen Schulhäusern bei Renovationen und Neubauten solche Anlagen einbauen, den Schulgemeinden empfiehlt der Regierungsrat, es ihm gleichzutun. «In den Gemeinden ist das eine Kostenfrage», sagt Peter Gerber, je nach Grösse des Schulhauses könne eine Anlage schnell 100'000 Franken kosten.

Auch in der Stadt Zürich gibt es heute keine einheitliche Alarmierung im Falle eines Amoklaufs, jedes Schulhaus hat seine eigenen Regeln. Das soll sich ändern, sagt Roland Zurkirchen. Ein Projekt zur Vereinheitlichung der Alarme sei in Vorbereitung, nächstes Jahr werde man damit an den Gemeinderat gelangen. Wie viel die Stadt dafür ausgeben will, sei noch nicht bestimmt, das Stadtparlament ist zuständig für Kredite von über zwei Millionen Franken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2012, 06:15 Uhr

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