Wie sich junge Muslime in Winterthur radikalisierten

Die Jugendgruppe der Winterthurer An’Nur-Moschee wurde indoktriniert und unter Druck gesetzt. Einige der Mitglieder stehen nächste Woche vor Gericht.

Auf Observationsvideos sieht man verschiedene Moscheebesucher: Unter ihnen sind auch mutmassliche Straftäter und Angeklagte im Prozess vor dem Winterthurer Bezirksgericht. Video: Privat

Junis* hat es eilig. Eine Sporttasche umgehängt, hetzt er über den Winterthurer Bahnhofplatz. Es ist Feierabend im Spätsommer 2018. Der 19-Jährige scheint direkt von der Arbeit zu kommen. Er ist gross, muskulös und trägt Hosen mit dem Firmenlogo seines Arbeitgebers. In den sozialen Medien nennt sich Junis auch «Licht Allahs». Er gehört zur sogenannten Jugendgruppe der berüchtigten Winterthurer An‘Nur-Moschee, die «Moschee des Lichts», die seit Sommer 2017 geschlossen ist.

Die lose Gruppe besteht aus etwa zwei Dutzend jungen Männern, die sich zum Teil von der Schule, von der Moschee sowie vom Fussball und vom Krafttraining kennen. Acht von ihnen sind beim Winterthurer Bezirksgericht angeklagt. Ihnen sowie einem Imam und dem ehemaligen Moscheepräsidenten wird nächste Woche der Prozess gemacht.

Es geht um Straftaten wie Freiheitsberaubung und Drohung, mutmasslich begangen an zwei An’Nur-Moschee-Gängern. Einem Beschuldigten werden zudem Verstösse gegen das IS-Verbotsgesetz vorgeworfen. Die Angeklagten haben in Untersuchungshaft die meisten Anschuldigungen bestritten. In allen Fällen gilt die Unschuldsvermutung.

Mein Freund, der Jihadist

Der Körperkult ist die grosse Leidenschaft von Junis – neben dem Islam. Zusammen mit Gleichgesinnten aus der An’Nur-Moschee stählt er seine Muskeln im Kraftstudio. 2014 besucht er mit seinem Freund Vedad* ein Fitnesszentrum, das sich im selben Gebäude befindet wie das muslimische Kampfsporttraining des späteren IS-Jihadisten Valdet Gashi.


Wie Winterthurer zu Jihadisten wurden


So wurden neue Jihad-Kämpfer angeworben: Ausschnitte aus Propagandavideos mit dem Hassprediger Izzudin Jakupovic. Video: YouTube/Privat


Junis macht bei Gashi zwar nicht mit, wohl aber Vedad. Der 16-Jährige hat damals noch eine KV-Lehrstelle bei der Winterthurer Stadtverwaltung. Er kann besser Deutsch als Junis und hilft diesem beim Verfassen von Stellenbewerbungen. Die beiden sehen sich nicht nur beim Training, sondern auch in der An’Nur-Moschee im Hegiquartier.

Im Sommer 2014 verschaffen sich Junis, Vedad und Taha*, ein weiteres Mitglied der Jugendgruppe, Zutritt zu einem Freibad – ausserhalb der Öffnungszeiten. Es ist ein harmloser Bubenstreich, doch er zieht eine Strafanzeige nach sich, die später wieder zurückgezogen wird. Der gleichaltrige Taha, der leidlich Arabisch spricht, entwickelt sich zum Mentor von Junis und bringt diesem unter anderem bei, wie man den Koran korrekt rezitiert. Er stellt ihm auch Aufgaben und gibt Noten für deren Lösung. Junis hält das in einer Art Tagebuch fest.

Diskussionen in der Moschee trugen zur Radikalisierung bei: Ein Teil der Jugendgruppe. Bild: Privat

Ende 2014 verschwindet Vedad mit seiner 15-jährigen Schwester Esra* beim IS in Syrien. Der Vater von Junis bekommt es jetzt mit der Angst zu tun. Er befürchtet, dass sich sein Sohn ebenfalls radikalisieren und in den Jihad ziehen könnte. Nach der Ausreise des Geschwisterpaars verbietet er dem Sohn deshalb weitere Besuche in der An’Nur-Moschee. Doch schon nach kurzer Zeit lässt er sich erweichen, und Junis darf wieder ins Gotteshaus gehen. Das gehört zum Erziehungsstil der Eltern: Sie setzen ihrem Erstgeborenen kaum Grenzen und weichen Konflikten aus.

Vier Tonnen Sprengstoff

Inzwischen ist es August 2016. Vedad und Esra sind – nach einem rund einjährigen Aufenthalt in Syrien – längst wieder zurück in der Schweiz, gegen sie und weitere mutmassliche Jihad-Reisende aus der An’Nur-Moschee laufen Strafverfahren. Wer Sympathien für den IS oder al-Qaida hat, lernt spätestens jetzt, seine Gesinnung zu verbergen. So macht es auch der in zwischen 17-jährige Junis. Nach aussen sagt er, dass er zwar für die Scharia, aber gegen den IS sei. Im engsten Kollegenkreis und in den sozialen Medien, wo er nicht mit seinem Geburtsnamen unterwegs ist, klingt es dann aber anders.

Als Profilbild lädt Junis die Zeichnung einer Frau mit schwarzem Schleier hoch – darüber der Schriftzug «Free Safia – Solidarität mit unserer Schwester». Gemeint ist Safia S., die der deutschen Bundesgerichtshof zu sechs Jahren Gefängnis verurteilte, weil sie im Februar 2016 in Hannover einen Polizisten im Auftrag des IS niederstach. Safia S. war zum Zeitpunkt des Mordversuchs gerade einmal 15 Jahre alt. Junis solidarisiert sich mit einer blutjungen IS-Terroristin.


Die An’Nur-Moschee: Treffpunkt von Extremisten


Auf Observationsvideos sieht man verschiedene Moscheebesucher: Unter ihnen sind auch mutmassliche Straftäter und Angeklagte im Prozess vor dem Winterthurer Bezirksgericht. Video: Privat

Im Oktober 2016 likt Kraftsportler Junis auf Facebook eine Fotomontage, auf der ein Gewichtheber und ein Selbstmordattentäter zu sehen sind, Letzterer mit erhobenem Zeigefinger in der Führerkabine eines gepanzerten Fahrzeugs. Aufschrift: «Du drückst 90 kg? Nein, 4 Tonnen.» Damit wird Kraftsportlern nahegelegt, es gebe etwas Besseres als Muskeltraining: sich selbst in die Luft zu jagen, auf dem geraden Weg Allahs. Mit den vier Tonnen ist die Sprengladung gemeint, die der Attentäter per Knopfdruck zünden wird.

Hat sich Junis da vielleicht einfach mit seinen Klicks vertan? Wohl kaum. Auf einen gehässigen Facebook-Kommentar, in dem IS-Jihadisten als widerliche, ehrenlose Hunde, Psychos und Mörder von Muslimen bezeichnet werden, antwortet Junis in fehlerhaftem Deutsch: «Ich wünsche mir, dass ich einmal das Gleiche lesen kann, nur dass es auf die Juden, Kreuzritter oder Schiiten gerichtet ist.»

Ihnen wird Freiheitsberaubung, Drohung, Nötigung, Körperverletzung und anderes vorgeworfen: Zwei Beschuldigte vor der Eingangstür der An’Nur-Moschee. Bild: Privat

Wie die Schlacht um die irakische IS-Hochburg Mosul beginnt, bittet ein anderer Facebook-Nutzer Allah darum, den kurdischen Milizen die Kraft zu geben, den IS zu besiegen. Junis antwortet ihm sinngemäss, dass er am jüngsten Tag zusammen mit seinen Kurden Allahs gerechter Strafe zugeführt werde. «Die Oberhand gehört den Muslimen, und der Sieg ist nahe.» Dabei handelt es sich um eine klare Sympathiebekundung für den IS. Verboten ist das allerdings nicht.

Zu Hause ein Pascha

Wie konnte es so weit kommen? Das lässt sich nur mit einer länger andauernden Gehirnwäsche erklären und der Empfänglichkeit des Jugendlichen dafür. Die Eltern von Junis stammen aus dem arabischen Raum. Der Vater lebt seit über 30 Jahren in der Schweiz, spricht gebrochen Deutsch und bezieht eine IV-Rente. Die Mutter ist seit etwa 20 Jahren hier, trägt ein Kopftuch und kann kaum Deutsch. Obwohl beide Elternteile nicht integriert sind, werden sie eingebürgert. Auch Junis ist seit ein paar Jahren Schweizer.

Gegenseitig nennen sie sich «Brüder»: Ein Teil der Jugendgruppe steigt vor der Moschee aus dem Auto. Bild: Privat

Die Familie lebt in einer modernen Siedlung mit grosszügigen, hellen Wohnungen. Die Eltern sind gläubige Muslime, aber keine Extremisten. Als Kind schaut Junis seinen Eltern zuerst nur beim Gebet zu. Später nimmt ihn der Vater in die An’Nur-Moschee mit und in das Gebetshaus der radikalen türkischen Gruppe Milli Görüs (nationale Sicht). Der Sohn besucht auch andere Moscheen, aber in Hegi fühlt er sich willkommen und am besten aufgehoben. Dort kann man nach dem Gebet noch stundenlang mit Gleichgesinnten diskutieren oder sich an Spielkonsolen vergnügen.

Zu Hause wird Junis verwöhnt. Er ist das älteste Kind und der einzige Sohn der Familie. Der Vater gibt ihm Geld, wann immer er es braucht, und die Mutter kocht ihm Extramenüs mit viel Fleisch und Fisch, damit er Muskeln aufbauen kann. Er hat ein eigenes Zimmer mit Fernseher und Playstation, während sich seine Schwestern ein anderes Zimmer ohne Unterhaltungsmedien teilen müssen. Wenn die Mutter nicht zu Hause ist, delegiert Junis das Zubereiten seiner Proteinshakes an eine seiner Schwestern.

Im Hintergrund agieren ältere Bezugspersonen mit mehr Kenntnis des Islam: Ein Imam (r.), der in der An’Nur-Moschee vorbetete. Bild: Privat

Es ist das Leben eines kleinen Paschas. Ausser Haus und vor allem in der Schule hat es Junis etwas schwerer. Von Mitschülern wird er zeitweise gemobbt, wohl auch weil ihm der Lernstoff Mühe bereitet. Einmal wird er sogar am Kopf verletzt. In der Folge legt man ihm einen Schulwechsel nahe. Das ist in Winterthur kein Einzelfall: Nicht die jugendlichen Täter werden der Schule verwiesen, gehen müssen vielmehr die Opfer.

Junis versucht andere zu beeinflussen, mit wenig Erfolg, und er lässt sich von Mitschülern manipulieren. Zum Beispiel kurz nach seinem 13. Geburtstag: Ältere Jugendliche stiften ihn an, einen Schüler zu beleidigen. Es kommt zum Streit, in dessen Verlauf Junis den Schüler und einen anderen Buben verprügelt. Die Jugendanwaltschaft Winterthur verurteilt ihn deswegen wegen mehrfacher Körperverletzung zu einer persönlichen Leistung von dreieinhalb Tagen.

Halt und Geborgenheit

Der Schüler und spätere Lehrling lässt sich leicht etwas einreden. Weil vom Elternhaus wenig Impulse kommen, sucht er Halt bei den An’Nur-Moschee-Gängern, nicht zuletzt bei Jugendlichen, die zum Teil älter und vor allem intelligenter sind als er. In Chatgruppen und durch persönliche Kontakte bauen die jungen Salafisten Druck auf, damit ihre muslimischen «Brüder», wie sie sich gegenseitig nennen, nicht nur zur Freitagspredigt, sondern vor allem auch zum Abend- oder Nachtgebet in die An’Nur-Moschee kommen. Im Hintergrund agieren ältere Bezugspersonen mit Lebenserfahrung und mehr Kenntnis des Islam.

Hier befand sich der Gebetsraum der Frauen: Der hintere Teil der An’Nur-Moschee. Bild: Privat

In der Moschee sucht Junis Orientierung und Identität. Salafistische und jihadistische Propagandavideos spielen bei seiner Radikalisierung ebenfalls eine Rolle, aber Geborgenheit können sie nicht vermitteln. Sie findet er in der Jugendgruppe. Angeführt wird diese von Muhannad*, dem Sohn des Imams. Wenn Muhannad den «Brüdern» Sprachnachrichten schickt, ist sein herrischer Ton kaum zu überhören. Er setzt Druck auf. Seine Anweisungen im Gruppenchat beendet er manchmal mit den Worten «Euer Emir Muhannad». Er übernimmt auch die Rolle des Vorbeters, zum Beispiel als ein Teil der Gruppe auf einem Pausenplatz das Gebet verrichtet. Als den Behörden Videos der Gebetsaktion auf dem Gelände einer städtischen Schule vorgeführt werden, sind einige Politiker sichtlich schockiert.

Neben Freitagspredigt und gemeinsamen Gebeten bietet die Hegi-Moschee auch sogenannte Sunna-Lektionen an, die sich Junis nach seinem Schulabschluss ebenfalls anhört. Ein anderer Teilnehmer erzählt, dass der Imam dabei seinem Hass auf die «Kuffar», die Ungläubigen, freien Lauf lasse. Er schreie sogar.

In der An’Nur-Moschee verkehrten auch Hassprediger sowie IS-Jihadisten: Auf dem Grundriss sind die verschiedenen Räumlichkeiten ersichtlich. Bild: Privat

Junis verändert sich. Er bewundert nun den deutschen Salafistenprediger und Ex-Boxer Pierre Vogel. In der Sekundarschule bemerkt eine Lehrerin, dass der Bub Nicht-Muslimen mit grosser Intoleranz begegnet – vor allem Juden. Es ist die Zeit, in der die Winterthurer Behörden von solchen Dingen noch nichts hören wollen. Später tadelt Junis eine muslimische Mitschülerin, weil sie kein Kopftuch trägt. Und dann sagt er auf dem Pausenhof, dass man Ungläubige töten solle – ohne erkennbare Folgen. Das erinnert an einen Zwischenfall, bei dem der Sohn des An’Nur-Imams einen Klassenkameraden in der Primarschule mit Drohungen zum Islam bekehren will. Auch in diesem Fall bleiben die Schulbehörden untätig.

In der Lehre fällt Junis auf, weil er manchmal die Hosenbeine hochkrempelt. Salafisten tun das, weil der Prophet und seine Gefährten angeblich mit freien Fussknöcheln durch die Wüste gestapft sind. Die Mutter von Junis besteht auf strikter Einhaltung des Fastenmonats Ramadan, genauso wie die «Brüder» in der Hegi-Moschee. An seinem Arbeitsplatz schläft Junis in dieser Zeit regelmässig vor dem Computerbildschirm ein, weil er die Nächte im Gotteshaus verbringt. Während des Ramadan darf er am Tag auch nichts trinken – und muss sich dann wegen Dehydrierung krankschreiben lassen.

Wie willst du Märtyrer werden?

Nadim* ist zwar deutlich älter als Junis, gehört aber ebenfalls zur Jugendgruppe. Der Erwachsene verteilt den Koran für die Aktion «Lies!» und arbeitet eine Zeit lang für einen Winterthurer Unternehmer, der als geheimer Financier der Verteilaktion fungiert. Mit Junis teilt Nadim die Passion fürs Krafttraining. Zusammen administrieren sie einen Telegram-Kanal, bei dem es um muslimische Ernährungs- und Trainingstipps für den Muskelaufbau geht.

Er trat ebenfalls in der An’Nur-Moschee auf: Shefik Sadiqu (l.), ein bekannter mazedonischer Wanderprediger. Bild: Facebook

Die beiden verbreiten aber auch religiös verbrämte Propaganda, zum Beispiel ein Video des amerikanisch-jemenitischen al-Qaida-Terroristen Anwar al-Awlaki oder Clips mit Koransuren und eingeblendeten IS-Flaggen. Ausserdem Lebensratschläge wie diesen: «Sei vor deinem Freund gewarnt, ausser vor den Vertrauenswürdigen, und keiner ist vertrauenswürdig, ausser wenn dieser Allah fürchtet.» Dies ist ein Kernelement der Radikalisierung: Muslime sollen jeden Kontakt mit Andersgläubigen abbrechen, denn in der Isolation kann die Gehirnwäsche eine viel stärkere Tiefenwirkung entfalten.

Der weisse Ellipse auf schwarzen Hintergrund erinnert an die Flagge des IS oder von al-Qaida: Die Kanzel der An’Nur-Moschee. Bild: Privat

Mehrfach verweisen Junis und Nadim auch auf die Website des irakischen Hasspredigers Abu Walaa, dem derzeit in Deutschland der Prozess gemacht wird. Der Vorwurf der Ermittler: Abu Walaa soll vor seiner Verhaftung der führende Kopf des IS in Deutschland gewesen sein.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Polizei im Handy von Abu Walaa die Telefonnummern von zwei Männern aus der Winterthurer Salafistenszene gefunden hat. Der eine von ihnen, Adal*, gehört zur An’Nur-Jugendgruppe. Er und mindestens ein weiteres Mitglied der Jugendgruppe bewegen sich laut der Schweizer Bundeskriminalpolizei im Umfeld der «Winterthurer Zelle», womit eine Gruppe von Jihadisten und IS-Anhängern gemeint ist.

Ihm wird ebenfalls der Prozess gemacht: Der Präsident der An’Nur-Moschee. Bild: Privat

Die Verbindung mit Abu Walaa zeigt, dass Extremisten aus der An’Nur-Moschee in Deutschland nicht nur Kontakte mit dem IS-Jihadisten Valdet Gashi aus dem süddeutschen Singen unterhielten, sondern auch mit einflussreichen Salafisten weit entfernt von der Grenze. Auch in der Schweiz knüpft die Jugendgruppe vielfältige Kontakte. Die jungen Männer fahren zu Vorträgen in andere Moscheen, zum Beispiel ins aargauische Spreitenbach. Sie nennen das «Wissensreisen». In Spreitenbach referiert der Basler Salafistenprediger Ardian Elezi zum Beispiel über «die Reinigung des Selbsts». Im Gespräch mit dieser Zeitung bestätigt Elezi, dass die Winterthurer nach Spreitenbach gekommen seien. Nachher hätten sie sich dort aber nicht mehr gezeigt, weil er gegen den IS sei, sagt Elezi.

Doch zurück zu Junis. In seinem Tagebuch macht er sich Notizen, schreibt religiöse Ermahnungen auf. Unterschiedliche Schriftbilder lassen vermuten, dass auch andere Personen, höchstwahrscheinlich seine Mentoren, Anweisungen geben und zum Teil harsche Kritik üben: «Du bist schlecht» oder «Wann fürchtest du Allah? Der dir immer geholfen hat. Du hast Frauen geküsst und angefasst.» Man versucht, Junis ein schlechtes Gewissen einzureden. «Du machst deine übliche grosse Sünde, du schreibst mit Frauen, du guckst Frauen an, du lügst, du hörst Musik, du siehst nackte Schwestern, du beleidigst (…).»

Von der An’Nur-Moschee floss Geld nach Syrien: Eine Urkunde zum Dank für die Spende. Bild: Privat

Daneben wird Junis aufgefordert, das Nachtgebet immer in der An’Nur-Moschee zu verrichten, jede Woche fünf Franken zu spenden und Bittgebete für die Mujahedin und die gefangenen Geschwister zu sprechen. «Erinnere dich an deine Schwestern und Brüder in Abu Ghraib (Anmerkung: ehemaliges US-Gefängnis im Irak). Die verfluchten Amerikaner foltern und vergewaltigen unsere Schwestern. Wie kannst du nur lachen und Spass haben?»

Die Mentoren erhöhen den Druck, indem sie ihm auch Noten geben, zum Beispiel eine Drei in Frömmigkeit und eine Zweieinhalb in islamischem Wissen. Dann steht da im Tagebuch: «Ich bin der schlechteste Diener» (Anmerkung: von Allah). Oder: «Bewerbe dich bei Allah als Soldat. Allah nimmt jeden an.» Und dann gibt es da noch diese Frage: «Wie willst du die Shahada erlangen?» Die Shahada ist das Martyrium auf Gottes Weg. Häufig ist damit der gewaltsame Tod im Krieg gegen die Ungläubigen gemeint. Heute ist Junis erwachsen, ein Hüne auf dem Winterthurer Bahnhofsplatz. Man kann nur hoffen, dass die Behörden die Jugendgruppe zerschlagen. Und dass Junis sich vom extremistischen Gedankengut verabschiedet hat.

* Namen geändert

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 28.09.2018, 19:03 Uhr

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