Wie stirbt eigentlich eine Partei?

Die BDP ist auf Talfahrt. Noch schlimmer erwischte es vor ihr die Autopartei und den LdU – beide Parteien wurden aufgelöst. Zwei Protagonisten erzählen.

Und plötzlich weiss man: Das war es. Monika Weber war 35 Jahre lang beim Landesring der Unabhängigen. Foto: Reto Oeschger

Und plötzlich weiss man: Das war es. Monika Weber war 35 Jahre lang beim Landesring der Unabhängigen. Foto: Reto Oeschger

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Herzschlag? Atem? Reflexe? Bewegt sie sich? Lebt sie noch?

Ein bisschen ist Martin Landolt selbst schuld am Gerede über den Zustand seiner Partei. Wenn Journalisten sich aufmachen, in den Regionen der Schweiz den Puls der BDP zu fühlen, spricht der Parteipräsident lakonisch von «Kata­strophentourismus».

Aber ganz unrecht hat er nicht. Mit jedem Wahlwochenende schreibt sich die Tragödie derzeit fort: In den Kan­tonen Zürich und Baselland kippte die BDP aus dem Parlament. In Luzern erzielte sie noch 0,3 Prozent der Stimmen. Bereits Ende Jahr sind in Solothurn die BDP-Parlamentarier zur FDP übergelaufen. Die Bürgerlich-Demokratische Partei, bis zum Rücktritt von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf 2015 ein Machtfaktor in der Schweiz, ist im Begriff, von der nationalen Bildfläche zu verschwinden.

Was bleibt?

Seit der Jahrtausendwende wurden in der Schweiz zahlreiche Parteien gegründet, gespalten und fusioniert. Der Tod einer nationalen Partei bleibt hingegen ein äusserst seltenes Ereignis. Doch wann genau darf man sie für tot erklären? Und überhaupt: Wie und warum stirbt eine Partei? Was bleibt, wenn sie verschwindet? Und was geschieht mit ihren Mitgliedern, ihren Zielen, ihren Werten?

Monika Weber sitzt in einem Café in Oerlikon, die Augen geschlossen, den Blick nach innen gerichtet.

35 Jahre lang war Monika Weber beim Landesring der Unabhängigen, der Partei von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler. Sie befand sich 1971 unter den ersten Frauen im Zürcher Kantonsrat. 1982 stieg sie in den Nationalrat auf, 1987 in den Ständerat, 1992 wurde sie LdU-Präsidentin. Von ihren besten Zeiten, als jeder elfte Bürger den LdU wählte, war die Partei damals schon weit entfernt. Aber ans Aufgeben dachte Monika ­Weber nie. Keine Sekunde. Bis zu den Wahlen im Jahr 1995.

Das Ende hinauszögern

Monika Weber öffnet die Augen. «1,8 Prozent Wähleranteil. Das war ein Stoss ins Herz.» Niemals hätte sie mit einem so schlechten Resultat gerechnet. «Damals begannen wir, offen über die Auflösung zu sprechen.» Viele Diskussionen später einigte sich die Partei­leitung darauf, den LdU an einem Parteitag 1996 aufzulösen. Das Ende einer 60-jährigen Geschichte war besiegelt. Einige Unbeugsame widersetzten sich zwar und wählten 1996 einen Nach­folger für Monika Weber. «Aber es war klar, dass das Ende damit nur hinausge­zögert wird. Es war vorbei», sagt sie.

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Warum es mit dem LdU auf diese Weise enden musste, das weiss Monika Weber auch über 20 Jahre später noch nicht mit letzter Gewissheit. Verschiedene Faktoren kamen zusammen: ­Monika Weber glaubt, dass irgendwann die Persönlichkeiten fehlten, die den LdU lange getragen hatten. Zudem konnten die Richtungskämpfe zwischen dem ökologischen und dem liberalen Flügel nicht beigelegt werden.

Und dann veränderte sich auch der wichtigste Partner des LdU. Seit seiner Gründung hatte die Migros die Partei finanziert und personell geprägt. Diese Allianz wurde in den 80er-Jahren immer loser. Irgendwann hätten bei der Migros Gespräche darüber begonnen, ob nicht auch andere Parteien finanzielle Zuwendungen erhalten sollten, erzählt Weber. «Vielleicht waren wir der ­Migros unangenehm geworden. Das Unternehmen brach jedes Jahr neue Umsatz­rekorde, der LdU hingegen rutschte mit jeder Wahl weiter ab.»

«Es ist wie mit den Sternen. Manche sind erloschen, aber wir sehen ihr Licht immer noch.»Andreas Ladner, Politologe

Monika Webers politische Tätigkeit ging auch nach dem LdU weiter: Von 1998 bis 2006 stand sie dem Stadtzürcher Schul- und Sportdepartement vor, ab 1999 als Parteilose. Eine neue politische Heimat hat sie jedoch nicht mehr gefunden. Wenn sie auf der Strasse einen ehemaligen Landesringler antreffe, dann sei da sofort dieses Gefühl von Vertrautheit, sagt sie. «Wie wenn man ehemalige Klassenkameraden trifft. Als hätten wir uns gar nie getrennt.»

Das perfekte System

Michael Dreher steht in den Räumlichkeiten seiner Dr. Dreher und Partner Goldküsten-Immobilien AG und wühlt in einem Schrank. Er sucht alte Ausgaben des «Tacho». Mit der Zeitschrift prangerte Michael Dreher, Gründer der Auto-Partei, ab Mitte der 80er-Jahre ­«Bussenterror» und Geschwindigkeitslimiten an. Die Autobranche bedankte sich, indem sie den «Tacho» mit Inseraten füllte. Geld und Politik: ein perfektes System.

1999 aber funktionierte es nicht mehr. Drehers Partei stürzte ab. Von ­sieben auf null Nationalratssitze. «Ich wusste es am Wahlabend: Das ist das Ende», erinnert sich Dreher. Es habe später zwar noch eine Versammlung stattgefunden in Dübendorf ZH. «Es gab Durchhalteparolen, ist ja klar. Aber ich hatte keine Lust, eine Leiche zu be­atmen.»

Politologen und Historiker glauben, dass die Auto-Partei 1999 das typische Schicksal einer sogenannten Einthemenpartei erlitten hat: Die kleine Bewegung mit ihrem Nischenthema wird geschluckt durch eine grössere, professionellere Organisation, in diesem Fall die SVP.

Gründete die Auto-Partei: Michael Dreher. Foto: Reto Oeschger

Alles falsch, findet Michael Dreher. Ja, die SVP habe viel mehr Geld gehabt. Ja, die Auto-Partei habe es in manchen Kantonen nicht geschafft, gutes Personal zu finden. Das eigentliche Verhängnis der Auto-Partei aber sei lange vor ihrer Wahlniederlage 1999 besiegelt worden, sagt Dreher. Nach den Wahlen 1991, als die Auto-Partei acht Sitze in Bern eroberte, hätten verschiedene Leute der Partei geraten, ihren Namen zu ändern. «Ein Nationalrat beschwerte sich darüber, dass er sich gegenüber ausländischen Gästen als ‹member of the car ­party› vorstellen muss.» Unter dem ­Eindruck von Jörg Haiders Erfolgen in Österreich lieh man sich das Etikett «Die Freiheitlichen», daraus wurde bald die Freiheits-Partei. Dreher selbst war damit einverstanden.

«Schande über mich!», sagt er heute. Im Studium an der HSG habe er vom amerikanischen Werbepionier Rosser Reeves ein eisernes Gesetz des Marketing gelernt: Jede Botschaft brauche eine «Reason Why» und ein Alleinstellungsmerkmal. «Die Auto-Partei ­hatte beides. Aber die beliebige Freiheits-Partei? Was soll das schon sein?»

Michael Dreher hat ein unsentimentales Verhältnis zu seiner politischen ­Aktivzeit. Er würdigt sie an einem besonders symbolischen Ort. Dreimal ­wurde er für die Auto-Partei in den Nationalrat gewählt. 1987, 1991 und 1995. Dreimal schickte ihm der Zürcher Regierungsrat eine signierte Wahlbestätigung. Dreher hat die drei Briefe edel ­gerahmt und prominent aufgehängt. In der Herrentoilette, neben anderen Di­plomen.

«Da gehören sie hin», sagt Dreher. Dann lacht er. Ein letzter Sieg über das Establishment.

Sichtbar ist nicht gleich vital

Auch die Wissenschaft beschäftigt sich mit Aufstieg und Niedergang von Parteien. Andreas Ladner, Politologieprofessor der Universität Lausanne, sagt: «Neue Bewegungen entstehen oft, wenn gewisse Themen von den etablierten Gruppen vernachlässigt werden. Verlieren sie ihr Alleinstellungsmerkmal, verschwinden sie meist wieder.»

Im Einzelfall sei es aber schwierig, festzustellen, ob eine Partei noch lebendig sei oder bereits tot. Solange Mandatsträger da sind, finde sich eigentlich immer noch jemand, der den Wahlkampf organisiere und Parolen beschliesse. Aber man dürfe Sichtbarkeit nicht mit Vitalität verwechseln. «Es ist wie mit den Sternen», sagt Ladner. «Manche sind längst erloschen, aber wir sehen ihr Licht immer noch.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.04.2019, 10:36 Uhr

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