Wie viel Wasser ist genug?

Die Schweiz und Italien streiten um den Pegelstand des Lago Maggiore: Die Italiener wollen ihn anheben, die Tessiner aber nicht.

Politikum zwischen zwei Nachbarländern: Der Pegel des Lago Maggiore schwankt extrem, je nach Wetter. Foto: AFP

Politikum zwischen zwei Nachbarländern: Der Pegel des Lago Maggiore schwankt extrem, je nach Wetter. Foto: AFP

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Aktuell steht der Pegel des Lago Maggiore, gemessen in Locarno, bei 194,17 Metern über dem Meeresspiegel. Tendenz: fallend. Je nach Wetter kann sich das aber schnell ändern. Nach zwei Wochen Dauerregen stieg das Wasser im Herbst 2018 um drei Meter an, Teile von Locarno wurden überflutet. In Dürreperioden wie im vergangenen Sommer fällt der Pegel jedoch schnell ab. Das liegt an einer besonderen Eigenschaft des 64 Kilometer langen und bis zu zehn Kilometer breiten Sees auf der Alpensüdseite: Die Wasseroberfläche ist im Vergleich zu seinem riesigen Einzugsgebiet eher klein. Das hat zur Folge, dass das Niveau stark schwankt.

Um den Wasserstand ist nun ein internationaler Streit entbrannt. Der grösste Teil des Sees, etwa 80 Prozent der Fläche, gehört zu Italien, der nördliche Zipfel, etwa 20 Prozent, zur Schweiz. Der Pegel wird durch das Miorina-Stauwehr am italienischen Südende des Sees reguliert.

Bereits seit 2015 erhöhen die italienischen Umweltbehörden das Niveau des Sees versuchsweise während der Sommerzeit um 1,25 Meter. Ende 2018 beschlossen die Italiener, den Pegel um 1,5 Meter anzuheben, um während Dürreperioden genügend Reserven für die Landwirtschaft in der Po-Ebene zu haben. Die Schweizer möchten das nicht, weil sonst die Gefahr steigt, dass die schönen Uferpromenaden und Strandbäder in Locarno und Umgebung überschwemmt werden.

Schweizer haben kaum Einfluss auf Wassermenge

Es ist ungefähr so, wie wenn zwei Menschen gemeinsam in einer Badewanne sitzen und sich erbittert darüber streiten, ob zu viel oder zu wenig Wasser darin ist. Das Problem ist, dass nur einer von beiden den Hebel für den Abfluss unter Kontrolle hat. Das Miorina-Wehr, fertiggestellt im Jahr 1943, ist der Stöpsel dieser riesigen Wanne – und nur die Italiener bedienen ihn. Die Schweizer haben dagegen kaum Einfluss auf die Wassermenge. Während der Schneeschmelze und bei Dauerregen führen die Flüsse Ticino, Maggia und Toce viel Wasser, bei trockenem Wetter wenig.

Aus italienischer Sicht bringt eine Anhebung des Pegels um 25 bis 50 Zentimeter viele Vorteile: Es würden einige Millionen Kubikmeter mehr Wasser zur Verfügung stehen. Für die Landwirtschaft in der Po-Ebene ist dieses Wasser überlebenswichtig, zumal die Dürreperioden in den heissen Sommern der vergangenen Jahre dort grosse Probleme verursachten.

Die Schweiz will einen niedrigeren Wasserspiegel, um den See bei Unwettern als Rückhaltebecken zu nutzen.

«Ein Anstieg des Seespiegels würde jedoch einige Strände der piemontesischen und schweizerischen Küste verschwinden lassen – und damit dem Tourismus erheblichen Schaden zufügen», warnt die internationale Alpenschutz-Kommission CIPRA. Der Schweizer Kanton Tessin hat im Namen der Küstengemeinden bereits Bedenken angemeldet. Auch Hoteliers und Campingplatzbetreiber vom piemontesischen Ufer des Sees äusserten sich besorgt, sie befürchten Überschwemmungen und Umsatzeinbussen.

Das Schweizer Bundesamt für Umwelt (Bafu) teilt die Besorgnis der Tessiner und hat beim «Tavolo Tecnico», einem italienisch-schweizerischen Fachgremium zur Wasserregulierung am Lago Maggiore, schriftlich interveniert. Im Moment werde der fachliche Weg einem juristischen vorgezogen, sagt Carlo Scapozza, Sektionschef Hochwasserschutz beim Bafu.

Viele unterschiedliche Interessen

Das Problem ist nicht nur, dass der Wasserstand des Lago Maggiore aufgrund natürlicher Ursachen so stark schwankt. Zusätzlich gibt es sehr viele unterschiedliche Interessen. Italien wünscht sich am Lago Maggiore einen Pegelstand nach Bedarf: einen hohen, um die Bewässerung der Felder zu gewährleisten, einen niedrigen im Fall von drohenden Überschwemmungen, etwa zum Schutz der Stadt Pavia am Ticino.

Die Schweiz hätte generell lieber einen niedrigeren Wasserspiegel, um den See bei Unwettern als Rückhaltebecken zu nutzen. Umweltschützer wollen das Ökosystem «Bolle di Magadino» erhalten und plädieren für einen unregulierten Zustand, Fischereiverbände wollen den Ticino renaturieren. Industrie und Landwirtschaft in der Po-Ebene wiederum beklagen sich über die geringe Durchflussmenge des Ticino, vor allem im Sommer.

Wasserqualität ist nicht gut

«Wenn wir sehen, wie der Klimawandel fortschreitet, werden wir gar nichts anders tun können, als die Seepegel zu erhöhen», sagte der Direktor des «Consorzio del Ticino», Alessandro Ubialdi, dem Schweizer Fernsehen SRF. «Wir haben das grosse Problem, dass es immer weniger Wasser gibt, um die vielen Felder der Po-Ebene zu bewässern.» Das Consorzio regelt täglich den Wasserpegel des Sees.

Allerdings bleiben bei der Diskussion um den Pegel andere Themen aussen vor: «Um bei der Bewirtschaftung eines grossen Gewässers wie dem Lago Maggiore wirklich alle Interessen zu berücksichtigen, müsste man bei der Qualität des Seewassers selbst beginnen», kritisiert die Alpenschutzkommission CIPRA. Denn diese ist aufgrund illegaler Abwasserzuflüsse und einem unzulänglichen Klärsystem alles andere als gut, wie von der Umweltschutzorganisation «Legambiente» entnommene Wasserproben zeigen.

Erstellt: 17.06.2019, 20:15 Uhr

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