Wie viele Jobs bringt die Energiewende?

Eine neue Studie zeigt: In Deutschland schafft die Energiewende mehr Stellen, als sie vernichtet. In der Schweiz polarisiert dieses Resultat.

Arbeiter montieren im jurassischen Muriaux den Sockel eines Windrades. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Arbeiter montieren im jurassischen Muriaux den Sockel eines Windrades. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Der Zuwachs ist beträchtlich. Im Bereich der erneuerbaren Energien hat sich in Deutschland die Zahl der Beschäftigten zwischen 2004 und 2013 mehr als verdoppelt, von 160'500 auf 371'000 Personen. Neue Arbeitsplätze entstehen aber nicht nur in diesem Branchensegment. Die Energiewende bringt der Energiewirtschaft insgesamt einen Beschäftigungsgewinn – also auch nach Abzug jener Arbeitsplätze, die im Zuge der Energiewende verloren gehen, zum Beispiel in der Atomindustrie. 2013 arbeiteten in der deutschen Energiewirtschaft insgesamt rund 600'000 Personen, 150'000 mehr als 2006 (offizielle Zahlen zu den Erneuerbaren gibt es erst seit jenem Jahr). Diese Zahlen präsentiert eine neue Studie, welche DIW Econ, ein Beratungsunternehmen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, erstellt hat. Auftraggeber war der Bundesverband Windenergie, der sich für die Förderung erneuerbarer Energien einsetzt.

Die Zahlen schwanken allerdings stark. 2010 hat die Energiewirtschaft zusätzlich 80'000 Beschäftigte generiert, dies im Vergleich zur Entwicklung ohne Energiewende; grösster Profiteur war die Baubranche. 2013 waren es nur noch 25'000. Einer der Gründe: Die Wirtschaft für fossile Energie hatte vergleichsweise viele Arbeitsplätze abgebaut, konkret: im Bergbau. Unter dem Strich bleibt die Bilanz aber auch in näherer Zukunft positiv. Bis 2020, so schätzt die Studie, sollen pro Jahr netto im Durchschnitt 18'000 neue Arbeitsplätze entstehen. Dies entspreche in etwa dem Beschäftigungsaufbau der deutschen Chemieindustrie (+16'800 Stellen) zwischen 2008 und 2013. Die Publikation der Studie fällt hierzulande in eine energiepolitisch entscheidende Zeit. Nach dem Nationalrat muss sich der Ständerat über die Energiestrategie 2050 beugen. Zugleich wächst seit dem Euroentscheid der Nationalbank am 15. Januar die Sorge um die wirtschaftliche Zukunft. SVP und FDP versuchen, dieses Momentum zu nutzen. Sie fordern den Abbruch des Projekts. Die Frankenstärke allein sei schon eine existenzielle Herausfor­derung. Experimente, so der Tenor, könne sich die Schweiz nicht leisten.

Angesichts des wachsenden Widerstandes kommt die Studie den Befürwortern der Energiewende gelegen. «Sie zeigt, dass wir die Energiewende nicht begraben sollten, sondern im Gegenteil beschleunigen», sagt Nationalrat Bastien Girod (Grüne). Zwar ist die Studie nicht eins zu eins auf die Schweiz übertragbar, wie der Bundesverband Windenergie klarstellt. In der Tendenz zeige sie allerdings, dass eine dezentral aufgestellte, von erneuerbaren Energien getragene Energiewirtschaft gesamtwirtschaftlich ein Beschäftigungswachstum generiere.

Für die Schweiz liegt keine ver­gleichbare Studie vor, wie es beim Bundesamt für Energie (BFE) heisst. Immerhin zeigt eine vom Bund in Auftrag gegebene Analyse von Ernst Basler + Partner, dass die Cleantechbranche mit ihren rund 530'000 Beschäftigten ein Wachstumsmotor ist. So hat die Zahl der Beschäftigten zwischen 2009 und 2013 pro Jahr durchschnittlich um 6,7 Prozent zugelegt, während es in der Gesamtwirtschaft nur 3,5 Prozent waren.

Analysen diametral verschieden

Deutlich auseinander driften die An­nahmen zur weiteren Entwicklung. Die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) etwa geht von 85'000 neuen Jobs bis 2035 aus, dies bei heute gut 22'000 Beschäftigten im Sektor der erneuerbaren Energien. Nicht eingerechnet sind darin jedoch die wegfallenden Stellen in den fünf Schweizer Atomkraftwerken. Deren Rückbau schaffe jedoch seinerseits wieder neue ­Arbeitsplätze, so die SES.

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse hingegen rechnet mit Verlusten. Er verweist auf eine Studie der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Demnach minderten politisch verteuerte Strom- und Energiepreise die Wettbewerbsfähigkeit und bewirkten Wachstumseinbussen, die einem Äquivalent von circa 100'000 Arbeitsplätzen entsprächen. Das Resultat der deutschen Studie überrascht Kurt Lanz, Geschäftsleitungsmitglied bei Economiesuisse, nicht. Die Energiewende in Deutschland mit subventioniertem Strom aus Erneuerbaren und billigem Kohlestrom habe die Energiepreise insgesamt verbilligt. Da Deutschland gleichzeitig Industriepolitik betreibe und ihre inländische Produktion von Energieabgaben befreie, profitiere die Industrie von staatlich subventionierten Energiepreisen. «Und diese», sagt Lanz, «können durchaus einen positiven Jobeffekt auslösen.»

Erstellt: 17.04.2015, 19:57 Uhr

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Die Studie kann als PDF hier heruntergeladen werden.

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