Wieso setzen Leute im erotischen Taumel Rang und Ruf aufs Spiel?

Der Fall Geri Müller: Das ist Selbst­schädigung trotz reichlich Lebenserfahrung. Irrationalität inmitten der Vernunft. Kurzfrist-Irrsinn gegen Langfrist-Professionalität.

Männlicher Kontrollverlust: Filmszene aus «Der blaue Engel» mit Emil Jannings und Marlene Dietrich von 1930.

Männlicher Kontrollverlust: Filmszene aus «Der blaue Engel» mit Emil Jannings und Marlene Dietrich von 1930. Bild: Keystone

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1993 wurde in England das private Telefongespräch zweier Adeliger öffentlich. Die einen Leute waren abgestossen, die anderen schmunzelten. Prinz Charles hatte am Telefon zu seiner Camilla gesagt: «Ich möchte dich überall spüren, über dir, in dir, unter dir, innen und aussen.» Dann fuhr er fort, was er gern wäre: «Ein Tampon. Das wäre mein Glück.»

Schon etwas kurios, dieser Prinz von damals 45 Jahren. Man hatte ihn sich reif vorgestellt, nun klang er pubertär. Aber womöglich ist dies das Wesen erotischer Besessenheit: Sie lässt Menschen närrisch wirken.

Oder nur die Männer? Geri Müller etwa. 53-jährig, dreifacher Vater, geschieden. Badener Stadtammann und grüner Nationalrat; ein umstrittener Aussenpolitiker, der sich doch in Bern behaupten konnte. Und jetzt die Sache mit der 20 Jahre jüngeren Frau, die Müllers Karriere ramponiert: Unten-ohne-Selfies aus dem Stadthaus. Chat-Botschaften, in denen er mitteilt, er sei erregt. Und in denen er fantasiert, wie das wäre, wenn jetzt seine Sekretärin einträte.

Sogar aus dem Nahen Osten soll Müller Schlüpfriges gesimst haben. Wer es hört, denkt: Wie kann er es nicht besser gewusst haben? Muss einer, der in Syrien als Politiker unterwegs ist, nicht damit rechnen, dass ihn Geheimdienste abhören?

Und überhaupt: Sollte heutzutage nicht jeder das moderne Naturgesetz kennen, dass digitale Fotos, sind sie einmal verschickt, für immer ausser Kontrolle sind?

Ambition und Kamikaze

Der Fall Geri Müller: Das ist Selbst­schädigung trotz reichlich Lebenserfahrung. Irrationalität inmitten der Vernunft. Kurzfrist-Irrsinn gegen Langfrist-Professionalität. Auto-Kamikaze. Eros sei göttlicher Wahnsinn, heisst es in Platons Dialog «Phaidros»; das passt.

Müller sprach gestern an einer Pressekonferenz von seiner dunklen Seite. Vom Austausch erotischer Fantasien. Davon, dass es anfangs um ein Buchprojekt gegangen sei und dass die Frau ihm später lästig wurde.

In der Kultur ist der hormonelle Taumel mehrfach abgehandelt und beglaubigt. Besonders eindrucksvoll in Heinrich Manns Roman «Professor Unrat» von 1905, der später unter dem Titel «Der blaue Engel» verfilmt wurde mit Marlene Dietrich als Femme fatale. Der Gymnasiallehrer Raat, 57-jährig, ein Witwer, lebt allein und zurückgezogen, er verkörpert ein ebenso gehobenes wie spiessiges Bürgertum.

Hat er überhaupt gedacht?

Dann trifft er im Vergnügungslokal «Der Blaue Engel» das Fräulein Rosa Fröhlich, eine Tänzerin. Er verfällt ihr völlig, spendiert ihr eine möblierte Wohnung, sortiert ihr sogar die Wäsche. Am Schluss ist er aus dem Schuldienst entlassen und finanziell ruiniert, wird von seinesgleichen verhöhnt und verachtet.

Was hat sich der Professor Unrat gedacht, als er sich auf seine Tänzerin einliess, auf die Liaison mit einer Frau unter seinem Stand? Hat er überhaupt gedacht? Der Mensch scheint nicht immer Herr im eigenen Haus; andere Kräfte übernehmen Kopf und Seele und können ihn aus der Bahn werfen.

Vielleicht ist Geri Müller die heutige Variante von Heinrich Manns Romanfigur. Eine Gestalt, die kurzzeitig die Gewalt über sich verlor und jetzt im Nachhinein verzweifelt den Schaden zu begrenzen sucht. Ein Professor Unrat in Baden.

Erstellt: 20.08.2014, 06:22 Uhr

So eröffnete Müller die Pressekonferenz. (19. August 2014)

Die sieben Kernaussagen von Geri Müller an der PK in Zürich. (19. August 2014) (Video: Jan Derrer)

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