«Wir brauchen Anstand, keine neuen Paragrafen»

Fremdenfeindliche Vorfälle nehmen zu. Integrationsexperte Thomas Kessler warnt jedoch davor, die Gesetze zu verschärfen.

Schwarze sind in der Schweiz am häufigsten Opfer von Rassismus. Eine Eritreerin geht mit ihrem Kind in Davos auf den Bus.

Schwarze sind in der Schweiz am häufigsten Opfer von Rassismus. Eine Eritreerin geht mit ihrem Kind in Davos auf den Bus. Bild: Keystone

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Ein Buschauffeur weigert sich, Flüchtlingskinder bis zur Endstation zu fahren, ein Bademeister stellt dunkelhäutigen Besuchern das Warmwasser ab. Diese Beispiele von offen gelebtem Rassismus dokumentiert der aktuelle Rassismusbericht. Ein neues Phänomen in der Schweiz?
Nein, ähnliche Vorfälle habe ich schon früher beobachtet – gerade bei Buschauffeuren. Diese taten sich schon in den 80er-Jahren schwer mit ihren tamilischen Fahrgästen, die sie auf den Pilgerort Mariastein hinauffahren mussten.

Die Zahl der gemeldeten Vorfälle mit Beratung ist innert eines Jahres markant gestiegen, von 199 auf 301 im Jahr 2017. Ein Rekord. Sind wir rassistischer geworden?
Nein, wir sind gegenüber rassistischen Vorfällen sensibilisierter und melden sie öfter als früher. Ich erinnere mich an die 70er-Jahre, als viele Italienerinnen und Italiener in die Schweiz kamen. Auch damals gab es Leute, die Angst vor der ausländischen Konkurrenz hatten und sich als Verlierer sahen. Die Fremdenfeindlichkeit reichte damals bis weit ins linke Lager, bis in Gewerkschaftskreise hinein. So kam die Schwarzenbachinitiative auf eine Zustimmung von 46 Prozent. Die Diskussion in den Leserbriefen war damals um einiges deftiger als heute. Die Fremdenfeindlichkeit ist seither objektiv nicht gestiegen, sondern gesunken.

Wie erklären Sie sich das?
Die Schweiz ist seit jeher mehrsprachig und multikonfessionell, zudem hat sie seit 150 Jahren, seit 1870, Erfahrung als Einwanderungsland. Heute ist sie das am stärksten globalisierte Land Europas; sie ist wirtschaftlich stark und wegen ihrer geringen Bevölkerungszahl auf Zuwanderer angewiesen. Die jungen Leute wachsen mit dieser Diversität auf – seit mindestens fünf Generationen kennen wir das Phänomen. Anderen, mehrheitlich monokulturellen Ländern fehlt diese Erfahrung. Die Fremdenfeindlichkeit ist nicht stärker geworden, geändert haben sich vielmehr die Themen.

Was ist anders?
Mit den Flüchtlingen aus dem Balkan und aus dem Nahen Osten kommen die dortigen Konflikte rascher nach Europa. Dabei geht es um Clanstrukturen, um einen neuen Antisemitismus und um Islamfeindlichkeit.

In der Schweiz kam es auch zu antisemitischen Vorfällen, in Zürich etwa wurde ein orthodoxer Jude niedergeschlagen. Gemäss Rassismusbericht richteten sich jedoch nur zwei Prozent aller Vorfälle gegen Juden.
Das ist erfreulich und bestätigt, dass die Schweiz eine hohe Immunität gegen international modische Fremdenfeindlichkeit aufweist. Junge arabische Einwanderer haben insbesondere in Deutschland und Frankreich eine krude Form des Antisemitismus aus dem Orient importiert. Die Schweiz ist davon weniger betroffen – sie hat eine starke Integrationskraft, und auch Secondos verfügen über intakte Berufschancen.

Und doch scheint der Rassismus in der Schweiz genügend verbreitet zu sein, dass es sich für Parteien lohnt, das Thema zu bewirtschaften.
Diese Parteien gibt es – seit 100 Jahren existiert der Kampfbegriff der Überfremdung. Weil in der Schweiz die Grundkompetenz im Umgang mit dem Fremden hoch ist, ist aber die Verführungsgefahr kleiner. Die meisten fremdenfeindlichen Initiativen wurden abgelehnt – die Zuwanderungsinitiative wurde nicht etwa aus Fremdenfeindlichkeit unterstützt, sondern weil Politik, Wirtschaft und Hochschulen im Abstimmungskampf versagt haben.

Die meisten Vorfälle, die Eingang in den Rassismusbericht gefunden haben, ereigneten sich am Arbeitsplatz und in der Schule – an Orten, wo man sich kennt.
Das sind die Orte der Reibung. An der Arbeit, in der Schule und am Wohnort treffen Schweizer und Ausländer am häufigsten aufeinander. Es ist ein gutes Zeichen, dass man diese Vorfälle aus dem Lebensalltag thematisiert. Im Beruf geht es oft um die Konkurrenzsituation, in der Schule wollen sich die Anstifter besser positionieren.

An einer Schule haben Kinder ihren dunkelhäutigen Mitschüler Negerlein gerufen und ihn gefragt, ob er Ebola habe. Welche Rolle spielen die Eltern dieser Kinder?
Sie haben als Vorbild einen grossen Einfluss, aber nicht sie alleine. Letztlich sind es Eltern und Freunde, die dazu beitragen, ob jemand seine inneren Schranken fallen lässt. Eltern können die beste Prävention gegen Entgleisungen und Rassismus leisten, indem sie ihren Kindern zeigen, was Empathie ist. Und indem sie ihnen Anstand beibringen, und zwar gegenüber allen Leuten, nicht alleine gegenüber Ausländern. So halten ihre Kinder am besten dem Gruppendruck stand.


Das Nazimädchen Heidi Benneckenstein wuchs in einer völkischen Familie auf und kannte nur Nazis, bis sie 18 war. Dann stieg sie aus – zusammen mit ihrem Freund, einem Neonazi-Liedermacher. (Abo+)


Haben die Eltern dieser Kinder in der Erziehung etwas versäumt?
Vielleicht, aber auch die beste Erziehung gibt keine Garantie. Manchmal müssen Kinder auch dem Gruppendruck nachgeben, damit sie selber nicht diskriminiert werden. Und hier kommt die Zivilcourage ins Spiel. Diese braucht es, um einem Gruppendruck widerstehen und Schwächere in Schutz nehmen zu können.

Wie steht es in der Schweiz um die Zivilcourage?
Sie ist zum Glück gerade im privaten Umfeld noch vorhanden. Ich beobachte immer wieder, wie sich in ländlichen Regionen ganze Dorfgemeinschaften für Asylbewerber einsetzen – in Gemeinden notabene, die an der Urne fremdenfeindliche Vorlagen unterstützt haben. Aber diese Dorfgemeinschaften beurteilen Menschen stärker nach ihrer persönlichen Leistung als nach ihrer Hautfarbe oder Herkunft. Es gibt aber auch das zwar gut gemeinte, aber ideologische Engagement, etwa gegen das Racial Profiling der Polizei. Das ist kontraproduktiv: Die nigerianischen Drogenbanden sind für die hier lebenden Afrikaner eine grosse Belastung. Die Dealer gehören zu kriminellen Organisationen, welche in Italien und anderen Ländern Menschenhandel betreiben und Frauen zur Prostitution zwingen. Die Polizei muss präventiv und wirksam gegen diese Banden vorgehen können.

Hat Donald Trump Rassismus auch in der Schweiz gesellschaftsfähig gemacht?
Trumps Einfluss wird überschätzt, aber der globale Müll in der elektronischen Kommunikation beeinflusst labile Gemüter. In der Schweiz orientieren wir uns grundsätzlich stärker an der Situation im eigenen Land als am internationalen Showtheater.

Geschieht Diskriminierung in der Schweiz anders als in anderen Ländern?
Ja. In lateinischen Ländern ist sie laut, in Deutschland kompensatorisch. Ich bin oft in Berlin und arbeite unter anderem an einem Projekt über die Radikalisierung. Dort ist die Debatte über Rassismus stark moralisiert, man darf nicht offen aussprechen, was man denkt, was zu harten Kompensationshandlungen führt. Es gibt Reichsbürger, und es werden viele Asylheime angegriffen. Bei uns ist die Debatte öffentlich, man sagt, was man denkt, und streitet öffentlich. Der Kompensationsbedarf ist dadurch kleiner. Die Diskriminierung ist hier insgesamt subtiler, etwa bei der Arbeits- oder Wohnungssuche.

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Brauchen wir neue Gesetze, um Rassismus zu verhindern?





Brauchen wir mehr Gesetze, um solche Diskriminierungen zu verhindern?
Manche Wissenschaftler loben Länder mit einer starken Antidiskriminierungsgesetzgebung. Aber ich bin skeptisch. Die Gesetze, die wir haben, sind gut und eindeutig, mehr brauchen wir nicht. Meiner Meinung nach wären noch detailliertere Gesetze gar kontraproduktiv. Die festen Grundsätze der Gleichbehandlung aller würden überreguliert und die angestammte Bevölkerung könnte den Eindruck bekommen, dass Minderheiten bevorzugt behandelt würden. So kommt es in Ländern mit sehr weitgehenden Gesetzen nicht zu weniger, sondern zu mehr rassistischen Vorfällen. Wir brauchen nicht mehr Paragrafen, wir brauchen genug Anstand. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.04.2018, 21:00 Uhr

Thomas Kessler war von 1998 bis 2008 Integrationsbeauftragter des Kantons Basel-Stadt. Heute ist er politischer Berater und Projektentwickler.

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