Interview

«Wir erwarten von der Nagra Erklärungen»

Bei der Suche nach Atomendlagern fordert das Bundesamt für Energie völlige Transparenz. Jedes Dokument müsse jederzeit für die Öffentlichkeit einsehbar sein, sagt BFE-Sprecherin Marianne Zünd.

Hinter dicken Mauern: Im Felslabor Grimsel erforscht die Nagra die Endlagerung von radioaktiven Abfällen. (13. Juni 2012)

Hinter dicken Mauern: Im Felslabor Grimsel erforscht die Nagra die Endlagerung von radioaktiven Abfällen. (13. Juni 2012) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die «SonntagsZeitung» hat ein Nagra-Papier veröffentlicht, das die Suche nach einem Tiefenlager für radioaktiven Müll in ein schiefes Licht rückt. Es nimmt den Entscheid des Bundesrates für einen Standort vorweg.
Wir kennen dieses Papier. Geologieprofessor Walter Wildi hat bei einem Treffen der Arbeitsgruppe des Bundes für nukleare Entsorgung am 19. September erklärt, dass er im Besitz eines Dokumentes der Nagra sei. Dieses Papier beweise, dass die Nagra bei ihrer Suche nach einem geeigneten Tiefenlager nicht ergebnisoffen vorgehe. Wir haben Wildi und die Nagra schriftlich um diese Unterlagen gebeten, um zu vergleichen, ob es sich tatsächlich um die gleichen Dokumente handelt. Und um den Sachverhalt abzuklären. Die Nagra hat uns die Unterlagen zugestellt, von Wildi haben wir nichts erhalten.

Hat er die Unterlagen der «SonntagsZeitung» übergeben?
Ja, davon gehen wir aus. In der besagten Sitzung hat Wildi jedenfalls angekündigt, dass er die Dokumente der Nagra veröffentlichen werde. Wir halten das für ein seltsames Vorgehen. Offenbar geht es nicht um die Sache. Sonst hätte er mitgeholfen, den Sachverhalt zu klären. Wir sind froh, wenn Wildi uns auf Probleme hinweist, von denen wir keine Kenntnis haben. Wir haben ja auch sofort reagiert. Zur Beurteilung der Situation brauchen wir kritische Leute wie Professor Wildi. Es braucht aber auch nachher eine konstruktive Zusammenarbeit. Mit einer Publikation in den Medien erreicht man aber das Gegenteil: Es werden damit unnötig viele Leute verunsichert und die Fronten verhärtet.

Es könnte aber auch sein, dass Professor Wildi kein Vertrauen in das Bundesamt für Energie hat. In letzter Zeit war häufig die Rede von einem Filz zwischen BFE, Nagra und der Atomaufsichtsbehörde Ensi.
Eine Administrativuntersuchung klärt zurzeit diese Vorwürfe ab. Sicher ist: Wir arbeiten von Amtes wegen mit der Nagra und dem Ensi zusammen. Wir bearbeiten die gleichen Dossiers. Deswegen von einem Filz zu sprechen, halte ich für einen heftigen Vorwurf.

Was halten Sie vom Planungspapier der Nagra?
Wenn das die Nagra so macht, wie in dem Papier dargestellt, so ist das schlecht. Sie muss sich jetzt erklären, und wir werden auch Massnahmen fordern.

Zum Beispiel?
Die Nagra muss intern ganz klare Regeln herausgeben. Wir verlangen ein qualitativ hochstehendes und völlig transparentes Verfahren.

Die Nagra sagt, es handele sich nur um ein Planungspapier.
Dass sie planen, ist legitim. Aber in einem Planungspapier braucht man nicht mit ganz konkreten Namen zu arbeiten, die dann erst noch einen Sinn ergeben. Die Nagra muss davon ausgehen, dass alle Standorte weiterverfolgt werden. Den Entscheid fällt der Bundesrat, nicht die Nagra. Sie kann nicht davon ausgehen, dass ihre Vorschläge vom Bundesrat eins zu eins übernommen werden.

Bis wann muss die Nagra ihre Vorschläge vorlegen?
Bis 2014 müssen die Vorschläge für ein Tiefenlager auf dem Tisch sein. Diese werden danach eineinhalb Jahre lang von den Behörden geprüft, dazu kommt eine öffentliche Anhörung. Erst dann entscheidet der Bundesrat, wo Sondierbohrungen erfolgen

Was erwartet das BFE von der Nagra?
Sie muss jedem einzelnen Mitarbeiter klarmachen, dass es eine Qualitätssicherung braucht. Es muss jederzeit möglich sein, jedes einzelne Schriftstück der Nagra der Öffentlichkeit vorzulegen. Wir wollen Transparenz. Sonst funktioniert die Zusammenarbeit mit Regionalkonferenzen, Kantonen und Gemeinden nicht mehr.

Was ist jetzt der nächste Schritt?
Wir haben heute die Unterlagen verglichen, also jene der «SonntagsZeitung» mit jenen der Nagra. Dabei haben wir festgestellt, dass wir ein bisschen mehr Material haben.

Welche Informationen haben Sie, welche die «SonntagsZeitung» nicht publiziert hat?
Es sind zusätzliche Präsentationen und Ergänzungen zum Papier. Wir haben die Nagra ausserdem zu einem Gespräch eingeladen und fordern weitere Erklärungen. Zudem wollen wir wissen, welche Massnahmen sie intern ergreifen. Danach werden wir entscheiden, wie es weitergeht, und in spätestens zehn Tagen informieren.

Erstellt: 08.10.2012, 16:03 Uhr

Das Geheimpapier der Nagra hat «unnötig viele Leute verunsichert»: Marianne Zünd, Informationschefin beim Bundesamt für Energie.

Umfrage

Halten Sie die Nagra für unabhängig und glaubwürdig?

Ja

 
32.4%

Nein

 
67.6%

1672 Stimmen


Nach der Enthüllung eines geheimen Nagra-Dokuments ist die Diskussion über die Endlagerung wieder aufgeflammt. Seit Jahrzehnten wird dagegen protestiert – das Video (Quelle: Newsnet/Keystone).

Bildstrecke

Mögliche Standorte für Atomendlager

Mögliche Standorte für Atomendlager Wo sollen die atomaren Abfälle dereinst gelagert werden? Als potenzielle Standorte stehen noch zwei Regionen zur Diskussion.

Artikel zum Thema

Vertrauliches Dokument nennt Tiefenlager-Standorte

Das Bundesamt für Energie verlangt von der Nagra Antworten: Hat die Entsorgungsgenossenschaft die Standorte zur Lagerung radioaktiver Abfälle insgeheim schon bestimmt? Mehr...

Empörung im Zürcher Weinland über Geheimpapier der Nagra

Ein internes Dokument weckt Befürchtungen, dass die Endlager-Entscheide bereits vorgespurt sind. Die Nagra beteuert dagegen, es handle sich nur um ein Szenario von vielen. Mehr...

Nagra: Personelle Konsequenzen nicht ausgeschlossen

Es wird eng für das Führungstrio der Nagra: Noch in dieser Woche soll es wegen des umstrittenen Standortberichts zu einem Treffen mit dem Bundesamt für Energie kommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Geldblog Investieren Sie 3.-Säule-Gelder vorsichtig!
Mamablog Papas Notenverweigerung
Sweet Home Naturwunder in der Wohnung

Paid Post

Blasenentzündung? Ein schneller Test bringt Klarheit

Sie bemerken Anzeichen einer Blasenentzündung? Ein unkomplizierter Test schafft Klarheit und verhindert eine Antibiotika-Behandlung.

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...