«Wir haben hier nicht chinesische Verhältnisse»

Die schweizerischen Städte stehen vor einem Wachstumsschub. Marcel Guignard, Präsident des Städteverbands, erklärt, wie Platz geschaffen werden soll.

Verdichtetes Wohnen: Neubausiedlung in Zürich. (Archivbild)

Verdichtetes Wohnen: Neubausiedlung in Zürich. (Archivbild) Bild: Keystone

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Herr Guignard, die Schweiz zählt seit kurzem 8 Millionen Einwohner, und schon erklären Raumplaner, es hätte ohne weiteres für 10 Millionen Menschen Platz. Wie stark soll die Schweiz noch wachsen?
Ich bin kein Prophet, was die künftige Entwicklung angeht. Grundsätzlich aber ist das Bevölkerungswachstum für die Schweiz positiv. Würde die Einwohnerzahl stagnieren oder gar zurückgehen, hätte das negative Folgen für die Wirtschaft in unserem Land. Daran kann niemand Interesse haben.

Aber schon heute wird es eng in unseren Städten – auf dem Wohnungsmarkt, auf der Strasse, auf den Perrons. Nähern wir uns der Schmerzgrenze?
Nein. Die Frage ist müssig. Auf die Bevölkerungsentwicklung haben wir wenig bis keinen Einfluss. Wir haben hier nicht chinesische Verhältnisse und bestimmen nicht, wie die Leute leben oder wie viele Kinder sie haben sollen. Wir konzentrieren uns besser darauf, mit dem Wachstum intelligent umzugehen, damit die Schweiz ein attraktiver Lebens- und Wirtschaftsstandort bleibt.

Das Problem ist aber, dass die Bevölkerung vor allem in den schon dicht besiedelten Städten und Agglomerationen wächst.
Richtig. Und das ist natürlich eine immense Herausforderung. Hauptsächlich, was die Bewältigung des Mobilitätswachstums angeht. Im Agglomerationsverkehr haben wir in den nächsten Jahren einen Investitionsbedarf von 20 Milliarden Franken. Im Infrastrukturfonds befinden sich aber nicht einmal mehr 2 Milliarden. Die Finanzierungslücke ist gross. Für uns ist deshalb klar: Der Bund muss sich unbedingt stärker engagieren. Sonst nimmt er den Verkehrskollaps in Städten und Agglomerationen in Kauf.

Der Bund will für Finanzierung und Ausbau der Bahninfrastruktur bis 2025 3,5 Milliarden Franken einsetzen – einen Betrag, der jetzt im Parlament möglicherweise auf 6 Milliarden Franken erhöht wird. Da fliesst doch schon ziemlich viel Geld.
Das ist positiv. Aber der Bahnverkehr allein genügt nicht. In den Städten fallen auch 85 bis 90 Prozent aller Strassenstaus an. Deshalb verlangen wir eine Gesamtschau der anstehenden Mobilitätsprobleme, die die Strasse, aber auch den urbanen ÖV und Langsamverkehr einbezieht, und die Einrichtung einer langfristigen und genügenden Finanzierungsbasis. Wir müssen die Organisation des Agglomerationsverkehrs ganzheitlich in den Griff kriegen, wenn wir die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz erhalten wollen.

Mehr Kapazität im Verkehr führt doch nur dazu, dass die Leute über noch weitere Distanzen zur Arbeit pendeln, was die Zersiedlung beschleunigt und mittelfristig zum nächsten Verkehrskollaps führt.
Diese Gefahr besteht zweifellos. Deshalb müssen wir mit raumplanerischen Massnahmen dafür sorgen, dass die Bereiche Wohnen, Arbeit und Freizeit wieder näher zusammenrücken. Wir müssen unsere Verdichtungsbemühungen verstärken.

Wollen die Leute wirklich in verdichteten Grosssiedlungen wohnen? Wir belegen immer mehr Wohnraum pro Person, und dies am liebsten an einem Ort, wo man mit ein paar Schritten im Grünen ist.
Ich glaube, da bewegt sich einiges in eine andere Richtung. Wir stellen einen starken Trend fest zurück in die Stadt. Aber den können wir nur auffangen, wenn wir in den Städten qualitativ hochstehend verdichten. Das bedeutet eben gerade nicht, alles zuzubauen. Sondern an geeigneten Stellen gezielt zu verdichten, um von grünen Inseln Druck wegzunehmen.

Tönt gut, aber ist das auch realistisch? Das anhaltende Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum führt doch in den Städten zu Stressphänomenen – exorbitanten Wohnpreisen zum Beispiel.
Ja. Aber dieses Problem beschränkt sich in der Schweiz auf wenige Hotspots – im Zentrum von Zürich etwa oder auf der Achse Lausanne–Genf. Wir hier in Aarau sind nur 25 Minuten von Zürich entfernt und gehören zur Metropolitan Area von Zürich. Doch der ökonomische Druck ist schon massiv kleiner.

Inwiefern?
Ein Beispiel: Wir realisieren im Moment die Umnutzung einer Industriebrache in ein Wohngebiet. Für Planer und Architekten, aber auch für die Investoren ist klar: Hier zählen nicht nur Wohnfläche und Rendite. Ebenso wichtig sind Grünflächen und soziale Durchmischung. Sonst funktioniert es nicht. Ich habe den Eindruck, das Umdenken ist in diesen Fragen im Moment ziemlich stark.

Wird sich die Schweiz zu einem geschlossenen Siedlungsteppich zwischen Boden- und Genfersee entwickeln?
Das Raumkonzept Schweiz will hier gezielt Gegensteuer geben. Ein lückenloser Siedlungsbrei, das darf nicht sein. Wir müssen auch im Grossen Siedlungsflächen konzentrieren, um Grünzonen und Lebensqualität zu erhalten. Damit profiliert sich die Schweiz.

Hat Bern, dessen wirtschaftliche Dynamik etwas geringer ist, diesbezüglich bessere Karten?
Es ist für mich absolut zentral, dass alle Teilräume der Stadtlandschaft Schweiz ihre Eigenheiten behalten und sie sogar forcieren. Diversität ist eine Stärke der Schweiz. Was nicht heisst, dass sich Bern zur ruhigen Liegestuhlzone entwickeln soll. Im Gegenteil. Bern spielt als Politzentrum der Schweiz eine wichtige Rolle.

Marcel Guignard (63) ist seit 1988 Stadtpräsident von Aarau. Er gehört der FDP an und präsidiert den Schweizerischen Städteverband.

Erstellt: 31.08.2012, 12:30 Uhr

«Wachstum ist positiv»: Marcel Guignard, Städteverband. (Bild: Keystone)

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