«Wir konnten diese Idylle nicht länger ertragen»

Die Zürcher SP-Parlamentarierin Linda Bär schwärmt in einem Zeitungsbeitrag von der Zerstörung der «Vorstadtidylle». SP Schweiz und Juso distanzieren sich davon.

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Diese Kolumne sorgt für Gesprächsstoff: Die Zürcher Gemeinderätin und Nationalratskandidatin Linda Bär (SP) liess sich in der vorletzten Ausgabe der linken Wochenzeitung «P.S.» über «Vorstadtidylle» aus: Vororte ohne S-Bahn-Anschluss, Einfamilienhäuser, die einander bis auf den letzten Ziegel gleichen, Mami und Papi hätten sich hier noch lieb. Das Spiessertum gipfelt laut Bär in den Gartenzwergen, Zierfröschen oder Skulpturen aus dem Tonkurs, welche die «Selbstverwirklicher» in ihre Kieslandschaft stellten.

Sie habe diese Idylle nicht länger ertragen können, als sie letzthin morgens um 4 Uhr wieder mal «in einem solchen Vorort» gewesen sei, schreibt Bär. «Da riss meine bessere Hälfte kurzerhand so einen furchtbaren Tonvogel aus einer solchen weissen Kieslandschaft und liess ihn mit lautem Getöse mitten auf dem Asphalt zerschellen. Badaam. Wir sollten öfters die 15-jährigen Revolutionärinnen aus uns herauslassen, die wir mal waren», schreibt die 25-jährige Studentin, die seit Mai 2010 im Stadtparlament sitzt.

«Linda, was hast du dir dabei gedacht?»

Diese Aussagen lösten Irritation aus, Parteimitglieder kritisieren sie in Leserbriefen in der aktuellen «P.S.»-Ausgabe deutlich. «Liebe Linda, was hast du dir bloss dabei gedacht, als du diese Kolumne verfasst hast?», schreibt Lucas Tschan. Er erinnert Bär daran, dass der SP-Wahlslogan «Für alle statt für wenige» wirklich für alle gelte, für die coolen Szenis ebenso wie für den Agglo-Bewohner. Und SP-Gemeinderat Alan Sangines schreibt: «Es steht uns nicht gut an, wenn wir uns über Lebensformen auslassen, die wir nicht gewählt haben und die niemandem schaden. Inakzeptabel ist es aber, auch nur im kleinen Rahmen Zerstörungen von fremdem Eigentum zu rechtfertigen, geschweige denn, es selber zu tun.» Auch SP-Kantonsrat Davide Loss kritisiert auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet den Zeitungsbeitrag: «Die Achtung Andersdenkender und Anderslebender gehört zu den Kernthemen der SP. Es steht uns schlecht an, andere Lebensformen zu kritisieren.»

Auch die SP Schweiz distanziert sich: Die Kolumne sei als eine «Carte blanche» zu verstehen und entspreche «einzig und allein» der Ansicht der Autorin, sagt Sprecher Andreas Käsermann. «Selbstverständlich ist die SP gegen jegliche Sachbeschädigungen. Wir konzentrieren uns auf den parlamentarischen Weg und versuchen, konstruktiv und gemeinsam politische Lösungen zum Wohle aller zu erarbeiten.» Deutlicher wird David Roth, Präsident der Juso Schweiz: «Ich finde es einen schlecht geschriebenen Text mit einer pubertären Note. Dies entspricht überhaupt nicht der sonst sehr soliden Arbeit von Linda Bär.»

«Übliche Stilmittel» in Kolumnen

Linda Bär ist Vertreterin der Jungsozialisten, die in der Zürcher SP einiges erreicht haben. Im Dezember führten die kantonalen Delegierten eine «Sesselkleber-Hürde» für langjährige Parlamentsmitglieder ein, die für frischen Wind sorgen soll. Und die Juso sind dieses Jahr auf den Nationalratslisten so zahlreich vertreten wie nie zuvor, nachdem sie sich in den vergangenen Monaten ins Gespräch gebracht und eine Verjüngung des Parlaments gefordert haben. Zu diesem Zweck trat Linda Bär vor wenigen Monaten im «Club» des Schweizer Fernsehens auf, wo sie forderte, dass ältere Parlamentarier für jüngere Anwärter den Platz räumen sollten.

Schadet die Jungpolitikerin mit dieser Kolumne ihrem eigenen Ansinnen und jenem der Jungsozialisten? «Nein», sagt Juso-Präsident Roth. «Es ist eine persönliche Kolumne von Linda Bär. Die gute Arbeit, welche unsere Leute tagtäglich leisten, wird das nicht schmälern können.» Auch Andrea Sprecher, Co-Präsidentin der SP Stadt Zürich, glaubt nicht an einen Negativeffekt für die Juso oder die SP. Man müsse die Kolumne nicht so tierisch ernst nehmen, sagt Sprecher. Übertreibungen oder gar Erfundenes seien übliche Stilmittel. «Natürlich finde ich das auch nicht gut, wenn Lindas Freund den Tonvogel kaputt gemacht hat. Aber dann soll er doch zurückgehen und einen neuen Tonvogel hinstellen. Als Aufruf zur Sachbeschädigung verstehe ich das nicht. So etwas muss man auch mal schreiben dürfen.»

«Kontraproduktiv»

Alan Sangines sieht es anders: «Vor allem in ländlichen Gebieten hätte die SP noch viel Wählerpotenzial», sagt der Nationalratskandidat, der wie Linda Bär 25 Jahre alt, jedoch nicht Mitglied der Juso ist. «Sich über die Bevölkerung der Agglomerationen oder Landregionen lustig zu machen, ist kontraproduktiv.»

Er habe viele Reaktionen von Parteimitgliedern erhalten, sagt Sangines. Einige hätten sich gewundert, dass die Kolumne überhaupt publiziert wurde. «P.S.»-Chef Koni Löpfe sagt dazu: «Ich publiziere eine Kolumne nicht nach meinem persönlichen Urteil, ob ich sie dumm oder intelligent finde.» In 20 Jahren habe er nur in einem Fall die Publikation eines Gastbeitrags verweigert. Die besagte Kolumne von Linda Bär sei ein «Ausrutscher», die Autorin ansonsten gut und witzig.

Linda Bär verteidigt sich auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «In einer Kolumne darf man zuspitzen, und es muss auch nicht alles wahr sein.» Dass ihre bessere Hälfte, die übrigens ihre beste Freundin sei, den Tonvogel kaputtgemacht habe, sei beispielsweise nicht wahr, sagt Bär. Sie wolle mit der Kolumne nicht zur Gewalt aufrufen. «Ich habe eine symbolische Sprache verwendet, um ein krasses Klischee, und was es in mir auslöst, zu beschreiben. Offenbar ist das einigen Lesern in den falschen Hals gekommen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.07.2011, 13:01 Uhr

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