Wir lieben und wir fressen sie

Der Fall Hefenhofen beleuchtet das bizarre Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Warum rühren uns geschlagene Pferde in einem Masse, wie es die toten Flüchtlinge im Mittelmeer nicht mehr tun?

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Hin und wieder blitzen bleiche Gesichter auf in den dunklen Fenstern. Der Umriss eines Haarschopfs, huschende Schatten, zuckende Vorhänge. Sonst ­bewegt sich nichts an diesem Freitagmorgen an der Hauptstrasse zwischen Hefenhofen und Dozwil. Keine Pferde, keine Rinder, kein Kleinvieh. Der Bauernhof von Ulrich K. ist tot.

Endlich tot! Seit bald zwei Wochen hat die Schweiz hier, im hinteren Thurgau, ihren dunklen Mittelpunkt. «Quälhof» schrieb der «Blick» und zeigte grausige Bilder. 142 insgesamt. Jeden Tag neue. Die röchelnde Stute mit dem verklebten Fell. Das verdreckte Fohlen mit den kümmerlichen Rippen. Rosa leuchtende Wunden unter braunen Augen. Geschwüre so gross wie Tennisbälle.

Atemlos verfolgte das Publikum die Geschehnisse in Hefenhofen. Die Mahnwachen der Tierschützer, die beschwichtigenden Worte der lokalen Behörden, das Eingreifen der Polizei, den Abtransport der Tiere. Der Thurgauer Tierquäler bringt die Leute im Café zum gemeinsamen Zeitunglesen, wie früher. «Schau, diesen Rössern hat ein Mann fest wehgetan. Und jetzt ist er im Chefig», erklärte eine Grossmutter in einem Berner Café ihrem Enkel, bevor ihr Sohn sich ebenfalls über die «Blick»-Doppelseite beugte und fachmännisch die Echtheit der Bilder beurteilte. Fünf Minuten dauerte der Austausch zwischen den drei Generationen, erhitzt war er und emotional.

Die Macht der Bilder

Was Bilder auslösen können, sah man im Fall Hefenhofen exemplarisch. Immer lauter wurde die Empörung über die Zustände auf dem Hof, immer drängender und grösser das Problem. Bis selbst die lokalen Behörden, die dem Treiben von Ulrich K. zehn Jahre zugeschaut hatten, nicht mehr anders konnten, als etwas zu unternehmen. Jene Behörden, die sich so lange vor einem Besuch auf dem Hof gefürchtet hatten; die wussten, dass da etwas nicht sauber lief.

Maximales Zuschauerinteresse: Angehörige der Armee versuchen, einem der Pferde des Tierquälers Zaumzeug anzuziehen. Foto: Pascal Bloch (Keystone)

Die Kraft des Falles geht über die Behörden hinaus. Sie macht etwa aus Erwin Kessler einen Helden. Seit Jahrzehnten sind Kessler und sein Verein gegen Tierfabriken umstritten. Dem Verein werden rassistische und antisemitische Tendenzen vorgeworfen. Und nun ist es Kessler, der vor den lokalen Medien im Thurgau Interviews gibt. Es ist Kessler, der sich als Befreier der Pferde von Hefenhofen feiern lässt.

Im Schlepptau von Kessler versuchen auch andere ihren Moment im Rampenlicht zu bekommen. Politikerinnen wie die FDP-Nationalrätin Doris Fiala beispielsweise, die zur rechten Zeit einen alten Vorstoss rezykliert. Und nicht zuletzt der Kommandant des Kompetenzzentrums Veterinärdienst und Armeetiere in Sand-Schönbühl, der in einem bewundernswerten PR-Stunt die halbe Journalisten-Schweiz durch jene Stallungen führt, in denen die misshandelten Tiere von Hefenhofen gepflegt werden. Zuschauerinteresse: maximal.

Ist das noch gerechtfertigt? «Wer Tiere quält, ist ein Arschloch», schreibt der Rapper und Moderator Knackeboul auf Facebook. Aber der blinde Eifer der Tierschützer mache ihn auch misstrauisch. «Wäre die Empörung über Tausende ertrinkende Flüchtlinge nur annähernd so gross wie die über die armen Pferde, würde vielleicht die Schweizer Flüchtlingspolitik etwas humaner. Just Saying.»

«Hätte es sich um Säue gehandelt, wäre der Aufschrei nicht so gross.»

Klaus Peter Rippe, Ethiker

Knackebouls Publikum war eher mittel begeistert. Kann man das überhaupt vergleichen? Flüchtlinge im Mittelmeer und Pferde im Thurgau? Müsste man? Warum rührt uns der Fall Hefenhofen so über alle Massen?

Der Zürcher Ethiker Klaus Peter Rippe kennt sich aus mit dem besonderen Verhältnis der Menschen zu den Tieren. Den Fall Hefenhofen hat er aufmerksam beobachtet während der letzten Tage. «Wer nicht?», fragt Rippe.

Das Pferd, unser Freund

Warum also war die Empörung so gross? «Es kommt hier vieles zusammen», sagt Rippe und zerlegt den Skandal in seine Einzelteile. Das Ausmass der Tierquälerei sei sicher aussergewöhnlich, die Bilder vom Hof hätten eine grosse emotionale Kraft, und mit dem Wegschauen der Behörden sei ein zweites Unrecht geschehen. Alles ganz verständlich. Und doch gebe es ein irrationales Element. Rippe sieht es beim Tier, genauer: beim Pferd. Wie Hunde und Katzen löse es im Menschen sehr spezifische Gefühle aus. Zudem sei das Pferd das Tier einer gehobenen sozialen Schicht, das Reiten symbolisiere einen Herrschaftsanspruch. «Unsere emotionale Nähe zu Pferden ist besonders gross.» «Hätte es sich in Hefenhofen um misshandelte Schweine oder Vögel gehandelt, der Aufschrei wäre nicht vergleichbar ausgefallen», sagt Rippe.

Zeigt das nicht die Verlogenheit der Aufregung? Rippe lässt die Frage offen. «Unsere Empathie hat einfach Schwierigkeiten, sich auch auf reine Nutztiere und andere Lebewesen auszudehnen.»

Auch für den Tierphilosophen Markus Wild von der Universität Basel hat die Empörung viel mit dem betroffenen Tier zu tun. Pferde gelten als sensible Tiere, als kraftvoll und edel. Und sie haben eine besondere Nähe zu den Menschen. Seitdem wir kaum mehr Rossfleisch essen, seit die Pflüge von Maschinen gezogen werden, ist aus dem Nutztier und Arbeitsgerät ein Begleiter des Menschen geworden. «Ein Begleiter, zu dem wir durch das Reiten auch eine körperliche Nähe haben», sagt Wild.

Das perfekte Opfer

Grundsätzlich gebe es positive und negative Gründe, warum Fälle von Tierquälereien ein so grosses Echo auslösten, sagt der Tierphilosoph. Als Gesellschaft sei man in den vergangenen Jahren für die korrekte Behandlung von Tieren sensibilisiert worden; man wisse recht genau, was bei einem Unrecht zu unternehmen wäre, die Fälle sind nah und konkret – im Gegensatz zur Flüchtlingsproblematik, die den einzelnen Menschen überfordert, wie Wild sagt.

Das sind die positiven Gründe für die Aufwallung. Die negativen sind in einer Überidentifikation mit dem Tier begründet, im Gefühl, dass ein Tier beinahe mehr als ein Mensch gilt. «Es gibt eine Unschuldsvermutung für jedes Tier. Für den Menschen gibt es die nicht», sagt Wild. Es sei kein Wunder, dass Gruppierungen am politisch rechten Rand oft mit Tieren Werbung machen würden – wie kürzlich Geert Wilders in den Niederlanden. Eine aktuelle Studie zu den Wahlen in Deutschland zeigt, dass vor allem jene Menschen die rechtspopulistische Alternative für Deutschland wählen wollen, die sich selber als Opfer begreifen. «Dass bei solchen Menschen die Identifikation mit Tieren, den Opfern schlechthin, recht gross ist, versteht sich von selber.»

Auch der oberste Bauer im Land, CVP-Nationalrat Markus Ritter, hat ein besonderes Verhältnis zu seinen Tieren. Im Unterschied zum Rest der Gesellschaft erlebt Ritter den Kreislauf des Lebens aber noch unmittelbar. Geburt, Aufzucht, Abkalben, Milch geben, Schlachtung, Verarbeitung.

Ritter beobachtet eine Veränderung in der Beziehung zwischen den Menschen und den Tieren, analog zu gesellschaftlichen Verschiebungen. 1,3 Millionen Katzen gibt es in der Schweiz, eine halbe Million Hunde, und diese Zahlen würden kaum überraschen, wenn man sich die rasch wachsende Anzahl von Singlehaushalten und einsamen Menschen vor Augen führe, sagt Ritter. «Das sind ganz oft Ersatzfamilienmitglieder. Entsprechend gross ist die Anteilnahme, wenn es Haustieren schlecht geht.»

Diese Anteilnahme geht heute oft über die Liebe zum Haustier hinaus und umfasst auch jene Tiere, die wir später essen. Die Grüne Maya Graf, eine andere Bäuerin im Parlament, stellt ein gewachsenes Bewusstsein für die Zeitspanne zwischen Geburt und Schlachtung dieser Tiere fest. «Die Menschen möchten, dass es den Nutztieren in ihrer kurzen Lebenszeit möglichst gut geht.»

Unser Fleischschalter

Dass in einer Welt, die immer komplexer zu werden scheine, viele Leute besser mit Tieren als mit Menschen umgehen könnten, sei nicht verwunderlich, sagt die Bäuerin. Auch sie zieht, wie Rapper Knackeboul, den Vergleich zwischen Flüchtlingen und misshandelten Tieren. «Es gibt wenige Menschen, die sich an einem Strand eines Flüchtlingskinds annehmen würden. Aber einen streunenden Hund von den Ferien nach Hause nehmen? Sofort.»

Graf will das nicht werten. Nur auf die Widersprüche hinweisen. Offensichtliche Widersprüche, die die Menschheit in jahrhundertelanger Anpassung gelernt hat auszuhalten. Im Café den «Blick» lesen, sich über die vernachlässigten Rösser aufregen und dabei gleichzeitig herzhaft in einen Cervelat beissen: Wir können das.

«Es gibt einen Kippschalter in unserem Gehirn, der uns erlaubt, Tiere in verschiedenen Kontexten unterschiedlich wahrzunehmen», sagt Tierphilosoph Markus Wild. Der Anblick eines spielenden Kalbes auf der Wiese: jö. Ein Vitello tonnato auf dem Teller: fein. Dieses «Fleischparadox» ist wissenschaftlich erwiesen. Wenn verschiedene Testgruppen bewerten sollen, wie sensibel und intelligent Kühe sind und wie viel sie moralisch wert sind, hängt ihr Urteil auch davon ab, was die Testpersonen unmittelbar davor geknabbert haben. Gibt man ihnen Nüsse, ist die Bewertung besser. Gibt man ihnen vorher Trockenfleisch, geschieht das Gegenteil. «Sobald wir das Fleisch im Mund spüren, degradieren wir das Tier zur Sache.»

Nicht einmal die Hunde

Veganer und Vegetarier haben ihren Kippschalter auf Off. Wild würde sich freuen, wenn das öfter geschehen würde. «Wir würden nie mit unseren Nutztieren tauschen wollen, egal wie gut sie behandelt werden.» Und im Gegensatz zu den grossen Problemen der Welt lasse sich dieses durch das eigene Verhalten lösen. Den Kippschalter ganz verschwinden lassen. Auf Fleisch verzichten.

Es begann mit Bildern von ausgemergelten Pferden und endet bei einer grossen Frage. Ginge es der Welt besser, wenn wir kein Fleisch mehr essen würden? Wäre unsere Empörung über die Bilder aus dem Thurgau so aufrichtiger?

In Hefenhofen selber bleiben vom Skandal um die misshandelten Rösser keine grossen Fragen. Nur ein leerer Hof. Tristesse im Hinterland. «Nicht einmal die Hunde haben sie uns gelassen», sagt ein bärtiger Mann, als er den Hof verlässt. «Dabei bräuchten wir sie. Nachts schleichen Gauner um den Hof.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 23:59 Uhr

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