Samstagsgespräch

«Wir sind kein Rabbinat»

Yves Kugelmann hat es als Leiter des jüdischen Wochenmagazins «Tachles» nicht immer leicht. Bisweilen sehen ihn Mitjuden als «Nestbeschmutzer».

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Sie sind Chefredaktor des jüdischen Wochenmagazins «Tachles». Erklären Sie uns das Judentum in der Schweiz.
Es ist vital und dynamisch. Allerdings ist gar nicht so klar, wie viele Jüdinnen und Juden es in der Schweiz gibt. Verrechnet man die Angaben von Volkszählungen und Mitgliederzahlen der Gemeinden, kommt man auf 18'000. Eine Studie, die wir selber initiiert haben, zeigt, dass es in der Realität viel mehr sind.

Wie kommt es zu der Differenz?
Es gibt zum Beispiel Leute, die sind als Juden geboren, deklarierten sich in der staatlichen Erhebung aber nicht als solche. Das sind etwa Leute, die sich als säkular empfinden, als weltlich, und trotzdem aus gesellschaftlichen oder kulturellen Gründen Mitglied bei einer jüdischen Gemeinde sind. Andere, vor allem ältere Leute, deklarierten sich nicht als Juden, weil sie Listen heikel finden. Da wirkt die Zeit der Verfolgung nach.

Die Definition, wer jüdisch ist, ist schon grundsätzlich kompliziert.
In der jüdischen Gemeinschaft selber ist die Mutter bestimmend. Wer eine jüdische Mutter hat, gilt automatisch als Jude. Wer eine nichtjüdische Mutter hat, ist Nichtjude. Das grosse Thema der letzten 50 Jahre ist deshalb das der gemischten Beziehungen.

Heiratet ein Jude eine Nichtjüdin, sind die Kinder für das Judentum verloren.
Ein solches Paar kann überhaupt nur staatlich heiraten und nicht in der Synagoge. Die Frau kann natürlich auch zum Judentum übertreten, was aber ein langwieriger und nicht einfacher Prozess ist. Es kommt zu Schicksalsschlägen. Fast jede jüdische Familie ist irgendwann mit dem Thema der gemischten Beziehung konfrontiert. Da gibt es Kinder aus gemischtreligiösen Ehen, die nicht akzeptiert werden, wenn sie zum Beispiel in eine jüdische Schule wollen.

Wie gehen Sie als Journalist damit um?
Wir sind kein Rabbinat, sondern eine Redaktion. Die jüdischen Religionsgesetze, die Halacha, sind für uns nicht massgeblich; wir wenden journalistische, aufgeklärte Kriterien auf unsere Themen an unter Einbezug der jüdischen Tradition. Ein Beispiel: Im Mai kritisierten wir den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund, weil er Mitgliedsgemeinden hat, die die Gleichberechtigung der Frau nicht kennen. Der Gemeindebund fordert zu Recht für die jüdische Gemeinschaft Gleichberechtigung ein. Da ist es unrecht, wenn er sie nach innen nicht konsequent durchsetzt.

Wie sind die Reaktionen, wenn Sie kritisch berichten?
Früher unglaublich heftig. «Tachles» entstand durch die Fusion zweier Vorgängerzeitungen im Jahr 2001. Die eine Zeitung inspirierte unsere politisch liberale Linie, war eine klassische europäisch-jüdische Wochenzeitung. Das war schwierig für die Leserschaft der anderen, konservativeren Zeitung.

Sie verloren Leser.
Streng Orthodoxe, die aus traditionellen Gründen die konservativere Zeitung lasen. Wir konnten und wollten sie nicht halten. Wir sind eine klassisch jüdische Zeitung mit säkularem Inhalt. Wir thematisieren offen und journalistisch.

Womit polarisierten Sie am meisten?
Als wir Unregelmässigkeiten bei der Führung des Jüdischen Weltkongresses aufdeckten und dessen Spitze samt Generalsekretär Israel Singer 2007 zurücktreten musste. Auch bei anderen Themen schauten wir kritisch hin und wurden permanent eingeklagt. Man versuchte mit allen Mitteln, uns von der Recherche abzubringen.

Das ist vorbei.
Aber grundsätzlich hat bei allen Debatten die Verrechtlichung extrem zugenommen. Der Brief vom Anwalt kommt schnell. Bei Singer ging es heftig los. Unsere Inhaber waren glücklicherweise bereit, potenzielle Prozesse zu finanzieren. Bis jetzt haben wir keinen Fall verloren.

Wie sieht eigentlich Ihr persönliches Judentum aus?
Ich bin in Basel Mitglied einer jüdischen Gemeinde, meine Eltern und mein Bruder leben dort. Für mich ist Judentum Inhalt und weniger Organisationsform; das führt dazu, dass ich unabhängiger auf Entwicklungen innerhalb und ausserhalb der jüdischen Gemeinschaft blicken kann. Allerdings führt es oft auch zum Vorwurf, ich sei ein Nestbeschmutzer.

Gehen Sie in die Synagoge?
Früher öfter als heute. Ich bin an Feiertagen dort. Ich gehe hin, um zu schwatzen, nicht um zu beten. Die Synagoge ist anders als eine Kirche, es ist nicht sehr ruhig. Das Gesellschaftliche spielt eine grosse Rolle, die Einrichtung ist orientalisch geprägt. Ursprünglich war die Synagoge ein Lernhaus. Ich habe dort die jüdischen Quellen und Schriften viele Jahre studiert. Auch den Talmud, der zeigt, wie man die Regeln der Tora umsetzen soll, der fünf Bücher Mose. Da wird etwa die Frage diskutiert, die auf die Tora zurückgeht: Darf man am Samstag, am Sabbat, der ein Ruhetag ist, Dinge tragen? Wo darf man sie tragen? Wann gilt dies als Arbeit und wäre somit verboten? Darf ich wirklich keinen Schlüssel in der Hosentasche tragen? Ist das ernstlich Arbeit? Der Talmud ist Jahrhunderte alt, spannend, oft erstaunlich aktuell, aber gleichwohl nicht mehr überall umsetzbar.

Manche Schweizer Juden ärgern sich, wenn man sie das fragt. Trotzdem: Wie stehen Sie zu Israel?
Die Frage stört mich nicht. Aber tatsächlich gibt es Schweizer Juden, die finden, die Frage grenze aus, es schwinge in ihr mit, dass sie nicht wirklich Schweizer seien.

Und Ihre Haltung zu Israel?
Israel hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. Es hatte früher stark europäische Züge. Dann kamen über eine Million Russen, die nicht gerade demokratieerprobt sind. Und auch viele Juden, in der Regel orthodoxe, aus dem arabischen Raum. Israel hat sich extrem gewandelt.

Ist das nun Kritik oder reine Beschreibung?
Reine Beschreibung.

Es klingt negativ. Nur schon die Formulierung von den Leuten aus Russland, die die Demokratie nicht kennen würden.
Israel hat etwa gleich viele Einwohner wie die Schweiz. Stellen Sie sich vor, es würden innert zehn Jahren eine Million Russen in die Schweiz einwandern. Diese Leute kommen aus einem ganz anderen Denkraum. Das prägt die Gesellschaft und auch die Politik.

Ist Ihnen Israel fremder geworden, da doch seine europäischen Züge verblassen?
Israel muss sich nicht nach mir ausrichten. Und ich mich nicht nach Israel.

Es entfernt sich von Ihnen als Europäer.
Auch der Raum um Israel verändert sich. Sicher war vor 20 Jahren alles einfacher. Da hätte ich gesagt, ich sei für eine Zweistaatenlösung: ein Staat für die Juden, einer für die Palästinenser. Heute ist das Modell in weite Ferne gerückt. Mittlerweile wären es drei Staaten: Israel. Der Gazastreifen, den die Hamas-Fundamentalisten kontrollieren. Und die Westbank, wo die Fatah, also gemässigtere Palästinenser, das Sagen haben.

Derzeit droht Israel, Irans Nuklearanlagen zu bombardieren. Wie real ist die Drohung?
Vieles ist Rhetorik und Demagogie. Das Problem ist, dass die Druckrhetorik irgendwann Realität erzeugt. So war es nach den Anschlägen von 9/11 in Amerika. Präsident George W. Bush drohte mit Krieg gegen Irak, viele empfanden das als reine Rhetorik, doch dann begann der Irakkrieg. Reden führt irgendwann zu handeln, weil man aus der Situation nicht mehr hinausfindet.

Israel ist in der Schweiz in den letzten Jahren nicht beliebter geworden.
Falsch. Israels Politik, die Haltung der momentanen Regierung im Palästinakonflikt wird kritisiert. Dem steht eine intensive Zusammenarbeit in der Forschung und Wirtschaft gegenüber. Ganz zu schweigen vom enormen Kulturaustausch. Permanent stehen israelische Künstler hierzulande auf der Bühne. Da findet eine Auseinandersetzung statt, die halt auch dazu führt, dass ein Teil der Schweizer mehr Kritik übt als früher. Das ist legitim.

Früher erkannte sich die Schweiz in Israel wieder: ein kleines Land, wehrhaft, mit fleissigen Leuten.
Es war die Zeit des David gegen Goliath. Viele Schweizer gingen in den Kibbuz. Den gibt es heute ja praktisch nicht mehr oder allenfalls als professionelle Industriekommune.

Waren die Schlagzeilen um die Knabenbeschneidung eigentlich bloss Sommertheater? Das Kinderspital Zürich verkündete einen Beschneidungsstopp; mittlerweile beschneidet es wieder.
Mal schauen, wie das Gesetz aussehen wird, das die deutsche Bundesregierung grossartig angekündigt hat – damit schwappte das Thema ja überhaupt in die Schweiz. Es handelt sich um Sommertheater, das aber gepaart ist mit berechtigter Sorge und obsessivem gegenseitigem Nichtverstehenwollen. Ich finde die konkrete Frage weniger interessant als die Überebene. Die Konfrontation von Orient und Okzident.

Wie meinen Sie das?
Die orientalischen Kulturen und Religionen der Juden und Muslime prallen auf ein ganz anderes Gesellschaftsmodell. Klar, das Christentum stammt auch aus dem Orient. Es hat sich aber stark europäisiert und viel Archaisches abgelegt, es hat zum Beispiel aus der Beschneidung die Taufe gemacht.

Wohingegen Juden und Muslime ihre Knaben beschneiden. Da prallen Welten aufeinander. Die eine Seite prophezeit, sie gerate unter Druck und könne bald nicht mehr in Europa leben. Und die andere argumentiert radikal für die Menschenwürde, das Recht des Individuums auf Selbstbestimmung.

Verbirgt sich in der radikalen Gegnerschaft gegen die Beschneidung nicht auch die Besessenheit der Aufklärung mit der Gleichmacherei?

Für mich ist Aufklärung das Gegenteil von Gleichmacherei. Sie will nicht gleichmachen, sondern die Unterschiede schützen. Wir alle sind mit unseren Eigenheiten geschützt. Als Jude in der Schweiz kann ich gleich sein und doch anders. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2012, 20:57 Uhr

Geht in die Synagoge, um zu schwatzen, nicht um zu beten: Yves Kugelmann. (Bild: Dominique Meienberg)

Yves Kugelmann

Herausgeber und ChefredaktorDer Basler Yves Kugelmann (41) ist Herausgeber und Chefredaktor von «Tachles» und der «Revue Juive» und redigiert das jüdische Monatsmagazin «Aufbau». Er ist zudem beim Anne Frank Fonds Basel aktiv.

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