«Wir sind nicht mehr im Wilden Westen»

Engagierte Debatte, sehr klares Resultat: Mit 15 zu 2 Stimmen bei 2 Enthaltungen entschieden die CVP-Frauen, die Waffeninitiative zu unterstützen.

Stand auf verlorenem Posten: Die oberste Schweizer Schützin Dora Andres vor den CVP-Frauen in Bern.

Stand auf verlorenem Posten: Die oberste Schweizer Schützin Dora Andres vor den CVP-Frauen in Bern. Bild: Béatrice Devènes

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Je länger die Debatte, desto stärker die Gefühle. Je häufiger die Voten, desto absehbarer das Resultat. Am Schluss dann, nach zwei faktenschweren Vorträgen und einer halbstündigen Diskussion, entscheiden sich die Frauen der CVP gegen ihre eigene Partei, gegen den Bundesrat und gegen die bürgerliche Parlamentsmehrheit. Und im Wissen, dass ihre Stimme im Abstimmungskampf besonders gut gehört werden wird. Das Resultat fällt sehr deutlich aus: 15 Vertreterinnen der CVP-Frauen unterstützen die linke Waffeninitiative, zwei lehnen sie ab, zwei enthalten sich der Stimme.

So klar hat man das nicht kommen sehen, nicht nur weil die CVP anders denkt als ihre Frauen. Denn die Morde mit der Waffe, welche die Initiative ausgelöst haben, liegen ein paar Jahre zurück, und auf die schnelle Empörung folgen meistens die langwierigen Einwände. So verweisen die Gegner der Initiative auf das bereits installierte, schärfere Waffengesetz, sie beschwören die Eigenverantwortung der Bürger, warnen vor sehr viel Bürokratie auf Kosten der individuellen Freiheit und vor dem zu grossen Staat, der zu viel kontrolliert.

Zweifel am Nutzen

Das tut auch die Freisinnige Dora Andres, die als ehemalige Berner Polizeidirektorin und Präsidentin des Schweizerischen Schiesssportverbandes weiss, wovon sie redet. Sie hat in ihrem Korps mehrere Suizide hinnehmen müssen, auch mit der Waffe. Dagegen hätte auch die Initiative nicht helfen können, sagt sie. Als Bernerin weiss Andres auch, wie viele Menschen sich in ihrer Stadt von den hohen Brücken oder von der Münsterplattform in den Tod gestürzt haben.

Seit an den gefährlichen Stellen hohe und breite Netze hängen, ist die Zahl der Selbstmorde stark zurückgegangen. Das bringt die Präventionsmedizinerin Barbara Weil, Andres’ Kontrahentin, als einen von vielen Gründen ein, warum sie die Waffeninitiative unterstützt. Weil nämlich Selbstmorde stark mit der Möglichkeit zum Vollzug zusammenhängen. Und da sei das Gewehr, schnell zur Hand und tödlich wirksam, eine besondere Gefahr, gerade zu Hause. «Jeden Tag bringt sich ein Mensch in der Schweiz mit einer Schusswaffe um.»

Immer heftigere Debatte

Beide Frauen stützen sich auf Fakten und Statistiken, beide bemühen sich um einen möglichst nüchternen Auftritt. Mit der Nüchternheit ist es vorbei, als die CVP-Frauen ihrerseits zur Initiative Stellung nehmen. Alle kritischen Fragen gehen an Dora Andres, nur eine der Votantinnen spricht sich gegen die Initiative aus – alle anderen stimmen ihr mit wachsender Heftigkeit zu.

«Waffen töten», sagt zum Beispiel Maria Wermelinger aus dem Kanton Baselland – «ausser im Sportverein.» Und ihr sei nicht klar, warum sie in ihrem Haushalt eine Waffe haben solle. Theresia Engeler aus St. Gallen macht sich am meisten um die Kinder Sorgen, die kämen leicht an solche Waffen heran. Darüber hinaus geht es ihr um ein Prinzip: «Wir sind nicht mehr im Wilden Westen, also schaffen wir die Waffen weg.» Dass die Initiative viel verändere, beziehungsweise – wie sich Anders ausdrückt – in der Schweiz zu einem Paradigmenwechsel führe: Gerade das ist es, was den CVP-Frauen an der Initiative gefällt. Alles, was helfen könne, müsse man versuchen, sagt zum Beispiel die Freiburgerin Tiziana Frassinetti. Das sei für sie als Mitglied einer Frauenpartei wichtig. «Es geht hier nicht nur um Suizid, es geht um Schutz.»

Über den Entscheid der CVP-Schweiz übrigens, die Waffeninitiative zu bekämpfen – ein Entscheid im Einklang mit den anderen bürgerlichen Parteien, die alle von Männern dominiert werden: Darüber verlieren die Frauen der CVP kein einziges Wort.

Erstellt: 15.12.2010, 22:33 Uhr

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