«Wir streben ja alle, bewusst oder unbewusst, nach Unsterblichkeit»

Für FDP-Gesundheitsexperte Ignazio Cassis ist es angezeigt, über eine Pflegeversicherung nachzudenken. Wohlbehalten möglichst alt zu werden, sei den Menschen etwas wert.

Der Tessiner FDP-Nationalrat präsidiert den Krankenkassenverband Curafutura: Ignazio Cassis.

Der Tessiner FDP-Nationalrat präsidiert den Krankenkassenverband Curafutura: Ignazio Cassis.

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Wir sollen uns ein Guthaben für die Pflege im Alter ansparen, schlägt Avenir Suisse vor – obligatorisch, ab 55 Jahren. Was halten Sie davon?
Nun, die Solidarität zwischen Jung und Alt wird heute in der Tat sehr strapaziert. Von daher stellt sich schon die Frage, ob die älteren Menschen in Zukunft nicht etwas mehr finanzielle Verantwortung für ihre Pflege übernehmen müssten – zumal es heute kaum mehr arme Alte gibt. Zu meiner Zeit als Kind war es fast die Regel, dass man als betagter Mensch in Geldnot geriet. Das Problem der Altersarmut haben wir dank unserer Sozialwerke heute gelöst.

Könnten denn die Krankenkassen gute Pflegeversicherungen anbieten?
Ich zweifle ein wenig, ob die Krankenkassen die richtige Instanz für eine Versicherung wären, wie sie Avenir Suisse will. Krankenkassen haben wenig Erfahrung mit der Verwaltung von grossen Kapitalbeträgen. Wenn schon, dann sollte man diese Aufgabe jenen übertragen, die das Know-how dafür haben: den Pensionskassen. Ich bin aber der Meinung, dass wir für die Alters­pflege nicht schon wieder einen eigenen, riesigen Gesetzesapparat hochziehen sollten.

Was wäre denn Ihr Vorschlag?
Es gäbe eine ziemlich einfache, unbürokratische Lösung. Erwachsene zahlen heute schon höhere Krankenkassenprämien als Minderjährige – für 19 bis 25-Jährige gibt es darüber hinaus noch eine mittlere Prämienklasse. Wir könnten eine zusätzliche Altersschwelle einbauen – wer, zum Beispiel, über 55 Jahre alt ist, erhält auf seine Prämie einen Zuschlag für die Pflege der Alten. Wir blieben damit beim heutigen Umverteilungssystem, aber ohne die Jungen zu stark zu belasten.

Werden Sie diese Idee politisch lancieren?
Man müsste darüber sprechen, aber ich denke, der Widerstand wird gross sein. Die Linke wird behaupten, wir würden ältere Menschen ruinieren. Vor allem aber fürchte ich, dass wir in der Volksabstimmung scheitern würden.

Warum so pessimistisch?
Schauen Sie mal, wer stimmen geht – genau jene, die nachher mehr zahlen müssten. Die Jungen hingegen bleiben der Urne fern, interessieren sich wenig für die Politik – obwohl es sie direkt betrifft.

Aber gibt es irgendeine Form der Pflegeversicherung, für die Sie in absehbarer Zeit eine reelle Chance sehen?
Ich glaube zumindest, es wird darüber in der kommenden Zeit eine intensive Diskussion entbrennen. Wir haben inzwischen die höchste Lebenserwartung der Welt. Materielle Not leidet hier fast niemand mehr – wenn die Menschen für etwas zu zahlen bereit sind, dann wohl dafür, bei guter Gesundheit möglichst alt zu werden. Wir streben ja alle, bewusst oder unbewusst, nach der Unsterblichkeit.

Erstellt: 11.07.2014, 07:35 Uhr

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