«Wir wären bereit, den MH-17-Absturz zu untersuchen»

Ein neutrales Land wie die Schweiz müsse das Flugzeugunglück in der Ukraine untersuchen, sagt ein Experte. Was heisst das für die Schweizerische Unfalluntersuchungsstelle (Sust)? Chef Daniel Knecht gibt Auskunft.

Es wird viel zu untersuchen geben: Trümmerteile an der Absturzstelle von Malaysia-Airlines-Flug <nobr>MH 17</nobr> nahe Donezk in der Ukraine. (17. Juli 2014)

Es wird viel zu untersuchen geben: Trümmerteile an der Absturzstelle von Malaysia-Airlines-Flug MH 17 nahe Donezk in der Ukraine. (17. Juli 2014) Bild: Keystone

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Herr Knecht, wie läuft es ab, wenn nach einem Flugunglück die Untersuchungen eingeleitet werden?
Bei «klassischen» Flugzeugunglücken gibt es automatisierte Abläufe: In die Unfalluntersuchung involviert sind die Staaten, in denen die Absturzstelle liegt, in denen das Flugzeug registriert oder die Airline beheimatet ist, sowie der Herstellerstaat der Maschine. Hinzu kommen die Länder der Opfer. Im Fall von MH17 haben wir jedoch einen Spezialfall, weil alles auf einen Abschuss hindeutet – dazu erst noch in einem Krisengebiet. Das ist kein eigentlicher Flugunfall, sondern fällt in den Zuständigkeitsbereich der Justiz. In solchen Fällen führt die zuständige Strafverfolgungsbehörde die Untersuchung und zieht allenfalls für technische Fragen Spezialisten einer Sicherheitsuntersuchungsstelle bei.

Bietet die Sust ihre Dienste an?
Nein, wir bieten unsere Dienste nicht an, das kann eine Untersuchungsstelle nicht von sich aus tun. In einem solchen Fall, der wie gesagt nicht ein klassischer Unfall ist, muss zunächst das betroffene Land selber entscheiden, ob es Hilfe von aussen anfordern möchte. Dann könnte die Schweiz allenfalls ihre Hilfe anbieten und Fachleute oder Labors zur Verfügung stellen, aber so etwas muss auf politischer Ebene entschieden werden. Im Rahmen unserer Möglichkeiten würden wir in einem solchen Fall sicher zur Verfügung stehen.

Inwiefern wirken die Ukraine und Russland bei den Absturzuntersuchungen mit? Dürfen sie das überhaupt?
Grundsätzlich ist immer der Staat, auf dessen Gebiet ein Unglück geschieht, für die Bewältigung und auch für die Sicherheitsuntersuchung oder für strafrechtliche Abklärungen zuständig. Wenn andere Staaten ebenfalls einen Bezug zum Geschehen haben, beispielsweise weil sie Unfallopfer zu beklagen haben oder sie der Herstellerstaat des Flugzeuges sind, so können sie an der Untersuchung mitwirken. Zumindest im Bereich der Sicherheitsuntersuchungen ist eine internationale Zusammenarbeit üblich.

Angenommen, die Sust würde für die Untersuchung des Unglücks angefragt. Was könnte sie tun?
Die Sust könnte nur subsidiär helfen, weil es sich bei diesem Ereignis ja allem Anschein nach um einen Abschuss, also nicht um einen eigentlichen Unfall handelt, der primär durch Strafverfolgungsbehörden zu untersuchen ist. Zum Beispiel könnten wir die Flugschreiber auslesen oder auswerten oder Fachleute für flugtechnische Abklärungen zur Verfügung stellen.

Hat die Sust schon andere vergleichbare Flugunfälle untersucht? Welche?
Mein früherer Vorgesetzter machte einst in Angola eine Untersuchung zum Abschuss einer Hercules. Die Arbeit im Kriegsgebiet war schwierig. Zum einen konnte aufgrund der kriegerischen Ereignisse die Unfallstelle kaum betreten werden und es war auch schwierig vor Ort Abklärungen vorzunehmen. Wenn man keinen Einblick in die lokalen Verhältnisse hat, erschwert dies die Arbeit. Im ukrainischen Krisengebiet dürfte die Aufklärung des Flugzeugabsturzes ebenfalls schwierig sein.

Sie haben den Crossair-Absturz im Jahr 2000 bei Nassenwil untersucht. Wie war es, im eigenen Land einen Flugunfall zu untersuchen, im Gegensatz zu einem Auslandeinsatz?
Bei diesem Unglück handelte es sich um einen «normalen Flugunfall», das heisst, er lag primär in der Kompetenz des damaligen Büros für Flugunfalluntersuchungen, das ja eine Vorgängerorganisation der Sust war. Die Abläufe in der Schweiz sind geprägt von einer ausgeprägten Zusammenarbeit zwischen den kantonalen Stellen, wie der Polizei, den forensischen Diensten, der Staatsanwaltschaft und den Bundesstellen wie der Sust oder der Bundesanwaltschaft. Dies hat auch bei Nassenwil sehr gut funktioniert, und wir konnten gemeinsam den Unfall gut bewältigen. Bei einer Untersuchung im Ausland muss ein solches Netzwerk aus verschiedenen Organisationen zuerst aufgebaut werden, oder die Art der Zusammenarbeit kann aufgrund der anderen kulturellen oder gesetzlichen Gegebenheiten anders sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.07.2014, 13:24 Uhr

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Daniel Knecht leitet die Geschäftsstelle der Schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle (Sust) und ist Linienpilot. Einer seiner ersten Fälle war der Absturz der Swissair 111 in Kanada 1998, seine erste grosse Unfallstelle war der Crossair-Absturz im Jahr 2000 bei Nassenwil.

Die Sust ist Ende 2011 aus dem Büro für Flugunfalluntersuchungen (BFU) und der Untersuchungsstelle für Bahnen und Schiffe (UUS) hervorgegangen. Sie untersucht unter anderem Unfälle und schwere Vorfälle in der zivilen Luftfahrt. (Bild: zvg)

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