«Wir warten auf die Gratislieferung Schweine»

Migros-Chef Herbert Bolliger begründet gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet seine Kritik an den Bauern. Für ihn ist unverständlich, dass sie eine weitere Abschottung wollten. Nicht nur die Konsumenten, auch sie würden von einer Marktöffnung profitieren.

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Herr Bolliger, die Bauern sind erzürnt über Ihre Aussage, sie förderten mit hohen Produktionspreisen den Einkaufstourismus. Haben Sie Verständnis für den Unmut?
Nein. Ich bin sicher, dass es viele Bauern gibt, die meine Einschätzung teilen und die Bestrebungen zu mehr Abschottung ebenfalls ablehnen.

Die Bauern sind überzeugt, ihre Produkte seien nur wegen der hohen Margen der Detailhändler so teuer in den Läden. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?
Es ist völlig verfehlt, von hohen Margen im Detailhandel zu sprechen. Die Migros braucht keine überhöhten Margen, weil sie hocheffizient arbeitet. Das zeigen internationale Vergleiche. Zudem verfolgen wir als Genossenschaft sehr marginale Gewinnziele und geben tiefere Beschaffungspreise in Form von tieferen Verkaufspreisen konsequent an die Kunden weiter. Der Bauernverband behauptet, dass die Bauern lediglich 25 Rappen jedes Konsumentenfrankens bekommen. Gerade aber beim Fleisch, das einen bedeutenden Anteil am Gesamtproduktionswert der Landwirtschaft ausmacht, sieht das anders aus. Gemäss Bundesamt für Landwirtschaft beträgt dieser Wert für den gesamten Warenkorb der Fleischprodukte in den letzten Jahren fast 40 Rappen. Die Micarna wartet insofern gerne auf die von Verbandspräsident Markus Ritter angekündigte Gratislieferung von Schweinen, damit wir beweisen können, dass die Verkaufspreise in der Migros dann unter den EU-Preisen liegen würden.

Sie haben also keinen Spielraum, die Margen weiter zu senken?
Tendenziell sinken die Preise im Detailhandel seit vielen Jahren, die Konkurrenz aus dem In- und Ausland ist gross, und die Margen sind schmal. Auch die Studie der Credit Suisse über die Perspektiven des Schweizer Detailhandels kommt zum Schluss, dass der Druck auf die Preise weiter zunehmen wird. Das heisst, wir sind dauernd gefordert, durch Effizienzgewinne – beispielsweise in der Logistik – Kosten einzusparen. Die verbleibende Marge brauchen wir, um unser Geschäft zu betreiben und die Löhne unserer Mitarbeitenden bezahlen zu können.

Der Einkaufstourismus ist kein neues Phänomen. Warum bringen Sie das Thema gerade jetzt auf den Tisch?
Das Thema habe nicht ich, sondern die Journalisten im Interview Ende Dezember aufgebracht. Die Agrarpolitik hat aber in der Tat wieder an Aktualität gewonnen. Das zeigen all die politischen Vorstösse, die momentan vorliegen. Sie zielen alle auf Strukturerhaltung und wollen somit eine weitere Marktöffnung verhindern. Zu diesen Tendenzen zählt zum Beispiel die Forderung des Bauernverbandes, dem Importdruck mit Zöllen und Kontingenten entgegenzuwirken, oder auch das Bestreben, die Lebensmittel ganz vom Cassis-de-Dijon-Prinzip auszunehmen. Wir sind jedoch überzeugt, dass nicht nur unsere Kunden, sondern auch viele Bauern längerfristig von einer Marktöffnung profitieren würden. Abschottung hat noch keiner Branche gutgetan. Wir haben in der Schweiz viele sehr gute Agrarprodukte, die durchaus Chancen im Ausland haben.

Wie stark steht die Migros wegen des Einkaufstourismus unter Druck?
Die Zahlen belegen, dass der Einkaufstourismus weiter wächst. Hochrechnungen gehen davon aus, dass 2014 über 15 Millionen Ausfuhrzettel für die Mehrwertsteuer-Rückerstattung am Zoll abgegeben wurden. Die Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz hat 2013 den Einkaufstourismus untersucht: Schon damals flossen rund 10 Milliarden Franken ins Ausland. Das entspricht einem Anteil von 10 Prozent des gesamten Detailhandelsvolumens in der Schweiz. Dieser Kaufkraftabfluss schadet auch der Landwirtschaft, denn gerade Fleisch und Milchprodukte werden oft im nahen Ausland eingekauft. Deshalb ist es für uns unverständlich, dass sich der Bauernverband und dessen Vertreter im Parlament für eine weitere Abschottung einsetzen.

Die Bauern entgegnen, von den 10 Milliarden Franken, die ins Ausland flössen, entfielen lediglich 2 Milliarden auf Lebensmittel. Der Handlungsbedarf im Non-Food-Bereich sei grösser.
Wenn wir aber den Markt stärker abschotten, wird die Preisdifferenz noch grösser und somit auch der Anteil der im Ausland gekauften Lebensmittel. Für Non-Food-Produkte fordern wir schon lange, dass Instrumente wie das Cassis-de-Dijon-Prinzip oder Parallelimporte endlich ihre Wirkung entfalten können. Denn es ist unhaltbar, dass wir als Händler für gewisse Produkte im Einkauf mehr bezahlen müssen, als sie im Laden in Deutschland kosten.

Was fordern Sie in Bezug auf die Preispolitik konkret von den Bauern?
Das Rad darf nicht zurückgedreht werden. Mehr Abschottung ist schlecht für die Konsumenten – und auch für die Bauern selbst. Wir sind überzeugt, dass sie durch eine Marktöffnung neue Perspektiven erhalten würden: Sie könnten nicht nur ihre guten Schweizer Produkte in der EU vermarkten, sondern würden auch von günstigeren Produktionsmitteln wie etwa Futtermittel profitieren. Somit würden ihre Produktionskosten und die Preise für die Konsumenten sinken. Die Migros hat sich im Zusammenhang mit weiteren Marktöffnungsschritten immer für Begleitmassnahmen ausgesprochen. Schweizer Produkte könnten zum Beispiel durchaus etwas teurer sein. Viele Konsumenten sind bereit, 10 bis 20 Prozent mehr zu bezahlen, wenn sie auch einen Mehrwert dafür erhalten, etwa beim Tierwohl.

Sie haben eine dezidierte Haltung zu diesem Thema. Befürchten Sie keine negativen Folgen für die Zusammenarbeit mit den Bauern?
Nein, denn es ist wichtig, dass wir solche Fragen heute diskutieren. Viele Länder – auch die Schweiz – schliessen weiter bilaterale Abkommen ab. Was geschieht beispielsweise mit der Schweizer Landwirtschaft, wenn das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA zustande kommt und die Zölle auf diesem Riesenmarkt praktisch eliminiert werden? Wir sollten dafür sorgen, dass der hiesige Agrarmarkt öffnungsfähig bleibt. Das Verharren im Status quo und der Wunsch nach mehr Abschottung sind dagegen keine zukunftsträchtigen Lösungen.

Erstellt: 09.01.2015, 08:33 Uhr

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