Wo der Mittelstand am günstigsten lebt

Die Schweizer bezahlen laut einer neuen Studie weniger Steuern. Doch das sagt noch nichts über ihr tatsächlich verfügbares Einkommen aus. Wir zeigen auf, wo die wirklich attraktiven Wohnorte liegen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Steuerbelastung ist gemäss einer Studie des Bundes im letzten Jahrzehnt für fast alle Personen in der Schweiz gesunken, wie Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete. Sie variiert jedoch aufgrund des Steuerwettbewerbs stark zwischen den Kantonen. Und wie viele Steuern der einzelne Bürger in einer spezifischen Region bezahlt, sagt noch nichts über sein tatsächlich verfügbares Einkommen aus. Denn gerade in Tiefsteuerkantonen wie Zug oder Schwyz sind beispielsweise die Immobilienpreise hoch – die geringeren Abgaben an den Fiskus korrelieren dort mit teilweise exorbitant hohen Mieten und werden dadurch relativiert. Insbesondere der Mittelstand werde durch dieses Missverhältnis zunehmend aus diesen Regionen verdrängt, lautet der verbreitete Vorwurf. Wo also lebt diese Bevölkerungsschicht am günstigsten?

Die Immobilienberatungsfirma Wüest & Partner hat für Tagesanzeiger.ch/Newsnet anhand aktueller Daten (Stand: Viertes Quartal 2013) eine Grafik erstellt, welche die verfügbaren Mittel einer vierköpfigen Mittelstandfamilie nach Abzug der Steuern und der Miete visualisiert (vgl. Bildstrecke). Sie zeigt: In der Romandie bleibt am wenigsten Geld übrig. «In der Genferseeregion ist es für eine Familie schwierig, eine bezahlbare Wohnung zu finden», sagt Patrick Schnorf, Partner und Leiter Research bei Wüest & Partner. «Auch in anderen städtischen Gebieten wie Zürich oder Basel sowie entlang der Verkehrsachsen im Mittelland und in den Tourismusregionen haben Familien vergleichsweise wenige Mittel zur Verfügung.» Auf der Karte sind Ortschaften im nördlichen Tessin sowie Gemeinden im südlichen Graubünden als Gebiete eingefärbt, in denen für eine Familie besonders viel Geld übrig bleibt. Dabei ist jedoch zu beachten, dass in diesen strukturschwachen Regionen Löhne von 120'000 Franken selten erreicht werden.

Der Einfluss der Mieten

Auch die Credit Suisse hat in einer Analyse der finanziellen Wohnattraktivität verglichen, wie hoch das frei verfügbare Einkommen in den verschiedenen Kantonen ist. Dabei handelt es sich um jenen Betrag, der einem Haushalt nach Abzug sämtlicher Zwangsabgaben und Fixkosten zur Verfügung steht. Dazu wurden Steuern, Immobilienpreise, Mieten, Nebenkosten, Krankenkassenprämien, AHV und Gebühren zu einem Index verrechnet.

Die Studie kam zum Schluss: In kleineren, eher peripheren Regionen findet der Mittelstand die attraktivsten finanziellen Bedingungen vor. «Am besten schneiden Uri und Glarus ab. Hauptgrund sind die Wohnkosten. Sie sind in diesen Gebieten generell geringer als in urbanen und suburbanen Regionen», sagt Thomas Rühl, Leiter Regionenanalyse bei der Credit Suisse. Besonders die Urner Mittelstandshaushalte profitieren seit 2009 von einer deutlich reduzierten Steuerbelastung und bezahlen vergleichsweise geringe Mieten.

Das Beispiel Zug zeigt dagegen, dass tiefe Steuern allein nicht mehr Geld in der Tasche garantieren: Der Kanton mit der höchsten Standortqualität kann sich in dieser Hinsicht nur knapp über dem Schweizer Mittel halten (vgl. Grafik in der Bildstrecke). Denn während die Zuger Haushalte zwar die mit Abstand geringsten obligatorischen Abgaben entrichten müssen, schlagen sich gleichzeitig hohe Fixkosten auf die Budgets nieder. Umgekehrt zeigt die Situation im Jura, dass hohe Steuern eine nicht unwesentliche Rolle spielen können: Die Mieten und Immobilienpreise sind nirgends so tief wie in diesem Kanton. Dennoch erreicht er in Bezug auf das verfügbare Einkommen nur den 15. Rang aller 26 Kantone – wegen der überdurchschnittlichen Steuerbelastung. Auch die städtisch geprägten Kantone erreichen schweizweit nur unterdurchschnittliche Werte. Hohe Mieten und Immobilienpreise sowie – insbesondere in den Westschweizer Kantonen – hohe obligatorische Abgaben verteuern das Leben in Genf, Basel-Stadt, Waadt oder Zürich.

Der Einfluss der Krankenkassenprämien

Neben den Wohnkosten und der Steuerbelastung fallen auch die obligatorischen Krankenkassenprämien ins Gewicht: Diese schwanken je nach Region stark und können für eine vierköpfige Familie in Nidwalden rund 6000 Franken betragen, in Genf dagegen 12'000 Franken. Entsprechend schlecht schneidet der Kanton in Bezug auf die Wohnortattraktivität ab: Er belegt weit abgeschlagen den letzten Platz. «Gerade für Haushalte mit geringeren Einkommen können die Krankenkassenbeiträge durchaus höher liegen als die Steuerbelastung», sagt Rühl.

Als weiteren Faktor tragen zudem die kantonalen Prämienverbilligungen dazu bei, dass sich die schweizweiten Differenzen dieser Kosten ausweiten. Die Prämien in bereits günstigen Regionen werden nämlich stärker verbilligt als in Gebieten mit ohnehin schon hohen Grundprämien. Das verdeutlicht das Prämienmonitoring des Bundesamts für Gesundheit (BAG): Demnach weisen die Kantone Nidwalden, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden, Obwalden und Zug die tiefste Prämienbelastung auf. In Obwalden, Zug und Appenzell Ausserrhoden ist dies neben den vergleichsweise tiefen Prämien auf die Ausgestaltung des Prämienverbilligungssystems zurückzuführen. Die höchste Belastung in Prozent des verfügbaren Einkommens besteht im Kanton Waadt. Danach folgen Bern, Neuchâtel, Basel-Stadt und Tessin (vgl. Grafik in der Bildstrecke).

Der Einfluss der Pendelkosten

Eine dezentrale Wohnlage kann zwar aufgrund der Mietpreise attraktiv sein, sich aber wegen der hohen Pendelkosten unter Umständen auch finanziell negativ auswirken. «Je nach Distanz zum Arbeitsort und Verkehrsmittel nimmt der Arbeitsweg spürbaren Einfluss auf das Haushaltsbudget», sagt Rühl. «Dafür lohnt es sich in jenen Regionen eher, Immobilien zu kaufen – besonders angesichts der aktuell tiefen Zinsen.» Eigentum bleibe indes für einen Grossteil der Haushalte unerschwinglich (vgl. Grafik in der Bildstrecke). In den Zentren sei dagegen das gemeinnützige Wohnen für den Mittelstand «durchaus relevant». In Zürich richteten sich Genossenschaften explizit auch an diese Bevölkerungsschicht. Entsprechende Angebote seien an der Peripherie selten oder inexistent. «Statt solcher Modelle wie in Zürich oder Winterthur haben weitere Städte wie etwa Genf strikte Vorschriften erlassen, um in begrenztem Umfang preisgünstiges Wohnen zu ermöglichen», so Schnorf. Dass die starke Nachfrage in den Städten nun mit hohen Mietzinsen abgefedert werde, sei indes ein hausgemachtes Problem: «Dichtere, höhergeschossige Bauten hätten die Balance zwischen Angebot und Nachfrage wieder herstellen können. Die Politik hat jedoch in dieser Hinsicht ihre Hausaufgaben nicht gemacht», bemängelt er.

Sparen durch Wohnortwechsel

Die Daten zeigen: Ein Wohnortwechsel kann das Haushaltsbudget optimieren. «Bereits bei kleinräumigen Umzügen von Zentren in suburbane Gemeinden ergeben sich teilweise erhebliche Einsparungen. Die Agglomerationen der Kantone Thurgau, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Luzern und Aargau sind in dieser Hinsicht besonders attraktiv», sagt Rühl. In jenen Regionen ergeben sich zudem keine zu langen Pendelwege in die Arbeitsmarktzentren.

Auch Schnorf bestätigt: «Der Trend, dass sich eine breite Mittelschicht in den Agglomerationen und äussersten Stadtgebieten Wohnraum sucht, hat bereits eingesetzt.» Im Raum Zürich seien etwa Muri oder Wohlen im Kanton Aargau sowie die ländlicheren Gebiete nördlich von Bülach eine finanziell attraktive Alternative zu Zürich.

Hochpreisige Zentren, günstigere Peripherien: Diese Formel werde auch mittel- und längerfristig gelten, sind die Experten überzeugt. Und weil die hohe Nachfrage in den Städten wegen deren wirtschaftlichen Anziehungskraft bestehen bleibe, werde sich die Ausweichbewegung des Mittelstands in Zukunft verstärkt fortsetzen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.04.2014, 11:02 Uhr

Artikel zum Thema

Steuerlast in den Kantonen: Wer aufsteigt, wer zurückfällt

Seit 2004 sind die Steuern für fast alle in der Schweiz gesunken. In einigen Kantonen deutlich mehr als in andern, wie eine Aufstellung zeigt. Mehr...

Die Steuern steigen wieder

Der Steuerwettbewerb ist erlahmt. Selbst Tiefsteuerkantone wollen die Abgaben erhöhen. Mehr...

Tiefe Steuern, hohe Mieten

Kommentar Zum Steuerwettbewerb in der Zentralschweiz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Ganz einfach fit für Onlinebanking

Mit E-Finance haben Sie jederzeit und überall Zugang zu Kontobewegungen und allen weiteren Onlinebanking-Funktionen.

Die Welt in Bildern

Tischlein deck dich: Ultra-orthodoxe Juden der Nadvorna-Dynastie begehen in Bnei Brak, Israel, das Neujahrsfest der Bäume. (21. Januar 2019)
(Bild: Oded Balilty/AP) Mehr...