Wo man am einfachsten Schweizer wird

St. Gallen verlangt eine viermal längere Wohnsitzdauer als Bern, Solothurn achtmal höhere Gebühren als das Wallis: Einbürgerungsregeln variieren beträchtlich.

Je nach Kanton kann ein Schweizer Pass über 3000 Franken kosten. Foto: Keystone

Je nach Kanton kann ein Schweizer Pass über 3000 Franken kosten. Foto: Keystone

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Erleichtert eingebürgert werden, das heisst vor allem eines: Der Bund entscheidet. Für einen betroffenen Ausländer vereinfacht das in der Tat vieles. Denn je nach dem, in welchem Kanton und welcher Gemeinde er wohnt, kann eine Einbürgerung auf dem normalen Weg schwierig und teuer werden. Ob die dritte Ausländergeneration künftig die Abkürzung via Bund nehmen darf, wird das Stimmvolk am 12. Februar festlegen. Bei einem Nein bleiben sie von den ­Regeln an ihrem Wohnort abhängig – die folgenden Beispiele zeigen, wie gross nur schon die Unterschiede unter den Kantonen sind:

Wer besonders wählerisch ist: Um Schweizer zu werden, muss man zwölf Jahre im Land gelebt haben: So verlangt es der Bund. Die Kantone können darüber hinaus aber ihrerseits Mindestaufenthaltsdauern verlangen, und sie nutzen dieses Recht teils weidlich aus. Rekordhalter ist der Kanton St. Gallen: Er verlangt acht Jahre Wohnsitz auf Kantonsgebiet, ehe er Ausländer unter die Seinen aufnimmt. Am anderen Ende der Skala finden sich Bern und Genf, wo zwei Jahre im Kanton genügen.

Wer grosszügiger werden muss: Das neue Bürgerrechtsgesetz, das 2018 in Kraft tritt, erlaubt den Kantonen nur noch eine Mindestwohnsitzdauer von maximal fünf Jahren. Insgesamt sieben Kantone (GL, GR, NW, SO, TG, UR, SG) müssen aus diesem Grund ihre Fristen nach unten anpassen.

Wer die meisten Pässe vergibt: ­Zürich bürgerte 2015 gemäss Bundesamt für Statistik am meisten Personen ein (9801), Appenzell Innerrhoden die wenigsten (43). Das ist insofern logisch, als diese zwei Kantone auch bei der Bevölkerungszahl an der Spitze respektive am Schluss liegen. Es gibt allerdings auch Abweichungen in der Reihenfolge. So ist Bern mit einer guten Million Einwohner der nach Zürich bevölkerungsreichste Kanton – mit 2904 Einbürgerungen liegt er allerdings hinter Genf (6100), der Waadt (4846) und dem Aargau (3349). Ein Grund dafür könnte eine Einbürgerungsinitiative der Jungen SVP sein, die 2013 vom Berner Stimmvolk angenommen wurde. Für die Erteilung des Bürgerrechts gelten seither strengere Regeln – der Kandidat muss neu zum Beispiel über eine Niederlassungsbewilligung verfügen (C Ausweis). Tendenziell sind die Westschweizer Kantone, gemessen an ihrer Bevölkerungszahl, mit dem Bürgerrecht freigebiger.

Wo viel erleichtert wird: In drei von 26 Kantonen gab es 2015 mehr erleichterte als ordentliche Einbürgerungen: in Appenzell Ausserrhoden (53 versus 52), Innerrhoden (22 vs. 20) und Jura (150 vs. 144). Das besagt allerdings nicht, dass diese Kantone speziell locker mit ihren Pässen hantierten. Von Erleichterungen profitieren heute gemäss Bundesrecht vor allem Ehepartner von Schweizern sowie die Kinder dieser Paare. In kleinen Kantonen mit wenig Wirtschaftsimmigranten geht oft ein beträchtlicher Teil der Einwanderung auf Eheschliessungen zurück. Nach fünf Jahren (statt nach zwölf) können sich die Familienmitglieder dann im abgekürzten Verfahren beim Bund um das Bürgerrecht bewerben. Schweizweit ist nur etwa jede vierte der über 40 000 jährlichen Einbürgerungen erleichtert.

Wo der Pass ins Geld geht: Oft ist das Geld für Ausländer ein Grund, auf eine Einbürgerung zu verzichten. Zürich zum Beispiel verlangt für eine Einzelperson, die über 25 Jahre alt ist, eine Einbürgerungsgebühr von 500 Franken – und liegt damit beim interkantonalen Vergleich im unteren Drittel. In Bern sind es schon 1100 Franken. In Zug oder Solothurn können es auch bis zu 2400 sein. Tendenziell langen die Westschweizer Kantone etwas weniger kräftig zu: Im Wallis kommt ein Kandidat auf Kantonsebene mit 300 Franken durch, in der Waadt mit 350. In diesen Zahlen noch nicht enthalten sind die Gemeindegebühren. Alles in allem kann ein roter Pass den Empfänger deutlich über 3000 Franken kosten. Ein Spezialfall ist Genf: Die Grundtaxe (920 Franken) verdoppelt, verdreifacht oder vervierfacht sich je nach Gehalt, wobei der höchste Tarif für Einkommen ab 120 000 Franken gilt.

Wo Einbürgern Chefsache ist: Wer Schweizer Bürger werden will, muss zeigen, dass er integriert ist. Geprüft wird das, zumal auf Kantonsebene, in der ­Regel von den zuständigen Ämtern. In Appenzell Innerrhoden dagegen sind es Mitglieder des Kantonsparlaments, die die Kandidaten auf ihre Eignung hin testen. Wer Innerrhodner werden will, hat vor der Kommission für Recht und Sicherheit des Grossen Rates anzutraben. Die Politiker ermitteln dann Sprachkenntnisse, Integration und staatspolitisches Wissen des Prüflings. Sie wollen sich dabei offensichtlich nicht dem Verdacht übertriebener Nachsichtigkeit aussetzen: Man habe «bei den meisten Gesuchstellern mangelnde Kenntnisse über unser Staatswesen sowie die Kultur und Bräuche in unserem Kanton festgestellt», hielt die Kommission vor einiger Zeit in einer Broschüre fest.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2017, 23:06 Uhr

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