«Younow ist keine intime Gesprächsrunde»

Der Internetdienst müsse nicht verteufelt werden, sagt Patric Raemy von Pro Juventute. Wichtiger sei es, die Jugendlichen und Kinder in Medienkompetenz zu fördern.

Als Erwachsener müsse man nicht alle Dienste kennen und auch nicht mögen, aber man solle versuchen zu verstehen, was die Jugendlichen daran fasziniere, sagt Patric Raemy, der Medienexperte. Foto: Pro Juventute

Als Erwachsener müsse man nicht alle Dienste kennen und auch nicht mögen, aber man solle versuchen zu verstehen, was die Jugendlichen daran fasziniere, sagt Patric Raemy, der Medienexperte. Foto: Pro Juventute

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Herr Raemy, der Onlinedienst Younow versetzt Kinderschützer und Behörden in Alarmbereitschaft. Ist das eine medial unterstützte Hysterie oder haben die Kritiker recht?
Ich möchte zuerst festhalten, dass Younow grundsätzlich ein Dienst ist, der unterhalten soll. Eine Plattform, um sich via Liveübertragung darzustellen. Da geht es um Kreativität, Komik oder Selbstverwirklichung. Weil nun vor allem Jugendliche Younow nutzen, ist auch Vorsicht, aber keine Hysterie angebracht.

Warum Vorsicht?
Wer mit Younow live sendet, sucht Aufmerksamkeit. Die Versuchung, persönliche Angaben preiszugeben, ist gross. Dazu kommt die Geschwindigkeit der Liveübertragung: Stellt ein Chatteilnehmer einem Teenager eine Frage, hat dieser wenig Zeit, darüber nachzudenken. Weil es den Dienst noch nicht lange gibt, sind auch die Sicherheitseinstellungen noch rudimentär.

Immerhin werden die Übertragungen nicht für immer gespeichert.
Aus meiner Sicht ist es vor allem problematisch, dass jeder, auch anonym, die Liveübertragungen mitverfolgen kann. Nutzer sollten die Möglichkeit haben, ihre Zuschauer auszuwählen oder zumindest das Publikum einzuschränken.

Wer negativ auffällt, kann blockiert werden.
Ja. Die meisten Jugendlichen kennen diese Funktion bereits von Facebook und Instagram.

In Deutschland bezeichnen Kinderschützer Younow als Paradies für Pädosexuelle. Sehen Sie das auch so?
Das würde ich nicht so allgemein sagen. Klar, man weiss nie, wer alles zuschaut. Aber das Internet bietet Pädosexuellen grundsätzlich viele Möglichkeiten. Wenn die Nutzer sich nicht sexuell aufreizend präsentieren und nicht zu viele private Infos preisgeben, dann ist es auch nicht so schlimm, wenn Pädosexuelle zuschauen.

Wer Younow besucht, findet rasch 14-Jährige, die auf Geheiss ihren Bauchnabel und ihre BH-Träger zeigen oder sich auf den Mund küssen. Könnte dies nicht eine besondere Anziehungskraft auf Leute mit entsprechenden Neigungen ausüben?
Natürlich bestehen da Gefahren. Aber Younow existiert nun mal. Man sollte sich nicht darauf konzentrieren, den Dienst zu verteufeln, sondern sich vor allem überlegen, wie man damit umgeht.

Mädchen machen Kussspiele vor der Webcam: Stimmen aus Datenschutzgründen verfremdet. Videorealisation: Lea Koch

Und was raten Sie?
Als Eltern oder Lehrkraft muss man den Jugendlichen klarmachen, dass Younow keine intime Gesprächsrunde ist. Das ist öffentlich. Das Preisgeben von persönlichen Angaben wie Namen, Adresse oder Schule ist riskant. Dieses Wissen alleine reicht jedoch nicht immer. Die Jugendlichen brauchen Übung. Das theoretische Wissen muss so selbstverständlich werden, dass sie es automatisch umsetzen.

Die Landschaft der sozialen Medien verändert sich rasant. Für Erwachsene ist es schon eine Herausforderung, zu wissen, welche Onlinedienste überhaupt gerade aktuell sind.
Als Erwachsene muss man nicht alle Dienste kennen und auch nicht mögen, aber man sollte versuchen zu verstehen, was die Jugendlichen daran fasziniert. Da hilft nur das Gespräch mit den Jugendlichen. Wer echtes Interesse zeigt, wird auch informiert. Das ist das Fundament für eine gelingende Medienerziehung.

Was können Jugendliche tun, wenn sie mit Aufnahmen aus dem Netz gemobbt oder erpresst werden?
Sie sollen schnellstmöglich ihre Eltern oder Lehrer informieren. Hier ist es wichtig, dass sowohl Lehrer als auch Eltern eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen. Wenn Sie den Jugendlichen zeigen, dass sie ein offenes Ohr haben und nicht alles gleich verteufeln, dann werden sich die Jugendlichen bei Problemen eher an sie wenden. Hilfe bieten auch Beratungsdienste.

Im Parlament laufen Bemühungen, um das Anbahnen sexueller Kontakte im Internet unter Strafe zu stellen. Zudem soll sexuelle Belästigung von Kindern unter 16 Jahren künftig von Amtes wegen verfolgt werden müssen. Sind das aus Ihrer Sicht die richtigen Massnahmen?
Wir können nicht auf ein Gesetz warten. Viel wichtiger ist es, unter den Jugendlichen und Kindern die Medienkompetenz zu fördern. Die Jugendlichen müssen sich im Internet auch ein Stück weit selber regulieren. Die konkreten politischen Vorschläge kann man sicher diskutieren. Doch an erster Stelle steht für mich Prävention.

Erstellt: 20.02.2015, 15:36 Uhr

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