Zahl der Sonderschüler steigt ungebremst

In der Schweiz werden heute beinahe doppelt so viele Kinder als verhaltensauffällig eingestuft wie noch vor wenigen Jahren. Laut einem Bericht kann dies für die Schulen auch eine Entlastung bedeuten.

Der Anteil Sonderschüler liegt zurzeit bei 3,2 Prozent: Schüler in der ersten Klasse in Servion (VD).

Der Anteil Sonderschüler liegt zurzeit bei 3,2 Prozent: Schüler in der ersten Klasse in Servion (VD). Bild: Keystone

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Rund 24'000 Kinder und Jugendliche in der Schweiz gelten heute als Sonderschüler. Dies sind 10'000 mehr als noch vor zehn Jahren, wie Recherchen der «NZZ am Sonntag» zeigen. Weil die Gesamtzahl der Schüler gesunken ist, hat sich der Anteil Sonderschüler damit innert weniger Jahre beinahe verdoppelt – von 1,7 auf 3,2 Prozent. Dies sagt Béatrice Kronenberg, Direktorin des Schweizer Zentrums für Heil- und Sonderpädagogik, das im Auftrag der Erziehungsdirektorenkonferenz und des Bundesamts für Sozialversicherungen arbeitet.

Noch gibt es keine nationale Statistik, da die Zahl der in Regelklassen integrierten Sonderschüler nicht zentral erfasst wird. Die aus den Kantonen gemeldeten Zahlen bestätigen jedoch die Schätzung der Expertin. In Zürich und Luzern hat der Anteil innert zehn Jahren um zwei Drittel zugenommen, in Schwyz und Bern war der Zuwachs seit 2004 nur geringfügig tiefer.

Lehrperson und Schulbudget entlasten

Die Zahlen zeigen: Es gibt zwar immer mehr integrierte Sonderschüler, doch die separierten nehmen deswegen nicht ab. Der Kanton Zürich rechnet für seine gut 4000 Sonderschüler mit jährlichen Kosten von 300 Millionen Franken. Laut dem Regierungsrat ist das 85 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Gesamtschweizerisch dürfte die Milliardenmarke damit weit überschritten sein.

Der Grund für diese Entwicklung ist für Kronenberg klar: «Nicht nur die Lernenden, die früher in einer Sonderschule geschult worden wären, werden integriert, sondern auch eine Gruppe von Lernenden, für die eine separierte Schulung gar nie ein Thema war», sagt sie gegenüber der «NZZ am Sonntag». Damit wird einerseits die Lehrperson, andererseits aber oftmals auch das Schulbudget entlastet, da Kanton und Gemeinden die Kosten tragen.

Druck ablassen

Mit ihrer Meinung steht Kronenberg nicht allein da. Laut dem Bericht sprechen auch die Zuständigen in den Kantonen darüber, dass über den Status Sonderschüler oft gesellschaftliche Probleme aufgefangen würden. Der Stadtbasler Volksschulchef Pierre Felder spricht von der Sonderschulung als einem «Ventil, um Druck aus dem überhitzten System Schule abzulassen».

SP-Nationalrat und Bildungsexperte Jean-Francois Steiert (FR) plädiert in der Angelegenheit für Gelassenheit. «Es braucht Zeit, die grundsätzlich richtige Bestrebung der Integration umzusetzen», sagt er. Erst vor fünf Jahren ging die Verantwortung für die Sonderschulung vom Bund auf die Kantone über. Laut Steiert dauert es mindestens noch drei bis vier Jahre, bis man eine seriöse Bilanz ziehen kann. (wid)

Erstellt: 09.12.2012, 12:09 Uhr

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