Hintergrund

Zahnarztversicherung für alle?

In der Waadt nimmt die Linke einen neuen Anlauf für eine obligatorische Zahnversicherung. Was man in der Wandelhalle dazu sagt.

Untersuchungen beim Zahnarzt werden schnell teuer.

Untersuchungen beim Zahnarzt werden schnell teuer. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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3,8 Milliarden Franken haben Schweizerinnen und Schweizer im Jahr 2011 für zahnärztliche Behandlungen ausgegeben. Den Grossteil davon, nämlich 3,4 Milliarden, haben sie aus dem eigenen Sack bezahlt. Nur gerade 400 Millionen trugen öffentliche oder private Versicherungen bei, wie die aktuellsten Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen. In den Jahren zuvor war es nicht anders. Sowohl die Gesamtkosten für Zahnbehandlungen als auch die Selbstbeteiligung bewegten sich in ähnlichem Rahmen.

Zumindest im Kanton Waadt soll sich dieser Finanzierungsmodus nun ändern. Mit einer kantonalen Volksinitiative wollen Linke, Grüne und Gewerkschaften eine obligatorische Zahnpflegeversicherung einführen, die über Lohnabzüge finanziert wäre. Mit Ausnahme von rein ästhetischen Eingriffen würde die Versicherung sämtliche zahnärztlichen Behandlungen abdecken. Die Initianten rechnen mit jährlichen Kosten von bis zu 350 Millionen Franken, welche die Versicherung übernehmen müsste. Als Vorbild nennen sie Nachbarländer wie Deutschland, wo die Krankenkassen für Zahnarztkosten aufkommen.

Die Zahntante solls richten

Für bürgerliche Gesundheitspolitiker sind ausländische Beispiele aber gerade nicht vorbildlich. «Wir haben im internationalen Vergleich eine der besten Präventionen und einen sehr guten Zustand der Zähne», sagt die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel. Das sei auch darauf zurückzuführen, dass die Leute selber bezahlen müssten. Die Prävention fange mit der «Zahntante» in der Schule an, und dieses «gute Konzept wäre mit einer obligatorischen Versicherung gefährdet». Die Kosten mögen hoch erscheinen, sagt Humbel, seien aber zu relativieren: «Wie viel geben Leute für die Ferien oder fürs Auto aus?», fragt sie.

Ähnlich argumentiert der Zürcher FDP-Ständerat Felix Gutzwiller. Die Schweiz habe ein hohes Niveau in der Prävention. «Empirische Studien zeigen jedoch, dass dieses Niveau sinkt, wenn die Behandlungen öffentlich finanziert werden», sagt der Präventivmediziner. Er will bei der Zahnbehandlung daher weiterhin auf «Selbstverantwortung statt auf staatliche Zwangsversicherung» setzen. Zumal der Waadtländer Vorschlag mit den Lohnabzügen ein problematisches Finanzierungsmodell vorsehe.

Gar nichts von einer obligatorischen Zahnversicherung hält der Zürcher SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi. Die Leute müssten einen Teil der Gesundheitskosten selber übernehmen, und die Zähne seien ein gutes Beispiel dafür, dass die Kostenbeteiligung funktioniere. «Dass die Leute selber bezahlen müssen, hält überbordende Behandlungen in Grenzen», sagt Bortoluzzi, und: «Eine obligatorische Versicherung führt zu einer Mengenausweitung wie in andern Bereichen.» Wer sich Zahnbehandlungen vergüten lassen wolle, könne dies über freiwillige Zusatzversicherungen bereits heute tun.

«Wichtig für Leute mit kleinen Einkommen»

Vorbehalte gegen eine landesweite Versicherung für Zahnbehandlungen äussert sogar die Basler SP-Nationalrätin Silvia Schenker, denn «für eine nationale Lösung wäre der Schritt wohl noch zu gross». Sie verweist auf verschiedene Vorstösse in diesem Bereich, die im Parlament allesamt durchgefallen sind. Die Idee an sich findet Schenker allerdings gut. «Vor allem für Leute mit kleineren Einkommen verursachen Zahnarztkosten häufig Probleme, und es besteht die Gefahr, dass sie aus Kostengründen auf eigentlich nötige Behandlungen verzichten», ist sie überzeugt. Es sei daher zu begrüssen, dass ein solches Projekt zunächst auf kantonaler Ebene lanciert werde. Und der Kanton Waadt sei ja bekannt für seine innovativen Ansätze in der Sozial- und Krankenversicherung.

Erstellt: 04.03.2014, 12:16 Uhr

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