Hintergrund

Zermatt startet Angriff auf das Schutzgebiet Monte Rosa

Die imposante Bergregion soll den Schutzstatus verlieren. Die Gemeinde Zermatt will so das dort drohende Heliskiing-Verbot verhindern. Der Präsident der eidgenössischen Naturschutzkommission ist besorgt.

Das Gebiet steht seit 30 Jahren unter Schutz: Monte-Rosa-Hütte mit Matterhorn im Hintergrund.

Das Gebiet steht seit 30 Jahren unter Schutz: Monte-Rosa-Hütte mit Matterhorn im Hintergrund. Bild: Keystone

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Seit 30 Jahren steht das Monte-Rosa-Gebiet bei Zermatt unter Schutz. Der Bundesrat hat diese imposante, stark vergletscherte Region 1983 ins Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) aufgenommen. Geht es nach dem Gemeinderat Zermatt, soll dieser Schutzstatus nun fallen.

Betroffen wäre nicht nur das Monte-Rosa-Gebiet, sondern auch die angrenzende Gletscherwelt zwischen Matterhorn, Dent Blanche und Pigne d’Arolla – eine Fläche von total 270 Quadratkilometern, anderthalb Mal so gross wie der Schweizer Nationalpark im Engadin. Damit würde das BLN-Inventar des Bundes künftig nur noch 161 Schutzobjekte umfassen, dies auf rund 7600 Quadratkilometern – knapp 20 Prozent der Schweizer Landesfläche.

Mit seiner Forderung reagiert der Zermatter Gemeinderat auf ein umstrittenes Gutachten: Darin empfiehlt die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK) dem Bund, Heliskiing und andere touristische Flüge auf den Gebirgslandeplatz Monte Rosa künftig zu verbieten. Dessen Nutzung, so die ENHK, beeinträchtige «schwerwiegend» das Schutzziel, die Ruhe und Stille in dieser «nahezu unbelasteten» Hochgebirgslandschaft zu erhalten oder wiederherzustellen.

Zermatt kritisiert Experten

In Zermatt hat das Gutachten der ENHK Ängste geschürt. Bergführer fürchten um einen Teil ihrer Einkünfte, ebenso der Hüttenwart der Monte-Rosa-Hütte. Auch die Gemeinde Zermatt bangt: Um weiterhin zu den Top-Skidestinationen der Welt zu gehören, hat sie jüngst die Strategie «Zermatt 2018» mit einem Investitionsvolumen von 1,2 Milliarden Franken für die nächsten zehn Jahre verabschiedet. Einer ihrer Pfeiler soll das Heliskiing bilden.

Vor diesem Hintergrund hat Gemeindepräsident Christoph Bürgin (CVP) die ENHK im «Walliser Boten» jüngst gegeisselt: Das Gremium mache Schutzziele geltend, die sich weder im Bundesinventar noch im Objektblatt zum Monte-Rosa-Gebiet oder den BLN-Richtlinien finden liessen. Die ENHK habe es zudem versäumt, vom Kanton Wallis und von Zermatt als betroffener Gemeinde eine Stellungnahme einzuholen. Bürgin spricht von Fachleuten einseitiger Ausrichtung, die das Heliskiing aus ideologischen Gründen verbieten wollten. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» hält Bürgin an seiner Kritik fest; das Gutachten bezeichnet er als «jenseits von Gut und Böse».

Schutzgebiete ungeschmälert erhalten

ENHK-Präsident Herbert Bühl weist diese Vorwürfe zurück: «Wir agieren als ausserparlamentarische Kommission des Bundes unabhängig.» Die ENHK erstellt pro Jahr rund 120 Gutachten. Jenes zum Landeplatz Monte Rosa bezeichnet Bühl als Routineaufgabe. Dass sich das Gremium aus fünfzehn Fachleuten zusammensetzt – etwa Biologen, Geologen, Kunsthistorikern, Raumplanern, Architekten, Bergführern und Forstleuten –, ist laut Bühl der Komplexität der Aufgabe geschuldet und habe mit ideologischer Unterwanderung nichts zu tun.

Alpenschutzorganisationen wie etwa Mountain Wilderness könnten in die ENHK keine Vertreter entsenden, sagt der Präsident. Er betont, das Gutachten habe sehr wohl eine gesetzliche Grundlage. Der ehemalige Schaffhauser Regierungsrat (Ökoliberale) verweist auf das Natur- und Heimatschutzgesetz sowie die vom Bundesrat 1977 genehmigten Erläuterungen zu den BLN-Objektblättern. Dort stehe klipp und klar, die Schutzgebiete seien möglichst ungeschmälert zu erhalten, was auch das hohe Gut der Ruhe und Stille einschliesse.

Druck auf Schutzgebiete wächst

Bühl, der die ENHK seit 2005 präsidiert, kann sich an keinen vergleichbaren Angriff auf den BLN-Schutzstatus erinnern. «Ein Land wie die Schweiz mit sehr hohem Siedlungsdruck tut gut daran, die wertvollsten Landschaften zu schützen.» Bühl sagt dies nicht nur mit Blick auf Zermatt. Der Druck auf die BLN-Gebiete steige generell. Verantwortlich dafür sei nicht zuletzt die vom Parlament und Bundesrat beschlossene Energiewende.

In der Tat unterstützen die vorberatenden Kommissionen des Parlaments eine parlamentarische Initiative von Joachim Eder. Der Zuger FDP-Ständerat verlangt, die Gutachten der ENHK künftig bloss als unverbindliche Stellungnahmen zu behandeln, die in die Interessenabwägung einfliessen sollen. Heute bilden sie für die Behörden die massgebliche Entscheidungsgrundlage. Gelten soll die Neuerung speziell für Projekte, welche die erneuerbaren Energien fördern oder die energetische Sanierung von Gebäuden vorantreiben.

Aufhebung wäre ein Novum

Das Bundesamt für Umwelt im Departement von Doris Leuthard (CVP) äussert sich nicht zur Forderung Zermatts. Eine Sprecherin verweist auf den Bundesrat, der über Anpassungen des BLN-Inventars befinden muss. In einem nächsten Schritt muss Zermatt den Kanton Wallis von seinem Ansinnen überzeugen. Denn nur die Kantone können beim Bund beantragen, BLN-Gebiete aufzuheben.

Zermatts Gemeindepräsident Bürgin hat das Anliegen letzte Woche denn auch bei den kantonalen Behörden deponiert. Wie der Kanton Wallis damit verfahren wird, ist noch offen. «Wir analysieren jetzt die Forderung und werden Zermatt demnächst eine Antwort schicken», sagt Olivier Guex vom Departement für Verkehr, Bau und Umwelt, dem Staatsrat Jacques Melly (CVP) vorsteht.

Würde der Bundesrat einen allfälligen Antrag der Walliser Behörden unterstützen, käme dies einem Novum gleich. Seit 1977, dem Beginn der Inventarisierung der Schutzgebiete, hat er nur kleine Änderungen bewilligt, etwa feine Korrekturen der Gebietsperimeter. Dies nicht zuletzt, weil Anpassungen von Gesetzes wegen bis dato nur erfolgen durften, falls dem Schutzziel gleich- oder höherwertige Interessen von ebenfalls nationaler Bedeutung entgegengestanden sind. Zu den Erfolgsaussichten Zermatts wagt Gemeindepräsident Bürgin keine Prognose. Er sagt nur: «Wenn wir nichts unternehmen, haben wir überhaupt keine Chance.»

Erstellt: 03.05.2013, 06:05 Uhr

(Bild: TA-Grafik/Quelle: Bundesamt für Umwelt)

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