Zivildienst platzt aus allen Nähten

Wer Zivildienst leisten will, muss seit einem Jahr keine Gewissensprüfung mehr ablegen. Die Folge: fünfmal so viele Gesuchsteller wie vorher und kaum Einsatzplätze.

Es werden immer mehr: Zwei Zivildienstleistende bei der Arbeit im Hof des heilpädagogischen Zentrums in Köniz.

Es werden immer mehr: Zwei Zivildienstleistende bei der Arbeit im Hof des heilpädagogischen Zentrums in Köniz. Bild: Keystone

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Am 1. April 2009 wurde die Gewissensprüfung für den Zivildienst abgeschafft. Also jene Erklärung, in der ein junger Mann erläutert, warum er lieber Zivildienst als Militärdienst leisten will. Seit jenem Zeitpunkt kann sich der Zivildienst vor Anfragen kaum mehr retten, wie die «Basler Zeitung» schreibt.

Waren es im Jahr 2007 noch 1722 Zivildienstbewerber und 2008 deren 1948, stieg die Zahl zwischen April 2009 und März 2010 auf 8756. Die Anzahl Männer, die Zivildienst leisten wollen, hat sich also verfünffacht. Für das laufende Jahr werden rund 8500 Gesuche erwartet, so dass Ende 2010 mit einem Zivildienstbestand von rund 25'000 Personen zu rechnen ist, im Vergleich zu 19'000 Ende März.

«Uns fehlt die Übersicht»

Der Ansturm erwischt den Zivildienst auf dem falschen Fuss: Es gibt kaum ausreichend Einsatzplätze für die Zivis. «Auf dem Papier haben wir genügend Arbeitsplätze. Faktisch genügt ihre Zahl nur knapp», sagt Zivildienst-Chef Samuel Werenfels gegenüber der «Basler Zeitung». Und weiter: «Uns fehlt derzeit die Übersicht, welche Plätze effektiv zur Verfügung stehen.»

Man sei deshalb auf der Suche nach neuen Einsatzbereichen, wie beispielsweise an Grossanlässen wie dem Abfahrtsrennen am Lauberhorn.

Viele «Drückeberger»

Damit sind jedoch nicht alle einverstanden. SVP-Sicherheitspolitiker Thomas Hurter ist die Zahl der Zivis zu hoch. Statt alternative Betätigungsfelder zu suchen, will er die Gewissensprüfung wieder einführen oder den Zivildienst verlängern. Zumal er unter den Bewerbern viele «Drückeberger» vermutet, «denen der Militärdienst stinkt».

Auch der FDP-Nationalrat Peter Malama möchte die Gewissensprüfung wieder einführen. Er will verhindern, dass der Zivildienst ein Sammelbecken von Armeekritikern wird.

Zivildienst-Chef Werenfels will von den Vorwürfen nichts wissen: «Die Gewissensprüfung hat wohl viele vom Zivildienst abgeschreckt», sagt er. Der Anstieg bedeute aber nicht, dass nun alle Gesuchsteller keine Gewissensgründe mehr hätten. Vielmehr hänge der Zivi-Zuwachs auch mit der Sinnkrise der Armee zusammen. Und: «Ein Drückeberger wäre nicht bereit, einen anderthalbmal längeren Dienst zu leisten.» (reh)

Erstellt: 14.05.2010, 14:44 Uhr

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