Zu häufige Computertomografie kann Krebs verursachen

Das Bundesamt für Gesundheit will die Strahlendosis deutlich verringern. Eine Studie zeigt, dass das geht.

Gefährliche Strahlung: Ein Patient während der Untersuchung mit einem Computertomografen.

Gefährliche Strahlung: Ein Patient während der Untersuchung mit einem Computertomografen. Bild: Keystone

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Die Computertomografie (CT) erlebt in der medizinischen Diagnostik einen Boom. Die schnell um den Körper rotierenden Röntgengeräte liefern scharfe dreidimensionale Bilder aus dem Inneren des Körpers. Rund 200 CT stehen heute in Schweizer Spitälern und privaten Radiologieabteilungen. Allerdings haben die Wundermaschinen eine Kehrseite. Jede Aufnahme setzt den Körper einer Strahlenbelastung aus. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) geht davon aus, dass die Strahlenexposition der Schweizer Bevölkerung in den letzten 5 Jahren um 20 Prozent zugenommen hat, weil die Computertomografie immer häufiger eingesetzt wird. Das kann fatale Folgen für einzelne Patienten haben. Eine Studie des amerikanischen Radiologen David Brenner aus dem Jahr 2007 prognostizierte, dass die Röntgenstrahlen von CT künftig 1,5 bis 2 Prozent aller Tumore verursachen könnten.

Aufgrund dieser besorgniserregenden Studie will das BAG die Strahlenbelastung nun deutlich reduzieren. Mit einer Pilotstudie zeigt das BAG erstmals auf, dass dies auch möglich ist. Eine Arbeitsgruppe des Instituts für diagnostische Radiologie des Berner Inselspitals beriet und schulte zehn Radiologieabteilungen in der Schweiz. Ziel war es, die Strahlendosis so zu minimieren, dass die diagnostische Aussagekraft nach wie vor den Qualitätsansprüchen genügte.

Rund um die Uhr im Einsatz

Die Studie belegt, dass die Radiologen mit wesentlich geringeren Dosen arbeiten könnten, als sie das zuweilen tun. Das grösste Potenzial besteht bei Aufnahmen der Lungenarterien, wo die Belastung bei den an der Studie beteiligten Röntgeninstituten um 40 Prozent reduziert werden konnte. Die Untersuchung wird bei Verdacht auf Lungenembolie angewandt. Um 34 Prozent verringert wurde die Strahlenbelastung bei Aufnahmen der Nasennebenhöhlen. Hier wird der CT zur Diagnose von chronischen Entzündungen eingesetzt. Markant war die Reduktion mit 30 Prozent auch bei Aufnahmen des Brustkorbes. Nur ein geringes Reduktionspotenzial ergab sich bei Untersuchungen des Schädels und des Bauches.

Nicht nur für die grossen Zentrumsspitäler, selbst für Regionalspitäler ist der Computertomograf heute unverzichtbar. «Der Computertomograf ist ein sehr nützliches Gerät, aber es ist wegen der Strahlenbelastung auch gefährlich», sagt Rainer Wolf, Leitender Arzt der Radiologieabteilung des Berner Inselspitals. Wolf verweist auf eine Studie aus Deutschland. Dort habe sich die CT-Strahlenbelastung der Bevölkerung allein zwischen 1996 und 2004 verdoppelt. Diese Entwicklung dürfte aufgrund der häufigeren Anwendung der CT anhalten.

Keine Erwachsenendosen mehr

Warum der CT so beliebt ist, zeigt die Notfallmedizin. «Auf der Notfallabteilung des Inselspitals sind die Geräte rund um die Uhr im Einsatz», sagt Wolf. Der Computertomograf sei zum schnellen Werkzeug für die Diagnostik geworden. «Heutige Geräte können in Sekunden einen ganzen Menschen vollständig scannen», sagt Wolf. Diese Geschwindigkeit ist gerade für Notfallpatienten ein Segen. Eine Bauchaufnahme eines Verletzten, der unruhig auf dem Schragen liegt, ist blitzschnell gemacht. Wolf nennt als Beispiel ein Kind, das sich auf dem Spielplatz mit einem stumpfen Gegenstand innere Verletzungen zugezogen hatte. Mit dem CT konnte sofort erkannt werden, dass der Darm verletzt war. Auf den Aufnahmen war genau zu sehen, an welchen Stellen Blut aus Gefässen trat.

Gerade weil der CT im Inselspital zum Alltag gehört, sei die Strahlenbelastung auch ein Forschungsschwerpunkt, sagt Wolf. «Wir überlegen ständig, wie wir die Dosen noch weiter runter bringen können.» Besonders gefährlich sind Röntgenstrahlen für Kinder. Die anerkannten Kinderradiologieabteilungen würden in der Schweiz heute deshalb nicht mehr mit Erwachsenendosen hantieren. Die Dosen werden entsprechend Körpergrösse und Gewicht reduziert.

Röntgenpass und Datenbank

Eine strahlenfreie Alternative zum CT ist die Magnetresonanztomografie (MRI). Sie gilt nach heutiger Erkenntnis als unschädlich. Allerdings kann die MRI nicht so breit eingesetzt werden wie die CT. Weitere Nachteile: Eine MRI-Untersuchung dauert 20 bis 30 Minuten und kostet mehr als die CT-Untersuchung.

Patientenschützerin Margrit Kessler empfiehlt den Patienten, sich einen Röntgenpass zuzulegen. Allerdings zeigt dieser nur die Häufigkeit einer bestimmten Röntgenaufnahme, nicht aber die Strahlenbelastung. An der Kinderklinik der Insel wird deshalb eine Datenbank geführt, in der die Strahlendosen der untersuchten Kinder registriert werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2010, 07:28 Uhr

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